Sonntagsgespräch
Spitex-Pflegefachfrau: «Die Uhr ist unsere ständige Begleiterin»

Monika Peyer arbeitet seit acht Jahren bei der Spitex Rechtes Limmattal. Obwohl die Arbeit psychisch und physisch immer belastender wird, möchte sie das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, nicht missen.

Sophie Rüesch
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Ständig auf Achse: Monika Peyer, Pflegefachfrau bei der Spitex Rechtes Limmattal.

Ständig auf Achse: Monika Peyer, Pflegefachfrau bei der Spitex Rechtes Limmattal.

Sophie Rüesch

Frau Peyer, die Gesellschaft wird älter, die Ansprüche an Medizin und Pflege steigen, es findet eine Verlagerung von der stationären zur ambulanten Pflege statt – der Leistungsdruck im Pflegebereich steigt. Wie stark spüren Sie das?

Monika Peyer: Stark. Der Arbeitsaufwand, besonders der administrative, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Gleichzeitig wurde die Betreuung anspruchsvoller, weil Patienten in zunehmend akuterem Zustand entlassen werden. Das hat die Arbeit aber auch interessanter gemacht. Die Spitex ist nicht mehr dieselbe wie früher. Anders, als viele Leute immer noch meinen, betreuen wir längst nicht mehr nur alte Leute, sondern erbringen dieselben Akutleistungen wie das Pflegepersonal im Spital.

Haben Sie je das Gefühl, für die nötigen Leistungen – und nicht zuletzt auch zwischenmenschliche Aspekte – nicht mehr genug Zeit zu haben?

Der Kostendruck hat auf jeden Fall zugenommen, weil wir stark an die Vorgaben der Krankenkassen gebunden sind. Wir haben keine Zeit zum Plaudern – die Uhr ist unsere ständige Begleiterin. Das Zwischenmenschliche muss trotzdem nicht zwingend zu kurz kommen. Man kann sich auch während der Pflege der Person widmen.

Die Pflegefachfrau

Monika Peyer (50) ist in Geroldswil aufgewachsen und absolvierte in Schlieren die Schwesternschule Theodosianum, wonach sie mehrere Jahre berufstätig war. Nach einer zehnjährigen Mutterschaftspause kehrte sie vor acht Jahren ins Berufsleben zurück und fing bei der Spitex Rechtes Limmattal an. Die Pflegefachfrau arbeitet mit Schwerpunkten auf Palliative Care und Onkologie-Pflege, zurzeit lässt sie sich zur beratenden Psychoonkologin weiterbilden. Peyer wohnt mit ihrem Mann und den zwei Kindern in Weiningen. (rue)

Und wenn darüber hinaus ein Gespräch nötig ist?

Dann muss man es sich einfach einrichten. Es kann nicht sein, dass wir einem Patienten wegen Zeitdruck das Gespräch verweigern. Es gibt für jede Situation eine Lösung.

Stieg der Leistungsdruck mit der Einführung der Fallpauschalen merklich oder fing alles schon viel früher an?

Ich kann nicht sagen, dass es genau ab dem 1. Januar 2012 strenger wurde. Die Anforderungen stiegen kontinuierlich, und nicht für alle Sparmassnahmen kann man allein den Fallpauschalen die Schuld geben. Was die Spitex aber tatsächlich massiv herausfordert, ist, dass es seit der Einführung der Fallpauschalen vermehrt kurzfristige Austritte gibt.

Worin liegt da das Problem?

Kurzfristige Einsätze erfordern sehr grosse Flexibilität von den Mitarbeiterinnen und nicht selten auch von unserer Kundschaft. Die Probleme kurzfristiger Entlassungen sind aber erkannt. Um diese möglichst zu beheben, finden zum Beispiel mit dem Spital Limmattal regelmässige Austauschsitzungen statt. Es ist aber nicht möglich, mit allen Spitälern eine so enge Zusammenarbeit zu pflegen.

Ist es eher die Aufgabe von Patient und Angehörigen, Austritte sauber zu organisieren oder müssen hier die Spitäler mehr in die Pflicht genommen werden?

Natürlich müssen beide ihren Teil beitragen, doch in erster Linie liegt die Verantwortung beim Spital. Die Patienten können schlechter beurteilen, welche Vorkehrungen für die Situation zuhause getroffen werden müssen. Zudem wäre bei den Spitälern etwas mehr Flexibilität wünschenswert: Dass sie einen Patienten halt noch einen Tag länger bei sich behalten, wenn für den Austritt noch nicht alles bereit ist.

Die Arbeitsbedingungen im Pflegesektor stehen immer wieder in der Kritik. Wie schlimm ist es wirklich?

Die Arbeit in der Spitex ist psychisch und physisch sehr belastend und wird es immer mehr. Schichtarbeit gab es zum Beispiel noch nicht, als ich vor acht Jahren hier anfing. Die unregelmässigen Arbeitszeiten sind auf jeden Fall eine zusätzliche Belastung. Gleichzeitig hat die Arbeit bei der Spitex aber auch Vorteile.

Die da wären?

