«Ruhrpott der Schweiz» - die Bezeichnungen für das Limmattal von Aussenstehenden war in der Vergangenheit wenig schmeichelhaft. Seit geraumer Zeit versuchen die Gemeinden, und mit ihnen die Standortförderung, diesem Image entgegenzuwirken. Heute heisst es der Ort, «wo die Zukunft zu Hause ist». Zu Recht, geht es nach einer neuen Studie der Credit Suisse (CS). Diese kommt zum Schluss, dass das Limmattal «von einem einzigartigen Mix von Standortfaktoren profitiert». Die Nähe zum Ballungszentrum Zürich mache das Limmattal gleichzeitig zu einer Wohn- und Arbeitsregion. Die Ökonomen der CS attestieren der Region «ein mittel- und langfristig hohes Wachstumspotenzial der Wertschöpfung».

Untersucht wurden die Standortqualität der Region, die Bevölkerungsdynamik und die wirtschaftliche Entwicklung. Die Ergebnisse wurden jenen von benachbarten Regionen gegenübergestellt. Dazu gehören die Regionen Zürich Stadt, Pfannenstiel, Glattal, Knonau, Mutschellen, Zimmerberg, Baden, Furttal, Unterland, Oberland West und Freiamt.

Ein Vergleich, den das Limmattal nicht zu scheuen braucht. Bei der Standortqualität liegt es auf Rang 5 der von der Region Zürich Stadt angeführten Rangliste. Das Limmattal präsentiere sich nicht nur innerhalb des Kantons überdurchschnittlich attraktiv, sondern auch im Vergleich der insgesamt 110 Schweizer Wirtschaftsregionen, wo es den 6. Rang belege, so die Verfasser.

Attraktiver Alternativstandort

Die Gründe für die hohe Standortqualität sieht die Studie in der im Vergleich mit anderen Regionen günstigen Steuerbelastung und der deutlich überdurchschnittlichen verkehrstechnischen Erreichbarkeit. Das Limmattal stelle einen attraktiven Alternativstandort zum steuerlich teuren Zentrum dar. Dies zeige sich auch in der Zahl der im Limmattal ansässigen Firmen. Von den grössten Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen der Schweiz hatten im Jahr 2009 244 Firmen ihren Sitz im Kanton Zürich. Davon waren 28 Unternehmen im Limmattal ansässig, wiederum 15 alleine in Dietikon.

Mit über 20 000 Zupendlern, so die Verfasser, verzeichne das Limmattal den vierthöchsten Zustrom unter den Vergleichsregionen. Davon entfielen rund zwei Drittel auf die Gemeinden Schlieren und Dietikon. Gleichzeitig würden über 22 000 Personen täglich aus der Region wegpendeln.

Massgebend für die Standortqualität ist der so genannte Standortqualitätsindikator. Er beruht neben der Steuerbelastung und der verkehrstechnischen Erreichbarkeit auf zwei weiteren Faktoren: dem Ausbildungsstand der Bevölkerung und der Verfügbarkeit von Hochqualifizierten.

Unterdurchschnittliche Dynamik

Während das Limmattal bei der Erreichbarkeit und der günstigen Steuerbelastung ganz oben im Ranking mitmischt, präsentiert sich die Situation beim Ausbildungsstand der Bevölkerung und der Verfügbarkeit von hoch qualifizierten Arbeitnehmern gerade umgekehrt. Bei beiden Faktoren liegt das Limmattal deutlich hinter den umliegenden Regionen, vermag jedoch mit dem Schweizer Mittel mitzuhalten.

Auch im Bereich der Bevölkerungsdynamik hinkt das Limmattal hinterher. Mit einer mittleren jährlichen Wachstumsrate von 1 Prozent zwischen 1999 und 2009 weist das Limmattal im Vergleich mit den um liegenden Regionen eine unterdurchschnittliche Dynamik auf. Dennoch wird das Limmattal als attraktive Wohnregion, insbesondere für junge Erwachsene, bezeichnet. Mit einer Rate von 28 Prozent ist das Wachstum der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen im Limmattal zwischen 2004 und 2009 doppelt so hoch, verglichen mit der gesamten Schweiz.

Steigende Preise für Wohneigentum

Die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt bestätigt diese Aussage. So ist die Projektierung für Mehrfamilienhäuser seit 2009 wieder tendenziell ansteigend, nachdem die Gesuche zwischen 2006 und 2007 Rekordwerte von knapp 1200 erreicht hatten, danach aber eine rückläufige Phase folgte. Dies schlägt sich auch in den Preisen nieder. Zwischen 2005 und 2010 sind die Preise für Wohneigentum um durchschnittlich 34 Prozent gestiegen. Für die Nachfrage nach Wohnraum im Limmattal zeichnet vor allem der Mittelstand verantwortlich.

Dies wirkt sich auch auf die Haushalteinkommen aus. So weist die Region im Vergleich zum Schweizer Mittel sowohl ein höheres Einkommensniveau als auch höhere Wachstumsaussichten auf, heisst es in der Studie. Im Vergleich zum kantonalen Wert und den umliegenden Regionen schneide das Limmattal jedoch eher unterdurchschnittlich ab.

Synthetischer Index, CH=0, Steuerbelastung für das Jahr 2009 Quelle: Credit Suisse Economic Research

Standortqualität - Die Regionen im Vergleich

Synthetischer Index, CH=0, Steuerbelastung für das Jahr 2009 Quelle: Credit Suisse Economic Research

Als letztes Feld wurde schliesslich die Branchenstruktur in der Region untersucht. Diese ist von der hohen Konzentration der Beschäftigung im Dienstleistungssektor geprägt. 76 Prozent der Beschäftigten arbeiten im Tertiärsektor. Mit einem Beschäftigungsanteil von knapp 24 Prozent spielt aber auch der Industriesektor eine bedeutende Rolle. Zentrale Arbeitgeber sind der Grosshandel sowie die Informatik- und Autobranche. Im kantonalen und nationalen Vergleich zeigt sich ein überdurchschnittliches Wachstum der Beschäftigten in den Finanzdienstleistungen sowie in der Informations-, Kommunikations- und IT-Branche. Einen Rückgang verzeichnet das Limmattal jedoch im Bereich der Spitzenindustrie. Dieser fällt deutlich höher aus als für den Kanton.

«Weiche» Faktoren fehlen

Die Studie kommt aber zum Schluss, dass sich für die Branchenstruktur im Limmattal ein vorteilhaftes Bild ergibt. Einerseits hat das mit dem so genannten Chancen-Risiken-Profil der Branchen zu tun, welches erklärt, ob ein Unternehmen positiv oder negativ zu Veränderungen der Umwelt steht. Andererseits weist das Gros der im Limmattal vertretenen Branchen einen hohen Beschäftigungsanteil auf. Aufgrund dieser Kombination von hoher Standortqualität und überdurchschnittlicher Branchenbewertung rechnen die Autoren für das Limmattal langfristig mit einem positiven Wertschöpfungswachstum.

Nicht in die Untersuchung einbezogen wurden Faktoren wie die landschaftliche Schönheit oder die Qualität der öffentlichen Dienste. Zudem, so die Autoren, müsse auch die Heterogenität der Gemeinden berücksichtigt werden. So sei die durchschnittliche steuerliche Belastung im Limmattal insgesamt tiefer als in der Region Zürich Stadt. In einzelnen Gemeinden wie beispielsweise Urdorf, Schlieren oder Dietikon ist sie jedoch ähnlich hoch respektive höher.