So haben sich die Schlieremer Sozialdemokraten die Sitzung des Gemeindeparlaments wohl kaum vorgestellt. Noch bis vor kurzem war die SP mit zwei Mitgliedern in der Geschäftsprüfungskommission (GPK) vertreten. Nach gestern Abend ist sie beide los. Nachdem die Mehrheit der Gemeinderäte den Vorschlag der Fraktion der SP und Grünen für den Ersatz der zurückgetretenen Wendy Buck (SP) nicht unterstützte, erklärte das zweite SP-Mitglied in der GPK, Rixhil Agusi-Aljili, ihren sofortigen Rücktritt.

Der Streit um die Ersatzwahl für die GPK entzündete sich an der Person von GLP-Gemeinderat Nikolaus Wyss. Der Vorgeschlagene wurde von der Interfraktionellen Konferenz (IFK) abgelehnt, ohne dass diese auf konkrete Gründe dafür einging. Einen anderen Kandidaten präsentierte die IFK allerdings nicht.

Einen Vorschlag machte hingegen die SVP. Sie schickte Stanislav Gajic ins Rennen. «Die SVP akzeptiert grundsätzlich den Anspruch der SP-Fraktion auf den Sitz in der GPK. Diesen Vorschlag können wir aber nicht unterstützen», erklärte SVP-Fraktionspräsident Beat Kilchenmann. Auch die FDP zeigte wenig Verständnis für den Vorschlag der linken Ratsseite. Es gäbe genügend geeignete Leute bei der SP, die den freien Sitz verteidigen könnten, meinte FDP-Gemeinderat Dominic Schläpfer. «Jetzt springt Nikolaus Wyss in die Bresche. Die GLP muss sich entscheiden, ob sie auf der linken oder der bürgerlichen Seite politisieren will», so Schläpfer. Bei dieser Ausgangslage könne die GLP gleich einen Antrag stellen, in die Fraktion von SP und Grünen aufgenommen zu werden.

Geheime Abstimmung

Demgegenüber verteidigte SP-Fraktionspräsident Pascal Leuchtmann den Vorschlag seiner Fraktion. Wyss sei ein Neu-Schlieremer und vertrete das wachsende Segment der Neuzuzüger. «Wyss ist ein wacher und vifer Geist. Mit seinem Engagement bei der Organisation von Quartierfesten zeigt er, wie sehr ihm die Stadt am Herzen liegt», so Leuchtmann. Er wies auch darauf hin, dass die Fraktionen ihrer Stärke gemäss in der GPK vertreten sein sollten. Dies solle vom Rat berücksichtigt werden. Den Vorstoss der SVP bezeichnete Leuchtmann als feindliche Übernahme.

So kam es, da keiner der Parlamentarier etwas dagegen hatte, zu einer geheimen Abstimmung. Aus dieser ging SVP-Kandidat Gajic als Sieger hervor. Bei 29 gültigen Wahlzetteln vereinte er 14 Stimmen auf sich, Wyss erhielt lediglich deren zehn.

Dass Wyss nicht nur ein wacher, sondern auch umstrittener Geist ist, zeigte seine Erklärung, die er vor der Ersatzwahl für die GPK abgab. Dort entschuldigte er sich für einen Facebook-Eintrag vom Juni, der gewissen Ratskollegen in den falschen Hals geraten ist. «Ich hatte niemanden persönlich im Auge», erklärte Wyss. Der Eintrag sei mit Ironie und Selbstironie verfasst worden. Offenbar habe es da ein Missverständnis gegeben. «Der Eintrag ist mittlerweile gelöscht», so Wyss.

Im betreffenden Eintrag beschrieb Wyss seine Erfahrung nach 100 Tagen im Gemeindeparlament. Dort hiess es unter anderem: «Wie in jeder Gruppe, ob im Militär oder an der Uni, ob in der Restaurant-Küche oder auf dem Schiff, ob bei der Reinigungsfirma oder im Büro, gibt es auch bei uns Clowns und Narren, ein paar Wichtigtuer und ein paar Gewichtige, viele Fleissige und einige Faule, ein paar notorisch stumme Fische, Enttäuschte, denen man es bereits vom Gesicht ablesen kann, und einige Widersprüchliche, die gegen Geschäfte wettern und dann doch Ja stimmen.»