Etwa die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten. Ich war damals sehr froh, dass ich nach der Mutterschaftspause mit einem 40-Prozent-Pensum beginnen und es kontinuierlich bis auf die heutigen 70 Prozent erhöhen konnte. Zudem erhalten wir viel Hilfe vom Betrieb. So werden wir zum Beispiel in Kinästhetik geschult, um zu lernen, wie wir den körperlichen Aufwand während der Pflege auf ein Minimum reduzieren können.

Es ist also gar nicht so schlimm?

Wie streng die Arbeit ist, zeigt ein Blick auf die Pensen in unserem Betrieb: Der Beruf ist so anstrengend, dass hier fast niemand Vollzeit arbeitet. Es ist schon bedenklich, wenn das Personal Lohneinbussen in Kauf nehmen muss, um den Job überhaupt machen zu können. Ganz zu schweigen davon, dass das auch Konsequenzen auf die Altersvorsorge hat.

Was müsste sich ändern?

Angesichts der hohen Arbeitsbelastung müsste eine frühzeitige Pensionierung ohne Renteneinbusse möglich sein. Auch mehr Ferien wären angezeigt.

In der Spitex arbeiten fast nur Frauen – wieso?

Ich kann es mir auch nicht erklären, da müssen Sie die Männer fragen! Von den gut 60 Mitarbeitenden sind bei uns nur vier Männer. Diese bereichern das Team enorm. Ich hoffe, dass das nur der Anfang ist.

Wie konstant sind die Beziehungen zu den Klienten?

In der Hauspflege sind sie konstanter als bei uns im – kleineren – Krankenpflegeteam, wo die Arbeitspläne enger gestrickt sind. Teilzeitarbeit sowie Ferien- und Weiterbildungsabwesenheiten machen eine kontinuierliche Mitarbeitereinsatzplanung sehr anspruchsvoll..

Beschweren sich da die Klienten?

Es ist tatsächlich einer der grössten Kritikpunkte. Klientenwünsche können oftmals nur sehr beschränkt berücksichtigt werden. Es ist schlicht nicht realistisch, sieben Tage die Woche dieselbe Person zu haben.

Begegnen Sie bei der Arbeit vielen Menschen, die einsam sind?

Ja, immer wieder, besonders bei älteren Klienten. Einige von ihnen wollen das auch, das muss man akzeptieren. Doch wenn es keine gewählte Einsamkeit ist, macht es schon sehr betroffen. Besonders, wenn die Isolation auf körperliche Gebrechlichkeit zurückzuführen ist. Klienten, die dazu noch imstande sind, versuchen wir zu motivieren, das Haus öfter zu verlassen, mal den Mittagstisch der Gemeinde zu besuchen. Es gibt Leute, die das kategorisch ablehnen, anderen muss man bloss etwas Mut machen.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie merken, dass Sie die einzige Bezugsperson für eine Klientin sind?

Ich muss meinen Zeitplan einhalten, auch wenn sich die Person freuen würde, wenn ich noch für einen Kaffee bleiben könnte. Ich habe dadurch auch gelernt, dass ich mir selbst frühzeitig Gedanken darüber machen muss, wie ich im Alter leben will und wie mich darauf vorbereiten kann. Soziale Netze muss man pflegen – die sind im Alter nicht plötzlich da, wenn die Familie weg ist.

Haben Sie durch Ihre Arbeit, besonders auch durch Ihren Schwerpunkt Palliative Care, ein entspannteres Verhältnis zum eigenen Tod entwickelt?

Auf jeden Fall. Ich lebe bewusster, im Wissen darum, dass morgen schon alles anders aussehen kann. Sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen, ist aus meiner Sicht auch Voraussetzung für die Ausübung dieses Berufs.

Wie nahe gehen Ihnen Todesfälle?

Das sind immer traurige Momente; hinter jeder Situation steht schliesslich ein Mensch mit Angehörigen. Besonders wenn man jemanden sehr lange betreut, kann eine freundschaftliche Beziehung entstehen. Meine Rolle als Pflegefachfrau ist zwar klar definiert. doch zwischenmenschliche Beziehungen sind ein Grundpfeiler der Arbeit. Wenn ich diese nicht zuliesse, wäre ich im falschen Beruf. Dazu kommt, dass ich manche Klienten bereits kenne, weil ich in meinem Arbeitsgebiet aufgewachsen bin und hier lebe.

Wie gehen Sie mit Todesfällen um?

Ich habe meine persönlichen Coping-Strategien, die mich dabei unterstützen. Arbeits- und Lebenserfahrung helfen dabei. Auch eine gute Work-Life-Balance ist unabdingbar, um schwierige Situationen aushalten zu können. Jemanden in den Tod zu begleiten, ist für mich aber keine Belastung, sondern eine sehr schöne, wertvolle Arbeit. Denn ich gebe ja nicht nur, ich bekomme auch sehr viel zurück. Es ist ein sehr spezieller und intimer Moment, am Ende eines Lebens teilhaben zu dürfen. Die grosse Dankbarkeit, die mir Klienten und Angehörige dafür entgegenbringen, gibt mir sehr viel Kraft.

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