Spital Limmattal
Spitaldirektor Brack: «Aus meiner Sicht ist es nicht überstürzt»

Ab dem 1. Januar muss das Spital Limmattal, wie alle anderen Spitäler in der Schweiz, im Rahmen des neuen Spitalgesetzes funktionieren. Spitaldirektor Thomas Brack erklärt, wieso er der Umstellung gelassen entgegenblickt und was ihn ärgert.

Bettina Hamilton-Irvine
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«Es ist sinnvoller, nun einfach zu starten»: Spitaldirektor Thomas Brack vor dem Spital Limmattal. Sandro ZimmerlI

«Es ist sinnvoller, nun einfach zu starten»: Spitaldirektor Thomas Brack vor dem Spital Limmattal. Sandro ZimmerlI

Limmattaler Zeitung

Herr Brack, im Januar tritt das neue Spitalfinanzierungsgesetz in Kraft. Die Tarife, mit denen Sie arbeiten müssen, sind jedoch noch nicht endgültig definiert. Macht Sie das nicht wahnsinnig?

Thomas Brack: (lacht) Nein, es macht mich nicht wahnsinnig. Denn Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger hat ja einen provisorischen Arbeitstarif festgelegt, damit wir ab 1. Januar 2012 trotzdem arbeiten können. Die Base Rate, also der Basispreis für einen durchschnittlichen Fall, beträgt danach vorläufig 9500 Franken. Das ist meiner Meinung nach eine sinnvolle Grösse, mit der wir vorerst gut klarkommen.

Generiert die Tatsache, dass Sie mit provisorischen Tarifen anfangen und später wohl nochmals umstellen müssen, denn nicht einen enormen Mehraufwand für Sie?

Das stimmt. Es bedeutet, dass wir später möglicherweise nachverrechnen müssen, was einen grossen administrativen Aufwand bedeutet. Doch viel schlimmer wäre es gewesen, wenn wir gar keine Tarife hätten, nichts verrechnen könnten und somit irgendwann Liquiditätsprobleme bekommen würden. Ich bin der Ansicht, dass sich zumindest der Kanton Zürich hier korrekt verhalten hat, indem er uns eine Planungssicherheit gegeben hat. Wir wissen nun zumindest, wie wir ins neue Jahr starten können.

Der Grund, dass die Tarife noch nicht endgültig festgelegt sind, ist, dass die Tarifverhandlungen zwischen den Spitälern und den Versicherungen festgefahren sind. Wieso ist es so schwierig, sich hier zu einigen?

Das überrascht mich nicht. Man musste fast davon ausgehen, dass es bis Ende Jahr nicht gelingt, diese Preise zu vereinbaren. Denn nebst den Versicherern und den Leistungserbringer gibt es noch einige weitere Interessengruppen, die mitreden.

Das klingt nach einem komplizierten Prozess.

Das ist so. Denn nachdem wir mit einer Versicherung einen Tarif ausgehandelt haben, gibt es ein Genehmigungsverfahren, bei dem der Kanton die Vereinbarung gutheissen muss. Das braucht seine Zeit. Ausserdem spielt in diesem Verfahren auch der Preisüberwacher eine Rolle. Und dieser hat signalisiert, dass er zuerst gesamtschweizerisch die Übersicht braucht, bevor er Entscheide trifft. Daher müssen sogar die wenigen Häuser im Kanton, welche bereits mit einer Versicherungsgruppe Tarife vereinbart haben, mit provisorischen Preisen starten. Somit arbeiten alle Akutspitäler im Kanton Zürich, die auf der Spitalliste sind, ab dem 1. Januar vorläufig mit einer Base Rate von 9500 Franken. Ausgenommen davon ist das Unispital, welches einen höheren provisorischen Preis hat.

Wenn man bedenkt, dass die Spitäler mit provisorischen Tarifen arbeiten müssen und die Volksabstimmung über das Spitalgesetz im Juni stattfindet: Muss man dann nicht sagen, dass es etwas überstürzt ist, das Gesetz bereits per 1. Januar umzusetzen?

Nein, aus meiner Sicht ist es nicht überstürzt. Ich bin überzeugt, dass das Gesetz nicht besser wird, wenn man noch ein Jahr warten würde. Es ist sinnvoller, nun einfach zu starten. Klar ist es verbunden mit zusätzlichen Aufwänden und Unsicherheiten. Doch es ist wichtig, dass wir loslegen können und mit einem gewissen Pragmatismus an die Sache herangehen. Die noch nötigen Spezifizierungen und Anpassungen lassen sich im Laufe des nächsten Jahres erarbeiten.

Erst im Juni entscheidet das Volk über das Spitalgesetz. Sagt es Nein, müsste das Gesetz rückwirkend auf Januar wieder ausser Kraft gesetzt werden. Für Sie würde dies wohl ein ziemlicher Scherbenhaufen bedeuten.

