Leben vor 100 Jahren (7) Die Parteienlandschaft ist am Gedeihen
Soziale Spannungen: Auf Arbeiter und Industrie folgen die ersten Parteien

Die Industrialisierung lockt um 1914 immer mehr Menschen ins Limmattal. Der Ruf nach einer angemessenen Vertretung der Arbeiter in den Behörden wird lauter. Die politischen Kräfte formieren sich.

Sandro Zimmerli
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Der Krieg verschärft die sozialen Spannungen, vor allem in Ortschaften wie Dietikon. Das ruft nach neuen politischen Vertretungen, die nun ins Gemeindehaus drängen.

Der Krieg verschärft die sozialen Spannungen, vor allem in Ortschaften wie Dietikon. Das ruft nach neuen politischen Vertretungen, die nun ins Gemeindehaus drängen.

Ortsmuseum Dietikon

Der 12. Dezember 1909 ist ein besonderer Tag. In der Gemeinde Dietikon steht eine Ersatzwahl für den Gemeinderat an. Als Sieger geht August Weber-Müller hervor. Damit sind die Sozialdemokraten erstmals in der Dietiker Exekutive vertreten. Vier Jahre kann er sich halten, dann scheidet er mit drei Stimmen Rückstand als überzählig wieder aus dem Gemeinderat aus. 1919 nehmen dann gleich zwei Sozialdemokraten Einsitz in der Exekutive. Komplettiert wird diese von fünf Bürgerlichen. Dies, nachdem die Gemeindeversammlung einer Erhöhung der Mitgliederzahl im Gemeinderat von fünf auf sieben zustimmte.

Dass mit den Sozialdemokraten eine neue Kraft auf der politischen Bühne im Limmattal auftaucht, hat viel mit der gesellschaftlichen Entwicklung um die Jahrhundertwende zu tun. Mit der Industrialisierung finden immer mehr Arbeiter den Weg ins Limmattal, vor allem nach Dietikon und Schlieren. Die Forderung nach einer angemessenen Vertretung der Arbeiterschaft in den Behörden wird lauter. 1906 werden schliesslich die SP-Sektionen Dietikon, Schlieren und Urdorf gegründet. 1908 folgt jene in Oberengstringen.

Die anderen Kräfte reagieren

Doch auch andere politische Kräfte organisieren sich nun stärker. Auf Betreiben des katholischen Männervereins sowie des katholischen Arbeitervereins kommt 1910 die Gründung der Partei zustande, aus der später die CVP Dietikon hervorgeht. Obwohl sie gemäss Statuten konfessionell offen ist, zur politischen Heimat der Dietiker Katholiken. Weil deren Anteil an der Bevölkerung sehr hoch ist, kann die Partei bereits im Gründungsjahr zwei von fünf Mitgliedern des Gemeinderats stellen.

Weil aus der Zeit vor 1970 keine Protokolle mehr vorhanden sind, lässt sich das Gründungsdatum der FDP Dietikon nicht genau bestimmen. Vermutlich wird der Freisinnig-demokratische Gemeindeverein aber um 1912 herum ins Leben gerufen. Vom April 1913 existiert jedenfalls ein Inserat für die Wahl des Gemeinderates, das vom Freisinnig-demokratischen Gemeindeverein» und von der «Konservativen Volkspartei» unterzeichnet ist. Bei der Gründung umfasst der Gemeindeverein noch das ganze bürgerliche Lager. 1917 formiert sich in Zürich die Bauernpartei. Aus ihr wird später die heutige SVP.

Ein anderes Bild bietet sich auf der rechten Limmatseite. In den kleinen Bauerndörfern bestehen mit Ausnahme der SP Oberengstringen keine eigentlichen Parteien. Deren Gründungen erfolgen erst viel später nach dem Zweiten Weltkrieg. In Weiningen wird 1918 von 29 bürgerlich gesinnten Männern der Bürgerliche Gemeindeverein ins Leben gerufen. Später wird aus ihm die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei und schliesslich die SVP.

