Sommerserie
Spezialtransporte im Limmattal: Mit einer Leiche im Kofferraum

Urs Gerber führt im zürcherischen Lindau eine der grössten Sargfabriken und Bestattungsdienste der Schweiz. Im Limmattal baute sein Vater das Geschäft einst auf.

Manuela Moser
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Urs Gerber kann in seinem Transportwagen bis zu vier Särge verstauen.

Urs Gerber kann in seinem Transportwagen bis zu vier Särge verstauen.

Chris Iseli

Die Sargfabrik Gerber bedient 160 Gemeinden, so auch das gesamte Limmattal. Wie hat Ihr Vater das Geschäft rund um den Tod und das Sterben angefangen?

Urs Gerber: Mein Vater war gelernter Wagner. Kaum hatte er in den 1960er-Jahren seine Ausbildung fertig, kamen die Pneus und sein Beruf starb aus. Der ursprüngliche Bauernbetrieb der Grosseltern war ihm zu klein, um seine zehnköpfige Familie zu ernähren, also begann er mit Holz zu arbeiten.

Dann kam aber der Plastik.

Ja, richtig. Die Holzsattel fürs Kinder-Drei-Rad wurden verdrängt vom Plastiksitz, die Kisten für Baustellen durch Kunststoffkübel. Als er mit der Herstellung eines Sarges beauftragt wurde, nahm er den Auftrag dankbar an. Er war aber ein rational denkender Mensch und überlegte sich, dass es keinen Sinn machte, wenn jeder Schreiner eines Dorfes etwa zehn Särge pro Jahr herstellte. Effizienter wäre es, sie serienmässig zu fabrizieren. Er warb bei Spitälern und andern Schreinern für seine Dienste, schnell steigerte er die Produktion auf 200 Särge pro Jahr. Heute decken wir einen Viertel des Schweizer Bedarfs ab, produzieren 16'000 Särge pro Jahr.

Ihr Vater baute in der Folge den Transport von Verstorbenen als zweites Standbein aus.

Ja, als ein Chauffeur gesucht wurde, sagte mein Vater zuerst ab – mit acht Kindern zu Hause war ihm ein 24-Stunden-Pikett-Dienst zu streng. Bei der dritten Anfrage sagte er dann aber Ja.

Wie verläuft ein Leichentransport?

Früher wurde der Sarg von Pferden gezogen, heute stehen normale Vans im Einsatz, die im Verkehr nicht auffallen. Wir fahren schwarze Wagen der Marke Mercedes und tragen dabei Anzug und Krawatte, um Würde und Ernsthaftigkeit auszustrahlen. Viele Bestatter wählen heutzutage aber eine andere Farbe.

Was ist noch speziell an den Wagen?

Sie haben getönte Scheiben, aber keine Vorhängli, wie man das oft im Süden sieht. Hinten hat es Platz für insgesamt vier Särge, die sich mittels Schiebevorrichtung bequem herausziehen lassen. In Seitenfächern führe ich zudem mit, was es sonst noch braucht: Leichenhemden, Kinnstützen, Hygieneartikel, Kissen und Werkzeug wie Hammer oder Leim, falls mal etwas am Sarg gemacht werden muss.

Sie überführen Verstorbene auch ins Ausland – in gekühlten Wagen?

Es gibt heute nur noch ganz selten Auslandüberführungen, daher lohnt es sich nicht mehr, hinten eine Extrakühlung einzubauen. Wenn wir eine längere Reise nach Sizilien oder Portugal vor uns haben, dann schauen wir, dass zwei Fahrer sich abwechseln und die rund 20-stündige Fahrt möglichst am Stück fahren.

Geht das bei der momentan herrschenden Hitze?

Im Fahrerraum hat es natürlich eine Klimaanlage. Der Dienst hat sich aber auch verändert. Viele Ausländer kommen von weiter her und treten ihre letzte Reise dann via Flugzeug an.

Wie fühlt sich eine Fahrt mit einem Verstorbenen auf dem Rücksitz an?

Nicht anders als eine normale Fahrt. Ich sitze im Wagen und fahre. Oft sind wir auch zu zweit und schwatzen miteinander. Ich bin neben der Sargfabrik aufgewachsen. Auf diesem Gelände haben wir Hütten gebaut und unsere Töffli frisiert, die Werkstatt war unser Treffpunkt. Ich erinnere mich aber schon an zwei Frauen, die vorbeispazierten und davonrannten, als sie die Särge sahen.

Wie reagieren Fremde, wenn Sie von Ihrem Beruf erfahren?

An Klassenzusammenkünften gibt es da immer ganz viele Fragen (schmunzelt). Man ist grundsätzlich sehr interessiert.

Warum ist das so?

Ich denke, der Tod ist heute kein Tabuthema mehr. Wir blenden ihn nicht mehr so aus unserem Alltag aus. Ganz früher war er aber noch präsenter, als man die Verstorbenen noch daheim aufbahrte. Zudem hat die aktuelle Schweizer TV-Serie «Der Bestatter» das seinige dazu beigetragen.

Hat Ihre Arbeit denn irgendetwas mit der TV-Figur zu tun?

Mike Müller ist ja mehr Detektiv als Bestatter, das fällt bei mir natürlich weg. Aber das Einbetten und das Überführen eines Verstorbenen, davon kriegt man in der Serie schon etwas mit. Und es sind unsere Särge, die sie benutzen.

Welcher Todesfall berührte Sie bisher am meisten?

Es sind nicht die Fälle wie ein Bahnunfall oder der klassische Mord. Für mich am schlimmsten war es, den Leichnam eines Mädchens im Alter meiner eigenen Kinder zu sehen. Traurig bin ich aber auch, wenn ein 90-Jähriger hilflos zurückbleibt und mit dem Verlust seiner Frau ein ganzer Teil seines Lebens abstirbt. Meist sargen wir so einen Menschen dann zwei, drei Monate später auch ein, obwohl er vorher noch kerngesund war.

Wie begegnen Sie Trauerfamilien?

Ich muss empathisch sein, mich gleichzeitig aber auch abgrenzen können. Ich darf die Trauer nicht zu meiner eigenen Sache machen. Es hilft sicher auch, dass ich die Menschen vor ihrem Tod nicht gekannt habe.

Würden Sie Menschen aus Ihrem engsten Familienkreis einsargen?

Ja, auf jeden Fall. Meiner Frau würde ich diese letzte Ehre gerne erweisen.