Das wäre fast der Super-GAU. Doch man darf nicht vergessen, dass das Referendum nichts mit dem Gesetz als solches zu tun hat – darüber war man sich auch im Kantonsrat relativ einig. Es geht viel mehr um die Begleitumstände, die infrage gestellt werden. Daher bin ich optimistisch, dass das Gesetz durchkommen wird. Auch wir als Spital können mit sachlicher Information für die Meinungsbildung einen Beitrag leisten, um die Bürger davon zu überzeugen, dass das Gesetz sinnvoll ist.

Werden Sie in der Bevölkerung Stimmung machen für das Gesetz?

Ich denke schon, dass es unsere Aufgabe ist, in dem Rahmen unserer Möglichkeiten darüber aufzuklären, wie das Spitalgesetz funktioniert und was es bedeutet. Ich habe aufgrund von vielen Gesprächen den Eindruck erhalten, dass viele Leute nach wie vor nicht verstehen, worum es bei der Umsetzung des Gesetzes eigentlich geht. Hier können wir als Spital unterstützend wirken und den Leuten zeigen, dass das Gesetz aus unserer Sicht und für das Gesundheitswesen als Ganzes etwas sehr Sinnvolles ist.

Abgestimmt wird ja nicht nur über das Spitalgesetz, sondern auch über den Stützungsfonds, den Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger ursprünglich vorgeschlagen hatte. Er soll wenig rentable Spitäler wie das Kinderspital quersubventionieren können. Macht dies auch aus Ihrer Sicht Sinn?

Für mich ist es eine Frage der Kostenwahrheit. Wieso sollen wir mit Einnahmen, die das Spital Limmattal aus Zusatzversicherungen generiert, Leistungen finanzieren, die das Kinderspital erbringt? Das sehe ich nicht ein. Es müsste einen Mechanismus geben, bei dem das Kinderspital so alimentiert ist, dass es seine erbrachten Leistungen auch über dieses System finanzieren kann. Wenn man Quersubventionierung aus dem privat-versicherten Bereich machen muss, dann stimmt etwas nicht. Entweder wurden die Fallgewichte für das Kinderspital falsch berechnet oder die Base Rate ist zu tief.

Trotzdem muss ja auch das Kinderspital seine Existenz sichern können.

Selbstverständlich, das unterstütze ich auch voll und ganz. Nur scheint mir der Weg nicht richtig. Gleichzeitig verstehe ich auch nicht, wieso gewisse Spitäler eine höhere Base Rate als andere haben sollen. Wenn ein Spital wie das Triemli beispielsweise hochspezialisierte Leistungen im Bereich der Herzchirurgie anbietet, dann sollen die Entgeltungen dafür genügend hoch sein. Es kann nicht die Lösung sein, dass für das ganze Spital höhere Tarife gelten, damit die Blinddarmoperation die Herzoperation quersubventioniert.

Ärgert Sie das, weil dann die Gefahr besteht, dass Spitäler lukrativere Operationen bevorzugen?

Das ist nicht unbedingt der Punkt. Wenn es nötig ist, dass das Triemli kostenintensive Herzchirurgie anbietet, dann soll es so sein. Es ist jedoch nicht nachvollziehbar, wieso die Tarife dann nicht nur in diesem Bereich, sondern in allen Bereichen höher sind.

Zur Diskussion steht bei der Volksabstimmung auch der Gegenvorschlag des VPOD und der linken Parteien, die zusätzliche Bestimmungen zum Schutz des Personals vorsehen. Wie stehen Sie dazu?

Es ist meine persönliche Meinung, dass dies klar nicht nötig ist. Unser Personalreglement und die Verträge, die wir haben, sind ausreichend. Sie gewährleisten gute Arbeitsbedingungen. Ich teile auch die Befürchtungen nicht, dass ein allfälliger finanzieller Druck auf die Spitäler vor allem an die Pflegeberufe weitergegeben wird.

Wie kommen Sie zu dieser Beurteilung?

Wir bewegen uns neu in einem Markt und da ist es ganz zentral, dass die Qualität stimmt. Und Qualität hat sehr viel mit der Zufriedenheit der Mitarbeitenden sowie auch mit den Ressourcen zu tun. Es wäre also sehr kurzsichtig, wenn man bei einem finanziellen Engpass einfach Leute entlassen würde. Längerfristig würde man sich damit ein grosses Problem einhandeln. Deshalb finde ich es nicht nötig, dass zusätzliche Vorschriften erlassen werden.

Vielleicht planen aber nicht alle Spitäler so umsichtig wie Sie. Wäre es nicht sinnvoll, Rahmenbedingungen festzulegen, damit die Mitarbeitenden sich abgesichert fühlen?

