Einen Moment lang ist es mucksmäuschenstill in den Reppisch-Hallen in Dietikon. Dann geht das Gemurmel los, Köpfe werden zusammengestreckt, Blicke getauscht. Die Bewohner der Siedlung «Sonnenhof» haben soeben erfahren, dass ihnen gekündigt wird. Der Grund: Die Überbauung soll komplett neu gebaut werden.

Zumindest für eine junge Mieterin kommt die Nachricht an jenem Abend nicht überraschend. Es habe Gerüchte gegeben, sie habe etwas geahnt, sagt sie. Traurig mache es sie trotzdem: «Ich wohne schon seit meiner Geburt da.» Viele der Bewohner seien schon jahrzehntelang da, man kenne sich, sei eine Gemeinschaft. Besonders hart treffen werde es ihre Mutter, befürchtet sie: «Für sie ist das eine Katastrophe.»

Der «Sonnenhof» wurde 1951 als Siedlung für die Arbeiter der Reppisch-Werke erstellt. Sie besteht aus acht Gebäuden mit insgesamt 72 Wohnungen. Es sind billige Wohnungen: Für drei Zimmer bezahlt man netto gerade einmal 1100 bis 1250 Franken im Monat, für vier zwischen 1250 und 1400 Franken. Dafür sind sie auch sehr klein, vor allem gemessen an heutigen Standards: Die Drei-Zimmer-Wohnungen sind 56 Quadratmeter gross, die Vier-Zimmer-Wohnungen 67 Quadratmeter.

Seit 1986 nicht mehr renoviert

«Das ist heute einfach nicht mehr zeitgemäss», sagt René Kunst. Er ist der Geschäftsführer der Reppisch-Werke Dietikon (RWD), denen die Siedlung gehört. Sie haben ihre Büros in den Reppisch-Hallen mitten in Dietikon. Von dort sieht man direkt auf den «Sonnenhof», der auf der anderen Seite der Bergstrasse liegt: beige Häuserzeilen mit roten Fensterläden und erkerartigen, ebenfalls roten Vorsprüngen. Diese wurden 1986 angebaut, um wenigstens den kleinen Küchen ein bisschen mehr Platz zu geben. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Häuser nach wie vor einen herben 1950er-Jahre-Charme versprühen.

Unterhalten sei die Überbauung zwar gut, sagt Kunst – aber energetisch und schalltechnisch, gemessen an den heutigen Ansprüchen, mehr als ungenügend. Zudem könnte das Grundstück, das aktuell nur eine Ausnützungsziffer von 52 Prozent aufweist, noch deutlich besser genutzt werden – Stichwort Verdichtung. Man habe sich durchaus überlegt, die Liegenschaften zu sanieren, sagt Kunst. Im Jahr 2011 wurden Analysen gemacht und ein detaillierter Bericht über den Zustand der Liegenschaften erstellt. Danach wurden Sanierungsvarianten ausgearbeitet. Jedoch habe man dann realisiert, dass eine Sanierung der Häuser auf eine sinnvolle Art und Weise kaum möglich sei. «So haben wir beschlossen, die bestehenden Gebäude rückzubauen und eine Ersatzsiedlung zu erstellen.»

Anfang 2013 begannen die RWD, einen Architekturwettbewerb aufzugleisen, der im Dezember 2013 entschieden war. Das Siegerprojekt sieht 86 Wohnungen in vier Gebäuden vor, die sich um einen Hof gruppieren. Doch während die Anzahl der Wohnungen im Vergleich zu heute nur leicht steigt, werden diese einiges mehr an Platz einnehmen, womit die Ausnützungsziffer auf 75 Prozent steigt. So sollen die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen neu 51 bis 71 Quadratmeter gross sein – also etwa so gross wie aktuell die Vier-Zimmer-Wohnungen. Eine Viereinhalb-Zimmer-Wohnung wird neu hingegen zwischen 100 und 122 Quadratmeter einnehmen.

Baubeginn frühestens 2017

«Luxuswohnungen sollen es aber nicht werden», sagt Kunst. Das Ziel sei, dass eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung netto weniger als 2000 Franken kosten wird. «Das ist ein humaner Preis», sagt Kunst. Klar ist aber auch: Es ist ein Preis, den sich die meisten der aktuellen Bewohner nicht mehr werden leisten können.

Am Montag hat der Dietiker Stadtrat dem Gestaltungsplan zugestimmt, seit gestern ist er für 60 Tage öffentlich aufgelegt. Nötig wurde er, weil sich ein Teil der Liegenschaften in der Kernzone befinden, ein Teil in der dreigeschossigen Zone W3, was einheitliches Bauen verunmöglichen würde. «Das kann man nur mit einem Gestaltungsplan auflösen», sagt Kunst. Er rechnet damit, dass dieser Ende 2015 genehmigt sein wird und das Baubewilligungsverfahren dann mindestens nochmals ein Jahr dauert. Mit dem Bau beginnen könnte man also frühestens Anfang 2017.

«Wir sind verantwortungsvoll»

Gekündigt wird den Mietern voraussichtlich im Sommer 2015. Die RWD werden ihnen bis zum spätestmöglichen Auszug eine Frist von eineinhalb bis zwei Jahren einräumen. Die Mieter selber können jederzeit innert einer einmonatigen Frist kündigen. Natürlich sei es nicht angenehm, einer ganzen Siedlung künden zu müssen, sagt Kunst. Doch: «Wir sind ein verantwortungsvolles Unternehmen und behandeln unsere Mieter fair. In Anbetracht unseres Immobilienbestandes hier in Dietikon wollen und können wir auch nicht anders handeln.»