Schlieren
Spektakulärer Flugunfall: Als das Ausweichmanöver im Restaurantdach endete

Der Absturz eines Flugzeugs in Schlieren erregte vor 100 Jahren in der ganzen Schweiz Aufsehen.

Sandro Zimmerli
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Spektakulär

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Wann und wo der Motor zu stottern begann und schliesslich aussetzte, darüber gehen die Schilderungen der Augenzeugen auseinander. Manche wollen beobachtet haben, dass der Doppeldecker bereits über Altstetten in Schwierigkeiten geriet. Andere wiederum berichten von einer Schleife, die das Flugzeug über Schlieren zog, ehe der Motor versagte.

Sicher ist hingegen, dass eine Notlandung ein kniffliges Unterfangen war. Obschon Schlieren noch nicht so stark besiedelt war wie heute, gab es bereits vor 100 Jahren Hindernisse, denen der Pilot unbedingt ausweichen musste, um eine grössere Katastrophe zu verhindern. Der Gasometer des nahe gelegenen Gaswerks war so eines. Das Ausweichmanöver gelang, auf dem Boden landete der Flieger an diesem 5. November 1917 gleichwohl nicht. Aus rund zehn Metern Höhe stürzte er auf das Dach des Gasthauses «Löwen» und blieb dort stecken.
Beim Anblick der Bilder, die damals landesweit für Aufsehen sorgten, ist es kaum zu glauben, dass die beiden Insassen gemäss Zeitungsberichten keine gravierenden Verletzungen davontrugen. Leutnant A. Armez-Droz soll unversehrt geblieben, sein Kollege Leutnant Rudolf Bruder mit einem Oberschenkel- und Knöchelbruch davongekommen sein. Über Verletzte im Gebäude ist nichts bekannt.

Dübendorf hatte die Nase vorn

Ziel der beiden Piloten war wohl das Flugfeld Dietikon/Spreitenbach, das wenige Monate zuvor als Hilfsflugplatz eröffnet worden war. Wäre es nach einer Gruppe flugbegeisterter Limmattaler gegangen, der unter anderem Albert Weiss, Direktor des Gaswerkes Schlieren, und Josef Koch, Direktor der Schweizerischen Wagonsfabrik in Schlieren, angehörten, dann wäre im Limmattal sogar ein nationales Flugfeld entstanden. Den Zuschlag erhielt jedoch Dübendorf. Auch im Kampf um einen Militärflugplatz zog das Limmattal den Kürzeren. Wieder fiel der Entscheid zugunsten Dübendorfs aus. Von dort aus waren die beiden Doppeldeckerpiloten an jenem verhängnisvollen Nachmittag aufgebrochen.

Während der Flugplatz in Dübendorf bis heute besteht, ging jener im Limmattal 1969 ein. Er musste dem Rangierbahnhof weichen. Anders erging es dem Haus an der Zürcherstrasse 13, in das der Doppeldecker vor 100 Jahren krachte. Es existiert immer noch und beherbergt weiterhin ein Restaurant.

Das traditionsreiche Gebäude schrieb nicht nur wegen des Flugunfalls Lokalgeschichte. Im Unglücksjahr kaufte die Wagonsfabrik das Haus. Sie wandelte das Restaurant Löwen in eine firmeneigene Betriebskantine um. Die 1899 gegründete «Wagi», wie das Unternehmen im Volksmund genannt wurde, war damals der bedeutendste Arbeitgeber in Schlieren. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 zählte sie rund 800 Beschäftigte.

Das Haus mit der Betriebskantine blieb über all die Jahrzehnte bis zur Schliessung der Wagonsfabrik im Jahr 1985 in deren Besitz. Kurz danach wurde im Erdgeschoss wieder ein Restaurant eröffnet. Dass das Gebäude auch heute noch einen Gastronomiebetrieb beheimatet, ist unter anderem dem raschen Eingreifen der Feuerwehr im Frühjahr 1999 zu verdanken. Damals geriet in der Küche der Gaststätte ein Lavagrill in Brand. Obschon die Angestellten mit Feuerlöschern gegen die Flammen ankämpften, breiteten sie sich rasch aus. Rund 100 Feuerwehrleute sorgten dafür, dass Hausbewohner sowie Restaurantgäste in Sicherheit gebracht und der Schaden am Gebäude in Grenzen gehalten werden konnten.