Eigentlich ist das Wiesenthal in Bergdietikon ein Ort der Stille und des Friedens. An diesem Morgen ist davon wenig zu spüren. Hammerschläge und das Heulen von Motoren übertönen das Gurgeln der Reppisch, die das Tal durchfliesst; hier sollen bald Dutzende neue Wohnungen stehen. Mittendrin ertönt helles Gepiepse. Es kommt vom Brunnen her, über den sich ein Mann beugt.

Hanns Bachlechner hätte an diesem Morgen weiss Gott genug zu tun. Am nächsten Tag kommen die österreichischen Künstler, die er für eine Werkschau in seiner Galerie zusammengetrommelt hat. Bis sie eintreffen, gilt es, Platz für ihre Werke zu schaffen – kein Leichtes, wenn man wie Bachlechner jeden Quadratzentimeter seiner Galerie und seines Wohnhauses mit Gemälden und Skulpturen vollgestellt hat.

Doch als Bachlechner sah, wie die Katze sich am Fluss tags zuvor zwei frisch geschlüpfte Entchen schnappte, liess er das Räumen und Vorbereiten sein und eilte zu Hilfe. Eines der Jungen war schon tot. Mit dem zweiten, verletzten, verschwand die Mutter im Grünen. Die restlichen sechs liess sie zurück. Nun wuseln die Geschwister im Brunnen der Bachlechners herum, auf dem begrünten Floss, das der Galerist aus einem Brett und Pflanzenbüscheln gezimmert hat. Später will er ihnen noch ein Treppchen bauen – damit sie raus aus dem Brunnen können, um in seinem Skulpturenpark umherzuwatscheln.

Denn wenn sie fortan hier leben sollen, gewöhnen sie sich besser früh an die Kunst, mit der der gebürtige Österreicher seine eigenen und die angrenzenden Liegenschaften bevölkert. «Ich liebe meine Skulpturen», sagt er; so fest sogar, dass er morgens, wenn er aufsteht, jeweils eine Runde dreht und ihnen einen guten Morgen wünscht.

Vom Chefkoch zum Galeristen

Im Wiesenthal ist Bachlechner vor sieben Jahren gelandet, zufällig, sagt er, wie so vieles in seinem Leben als Galerist lief. «Irgendwie kommt das mit der Zeit alles von selbst», antwortet er auch auf die Frage, wie er den Sprung vom Chefkoch zum Galeristen schaffte – als Neuling im Geschäft, ohne akademische Ausbildung oder ein Kontaktnetz, wie es sich die meisten im Geschäft seit jungen Jahren aufgebaut hatten.

2008 fand die erste Ausstellung in den ehemaligen Pferdestallungen der alten Strickgarn- und Zwirnereifabrik Fröhlich statt, wo Bachlechner mit seiner Frau Béatrice auch wohnt. Die Grenzen zwischen Wohn- und Ausstellungsräumen verlaufen fliessend. Auch im Schlaf- und Badezimmer hängen und stehen Werke, die man kaufen kann. Sogar in der Vorratskammer steht zwischen Pasta und Gewürzen eine Skulptur auf dem Gestell. Für einen, der nach eigenen Aussagen für die Kunst lebt – immer schon gelebt hat, auch als Chefkoch auf «den grössten Kreuzfahrtschiffen der Welt» –, ist das nur konsequent.

Wenn Bachlechner da so durch sein kleines Reich zieht, die gesammelten Werke zeigt und deren Geschichten erzählt, sieht man ihm die Begeisterung für sein Fach an. Es ist, als würde er einem alte Freunde vorstellen. Und einige der Stücke, die man für Preise zwischen 200 und 250 000 Franken erstehen kann, sind das auch. Etwa der späte Max Gubler – Preis auf Anfrage – im Eingang des Wohnhauses, der schon in Bachlechners ersten Galerie in Weiningen ausgestellt war. Das war 2003, drei Jahre nach dem Einstieg ins Galeristendasein. Ganz am Anfang, da zeigte der heute 63-Jährige auch noch Hobbykünstler – «das brachte Geld, denn die haben Bekannte, da herrschen Verpflichtungen».

«Ich kann gerade so überleben»

Bald folgte er aber dem Rat eines bekannten Kuratoren: «So, Herr Bachlechner, schaffen Sie den Weg nach oben nicht», habe der gesagt. «Wenn Sie als Galerist Erfolg haben wollen, konzentrieren Sie sich auf die Leute, die von der Kunst leben können.» Ihm selbst gehe es nicht ums Geld, sagt Bachlechner. «Ich kann gerade so überleben – mithilfe meiner Frau.» Es ist der «wahnsinnige Enthusiasmus» für die Kunst und die Leute, die sie machen, der ihn bei der Stange hält.

Die Aussteller auszuwählen, ist für ihn «eine subjektive Angelegenheit». Im Wesentlichen suche er Kunstschaffende, deren Medium vollständig zum Inhalt ihrer Arbeit passt – «das ist ein Imperativ». Ein weiterer: «Hochkarätig» müssen sie sein, auch wenn Bachlechner das nicht immer gleich auslegt wie der grosse internationale Kunstmarkt. «Heute kauft man ja keine Kunst mehr, sondern Namen», sagt der Galerist. Davon hält er wenig, auch wenn er sich selbst diesbezüglich nicht verstecken muss. Bei ihm gingen Künstler ein und aus, die ihre Werke auch schon im Centre Pompidou und im Museum of Modern Art zeigten.

Beraten, nicht bevormunden

Regeln gibt es in der Kunstgalerie wenige, weder für die Besucher noch für die Aussteller. Hier können sämtliche zeitgenössische Stilrichtungen gezeigt werden; und die potenziellen Käufer, die will er höchstens beraten, nicht bevormunden. Die «Poesien der Stille und der Reduktion», wie er die Werke nennt, sollen den Leuten erlauben, sich eine eigene Meinung zu bilden. «Niemandem muss gefallen, was ich mache, niemand muss mögen, was an der Wand hängt, was auf Sockeln steht, was sich im Park befindet», sagt er. «Man kann in die Galerie rein – und man kann auch wieder rausgehen.»

Mehr Leute, die bei Bachlechner bald ein- und ausgehen könnten, versprechen die Lofts und Studios, die rund um die Galerie entstehen und die Arbeitskräfte international tätiger Firmen ansprechen sollen. Ihn stört es nicht, dass dadurch auch die Wiese, auf der vorher seine Skulpturen standen, verbaut wird. Im Gegenteil: Er freut sich «auf die jungen Leute aus Indien und China und der ganzen Welt». Er sei schliesslich weltoffen – «und nichts verbindet wie die Kunst».

Früher hat Bachlechner selbst noch gezeichnet. Heute hat er keine Zeit mehr dafür. Sein «Kraftort» an der Reppisch will gepflegt werden. Und nun also auch noch die Entchen. Gerade schreien sie ins Leere. «Wenn ich weg bin, reklamieren sie», sagt er, während er eins heraushebt und es herzt. Der Raum wird schon leer sein, bis die Künstler kommen – das hat am Ende noch immer geklappt. Zuerst muss sich Hanns Bachlechner nun um seine neusten Figuren kümmern; die lebendigen.