Man muss ganz klar sehen: Wenn wir unter finanziellen Druck kommen, müssen die Mitarbeitenden des gesamten Spitals mithelfen, damit wir damit umgehen können. Unter finanziellem Druck müssen wir mit einer Kombination von Massnahmen reagieren. Dabei steht eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen sicher nicht an erster Stelle. Daran ändert sich auch nichts, wenn mithilfe eines Gesetzes Druck gemacht wird. Die bestehenden Vorschriften reichen aus, davon bin ich überzeugt.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Mitarbeitenden in einem Umfeld des verstärkten Wettbewerbs genügend geschützt werden?

Wir machen uns immer wieder Gedanken, wie wir uns als attraktiven Arbeitgeber auf dem Markt bewegen können. Das ist bei Weitem nicht nur eine Frage des Geldes. Angesichts der heutigen Lage auf dem Arbeitsmarkt im Bereich der Gesundheitsberufe ist es enorm wichtig, dass wir gute Arbeitsbedingungen anbieten können. Ansonsten finden wir nur schwer Personal.

Wie gelassen blicken Ihre Mitarbeitenden den Umstellungen entgegen?

Wir haben Informationsveranstaltungen durchgeführt für das Personal. Dort haben wir den Mechanismus erklärt sowie konkret mögliche Auswirkungen auf die tägliche Arbeit aufgezeigt. Gerade auch das Thema der vorschnellen Entlassungen, über das immer wieder gesprochen wird, die wir aber nicht befürchten, wurde diskutiert.

Wie konnten Sie Ihr Personal beruhigen?

Die Grundbotschaft ist: Nach dem 1. Januar wird nicht alles anders. Es wird auch ganz vieles gleich bleiben. Was jedoch sehr wichtig sein wird in Zukunft ist, dass die Leistungen, welche die Mitarbeitenden erbringen, gut dokumentiert werden. Nur dann können wir die Arbeit auch verrechnen. Das ist der wesentlichste Punkt. So können wir sicherstellen, dass die Einnahmeseite stimmt.

Machen Sie sich Sorgen, dass Sie finanziell unter Druck kommen könnten?

Nein. Natürlich wird man Anfang Jahr genau verfolgen müssen, wie sich die Liquidität entwickelt. Für uns als Spital ist das ja etwas Neues. Doch wir haben die entsprechenden Vorkehrungen getroffen und sind genügend abgesichert. Auch wenn es zu Beginn noch stocken sollte mit dem Ausstellen der Rechnungen oder der Bereitschaft der Krankenkassen die Rechnungen zu begleichen, ist es nicht so, dass wir nach zwei Monaten keine Löhne mehr bezahlen können. Ich kann also noch gut schlafen.

Nebst der Umstellung auf das neue Gesetz läuft bei Ihnen mit dem geplanten Spitalneubau noch ein anderes grosses Projekt. Hier ist die Bewerbungsfrist für die Präqualifikation abgelaufen. Wie geht es weiter?

Das Projekt Limmi Viva ist gemäss unserem Zeitplan gut auf Kurs. Verschiedene Unternehmungen haben ihre Bewerbungen eingereicht und wir sind im Moment an der Auswertung und Beurteilung der eingereichten Unterlagen. Über das Resultat der Präqualifikation werden wir informieren, sobald die Bewerber über das Resultat informiert worden sind und die entsprechenden Einsprachefristen abgelaufen sind.

Zum Schluss noch ein persönlicher Rückblick auf das Jahr. Sie sind seit Mai Spitaldirektor, haben das Spital in einer stürmischen Zeit übernommen. War es ein gutes Jahr?

Es war ein gutes und sehr ereignisreiches Jahr. Es ist uns glücklicherweise sehr rasch gelungen, wieder eine gewisse Ruhe in die Sache zu bringen. Wir haben alle Positionen besetzt, eine Strategie und einen Businessplan erstellt und aufgezeigt, dass sich der Neubau finanzieren lässt. Das Neubauprojekt ist gut angelaufen. Wir konnten in sehr kurzer Zeit viel reaktivieren oder neu aufgleisen, was in weiten Kreisen sehr positiv aufgenommen worden ist und das Vertrauen in uns wieder gestärkt hat. Auf keinen Fall vergessen darf man die Mitarbeitenden des Spitals, die während der ganzen Zeit der Turbulenzen einen riesigen Beitrag geleistet haben, damit die Qualität konstant auf hohem Niveau gehalten werden konnte. Zusammengefasst sind wir wieder gut unterwegs.

Dann haben Sie es nie bereut, dass Sie das Spital übernommen haben?

Nein, überhaupt nicht. Es ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe und ich darf sagen, dass ich noch nie eine so spannende Herausforderung hatte. Ich fühle mich sehr zufrieden.