Der schlafende Ziegenhirte, der bellende Hund, das Rauschen der Blätter, die Trägheit von der Hitze. Für Corinna Meienberg sind Antonio Vivaldis «Die vier Jahreszeiten» nicht nur Musik. Jeder Takt des Konzertes, das sie an den nächsten beiden Sonntagen mit dem Streichorchester Dietikon aufführen wird, stellt eine andere Szene dar. Aber nicht nur Vivaldi hat es der 25-Jährigen angetan. Die Musik bestimmt mittlerweile ihr ganzes Leben.

Die Zürcherin stammt aus einer richtigen Musikerfamilie. Ihr Vater ist Klarinettist und ihre Mutter spielt Geige. Bereits im jungen Alter von drei Jahren erwachte in Meienberg der Wunsch, dem Vorbild ihrer Mutter zu folgen und Geigenunterricht zu nehmen. Da sie noch zu jung für den regulären Unterricht war, versuchte sie eine japanische Lernmethode namens Suzuki. Bei dieser werden die Stücke übers Gehör und nicht über die Noten erlernt. «Mit meinen drei Jahren hat das aber noch nicht so gut funktioniert», sagt die Musikerin und lacht. Mit fünf Jahren startete sie einen neuen Versuch und nahm von da an regelmässig Geigenunterricht.

400 Bewerbungen für eine Stelle

Obwohl ihre Eltern beide Musiker sind, wurde Meienberg nie gepusht oder zum Musizieren gezwungen. «Meine Eltern haben mir eher gezeigt, was es heisst, als Musiker zu arbeiten. Die internationale Konkurrenz ist wahnsinnig gross und es gibt nur ein kleines Stellenangebot», sagt die Violinistin. Auf eine einzige Stelle in einem grossen Orchester bewerben sich ungefähr 400 internationale Musiker und Musikerinnen. Es sei eine ziemliche Glückssache, da schon nur zum Vorspielen eingeladen zu werden, meint Meienberg. Ein kleines Detail in den grösstenteils ähnlich aussehenden Lebensläufen kann in diesem Fall ausschlaggebend sein. Ein Vorspiel heisse überdies noch nicht viel. «Es kann schon vorkommen, dass schlussendlich keiner der ungefähr fünfzig Eingeladenen die Stelle erhält.»

Meienberg wurde von ihren Eltern nie zum Musizieren gezwungen. Als sie sich jedoch dazu entschieden hatte, den gleichen Berufsweg wie sie einzuschlagen, fand sie bei ihnen grosse Unterstützung. «Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie mir nie Druck gemacht haben. Viele Kinder verlieren dadurch den Spass an der Musik und geben den Unterricht auf.» Nicht nur die Eltern, sondern auch die Lehrer seien entscheidend für den Erfolg des Kindes. «Ich habe bis heute noch Kontakt zu all meinen bisherigen Geigenlehrern. Ihnen habe ich sehr viel zu verdanken», so Meienberg. Seit drei Jahren unterrichtet sie selber Violine an der Musikschule Knonauer Amt und an der Kantonsschule Limmattal. «Als Lehrer hat man eine wahnsinnige Verantwortung gegenüber dem Schüler. Schliesslich gibt man ihm die Musik mit auf den Weg.» Die Lehrperson trägt ihrer Meinung nach einen wesentlichen Teil dazu bei, ob das Kind Freude an der Musik entwickle und ob seine persönlichen Vorlieben und Begabungen gefördert werden. Ausserdem sei es wichtig, dem Kind die richtige Technik mitzugeben. Eine falsche Bogenhaltung beispielsweise könne man sich nur mühsam wieder abgewöhnen.

Neben dem Unterrichten absolviert Meienberg aktuell ihren zweiten Master in Music Performance. Zudem tritt sie sowohl als Solistin als auch als Orchestermusikerin auf und verbringt täglich mehrere Stunden mit Üben. Im Moment bleibt ihr da keine Zeit für andere Beschäftigungen. Diese vermisse sie aber auch nicht. «Den Ausgleich habe ich schon im Beruf. Meine Arbeit als Musikerin ist sehr abwechslungsreich. Ich bin immer an anderen Orten, lerne neue Leute kennen und spiele auch in unterschiedlichen Formationen», so Meienberg.

Vier Jahreszeiten in 60 Minuten

Trotz ihres jungen Alters verfügt Meienberg bereits über einen grossen Erfahrungsschatz. Dennoch sind die Konzerte mit dem Streichorchester Dietikon etwas ganz besonderes für sie. «Man hat nur selten die Gelegenheit, alle ‹Vier Jahreszeiten› von Vivaldi am Stück aufzuführen», sagt die Violinistin.

Sie selber habe erst den Frühling gespielt, die anderen drei Jahreszeiten habe sie für die anstehenden Konzerte neu eingeübt. Ausserdem finden die Aufführungen in einem aussergewöhnlichen Rahmen statt. Vor den einzelnen Konzerten werden jeweils die von Vivaldi persönlich verfassten Sonette zu den jeweiligen Jahreszeiten vorgelesen.

Dass die Konzerte so bekannt sind, erhöhe einerseits den Druck, andererseits sei es aber auch wahnsinnig schön, selber diese Musik zu spielen, die sie schon als Kind gehört habe, sagt Meienberg. Hinzu komme, dass der Druck und die Nervosität bei einem Solisten-Auftritt besonders hoch seien, da sie mehr im Mittelpunkt stehe. Die Nervosität gehört für Meienberg aber zu einem Auftritt dazu. «Es würde etwas fehlen, wenn ich nicht nervös wäre. Das Nervenflattern unterscheidet die Konzerte von den Proben und vom Alltag und lässt eine besondere Konzertstimmung entstehen.»

Streichorchester Dietikon: Die Konzerte mit Corinna Meienberg finden am 24. Februar in der Katholischen Kirche Berikon und am 3. März in der Reformierten Kirche Dietikon jeweils um 17 Uhr statt.