Die Entwicklung, wie sie in Dietikon Anfang des 20. Jahrhunderts zu beobachten ist, setzt auf nationaler Ebene etwas früher ein. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts treten nur wenig strukturierte politische Bewegungen in Erscheinung. Sie bilden sich meist aufgrund gemeinsamer Ideen um bekannte Politiker herum. Dann beginnen sich, in den Kantonen erste Parteien zu bilden. Auf nationaler Ebene formiert sich 1888 die SP als erste Partei. 1894 folgt die FDP und 1912 die CVP. Die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, die Vorgängerin der SVP, wird schliesslich 1936 als gesamtschweizerische Partei gegründet. Sie ist ein Zusammenschluss verschiedener kantonaler Bauernparteien, die während des Ersten Weltkrieges entstehen.

Einbürgerungen bringen Geld

Die Arbeit im Dietiker Gemeinderat ist Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur wegen der anstehenden Krisenjahre und den damit verbundenen Auseinandersetzungen zwischen dem linken und dem konservativen Lager eine Herausforderung. Die Mitglieder können noch nicht auf eine grosse Verwaltung zählen. Einzig ein Gemeindeschreiber steht den Politikern zur Seite. Der Finanzvorstand muss die Gemeindesteuern selber einziehen. Eine Zentralverwaltung entsteht erst 1909 mit der Errichtung eines Gemeindebüros im alten Schulhaus an der Unteren Reppischstrasse und der Wahl eines Gemeindekassiers.

Die Einrichtung des Büros ist spartanisch. Um zu telefonieren, muss man noch einige Zeit in die naheliegende Taverne zur «Krone» rüber. Erst 1913 erhält die Verwaltung ihren ersten Telefonanschluss. Auch andere Abläufe im Gemeindebüro muten aus heutiger Sicht eigenartig an. Bis 1913 ist es Dietiker Brautpaaren nur am Montag möglich, zur zivilen Trauung zu gehen. Andernfalls ist eine Gebühr von fünf Franken zu entrichten. 1914 ändert sich das. Nun kann man sich an allen Tagen, ausser sonntags, gebührenfrei trauen lassen.Ein anderes Problem, das die Politiker beschäftigt, ist das Geld. Die Gemeinden im Limmattal sind finanzschwach. Die Steuereinnahmen reichen kaum aus, um die nötige Infrastruktur zu bauen oder die Bestehende zu unterhalten. 1909 wird Dietikon an die Gasversorgung angeschlossen. Das Geld dafür, 100 000 Franken, wird der Gemeinde von der Rentenanstalt vorgeschossen.

In Unterengstringen wiederum ist die Trinkwasserversorgung ein Problemkind. Das damalige Dorf ist durch eine Moräne von den Quellen am Gubrist abgeschnitten. Dies hemmt die Entwicklung lange Zeit. Allmählich finden aber auch neue Einwohner den Weg in die kleine Gemeinde. Neue Dorfteile entstehen, das Geld für den Ausbau der Infrastruktur fehlt jedoch. Das bringt die Unterengstringer auf eine ausserordentliche Idee zur Geldbeschaffung – die Masseneinbürgerung. Nach damaligem Recht ist es nämlich möglich, Ausländer auch dann ins Bürgerrecht aufzunehmen, wenn sie gar nie in der Gemeinde ansässig sind. Die Gemeinde garantiert den Einbürgerungswilligen deshalb die schnellstmögliche Aufnahme. Nur so lassen sich Ausländer überhaupt davon überzeugen, sich im armen Bauerndorf einbürgern zu lassen.

Aus dem Unterengstringer Neujahrsblatt geht hervor, dass ein Württemberger Kaufmann dem Bürgergemeinderat am 17. April 1915 ein Aufnahmegesuch stellt. Am Abend desselben Tages prüft der Bürgergemeinderat, der aus drei Personen besteht, das Gesuch und verabschiedet den Antrag zuhanden der Bürgergemeindeversammlung. Die Bürgergemeinderäte trommeln noch am späten Abend für den folgenden Tag 13 Bürger für eine Versammlung zusammen. Damit dauert das Einbürgerungsverfahren gerade einmal 24 Stunden. Gegen eine Entschädigung von 550 Franken wird der Kaufmann eingebürgert. Allein 1915 werden neun Bürgergemeindeversammlungen abgehalten, an denen 97 Ausländer ins Bürgerrecht aufgenommen werden. Ähnlich verfährt man auch in Geroldswil. Dort werden zwischen 1912 und 1919 61 Juden eingebürgert. Auch dieser willkommene Finanzzustupf wird für den Ausbau der Wasserversorgung verwendet.