Gesundheit
Software von Schlieremer Start-up soll Leben retten

Das Start-up-Unternehmen Komed Health will von Schlieren aus Kommunikationsleerläufe in Spitälern verhindern.

Sophie Rüesch (Text und Bild)
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Luiza Dobre im Start-up Space in Schlieren. Vor zwei Wochen hat das Komed-Team den Arbeitsplatz im Sony-Gebäude bezogen, den ihm die Postfinance sponsert.

Luiza Dobre im Start-up Space in Schlieren. Vor zwei Wochen hat das Komed-Team den Arbeitsplatz im Sony-Gebäude bezogen, den ihm die Postfinance sponsert.

Sophie Rüesch

Eine Frau, nennen wir sie Emma, geht ins Spital. Sie hat während ihres Aufenthalts mit einer Vielzahl von Fachkräften zu tun; am Schluss ihres Aufenthalts haben vom Radiologen über die Chirurgin bis zum Pfleger vielleicht zehn oder mehr Leute Informationen über Emma und ihren Zustand ausgetauscht. Doch wie diese Informationen ausgetauscht werden – meist über eine Vielzahl von verschiedenen Kanälen –, wird zusehends zum Problem. «Anders, als man vielleicht denken würde, hat die rasante Zunahme an technischen Möglichkeiten im Gesundheitsbereich nicht zu einer Vereinfachung, sondern einer Verkomplizierung der Kommunikation geführt», sagt Luiza Dobre, die mit ihrem Start-up Komed Health Abhilfe schaffen will.

Mit den beiden Firmen-Mitgründern Marc Bornträger und Kimmo Myllyviita tüftelt die 33-jährige Rumänin, die seit acht Jahren in der Schweiz lebt, zurzeit in Schlieren an einer neuen digitalen Lösung für Spitäler und Arztpraxen. Sie wollen ein Nachrichtensystem entwickeln, in dem sich alle Gesundheitsdienstleister, die mit einer Patientin wie Emma im Lauf einer Behandlung zu tun haben, einfach untereinander austauschen können. Emma fungiert dabei als eine Art Chatroom: In der Abteilung, in der sie ins Spital eintritt, wird ihr Profil erfasst. Wer sich danach auf Einladung darin einloggt, kann sich fortlaufend über ihren Behandlungsfortschritt informieren und selbst relevante Informationen einspeisen. Auch Aufträge, etwa von einem Arzt an eine Pflegerin, können über das System erteilt werden; diese kommen dann bei der Zielperson als Push-Nachricht an, deren Erledigung sie später ebenfalls digital bestätigen kann.

Etwa so sieht das Nachrichtensystem von Komed auf einem Computer aus.

Etwa so sieht das Nachrichtensystem von Komed auf einem Computer aus.

Sicherer und effizienter

Das Programm von Komed läuft vom Desktop-Computer bis zum Smartphone auf allen gängigen Geräten; neu eingetragene Informationen werden sofort synchronisiert. Das soll verhindern, dass Aufgaben beim ständigen Hin- und Herwechseln zwischen Geräten und Systemen durch die Maschen fallen – und dem Gesundheitspersonal das mühsame Nachtragen von Informationen am Computer ersparen, damit sie mehr Zeit mit den Patienten haben. Komed will auch Sicherheitslücken in der Kommunikation schliessen. Denn Patienteninformationen sind hochsensible Daten, zu denen nur Zugriff haben sollte, wer diesen auch tatsächlich für den Dienst am Patienten braucht. Heute sei es etwa keine Seltenheit, dass in Spitälern sogar über Whatsapp kommuniziert werde, erklärt Dobre – heute trägt schliesslich jeder fast permanent ein Smartphone auf sich und benutzt dieses vielleicht lieber als etwa den in Spitälern immer noch anzutreffenden Pager oder das gute alte Telefon. Eine zuverlässige Verschlüsselung sei so nicht immer gewährleistet.

Mit einer Zusammenführung aller dieser Stränge in ein konsolidiertes System könnte zudem viel Geld gespart werden, rechnet Dobre vor: Einer US-Studie aus dem Jahr 2010 zufolge verursachen Leerläufe und Fehler in der Kommunikation Kosten von jährlich 11 Milliarden Franken. Vor allem aber könnte eine lückenlose Verständigung Patienten schützen. Eine andere Studie aus den USA zeigte im Jahr 2014 auf, dass 70 Prozent der Todesfälle und schweren Unfälle in Spitälern auf Kommunikationsfehler zurückgehen. Für die Schweiz sind solche Zahlen noch nicht erhoben worden. Das Problem ist aber auch hierzulande bekannt, wie Dorit Djelid, Mediensprecherin des Schweizer Spitalverbands H+, bestätigt. Obwohl dieser nicht direkt in die Umsetzung von Klinikinformationssystemen involviert ist, habe man «Kenntnis davon, dass die Datenkompatibilität häufig eine Herausforderung darstellt».

Dass Komed mit seiner Geschäftsidee nicht auf dem Holzweg ist, hätten auch die Gespräche bestätigt, die das Unternehmen in den vergangenen Monaten mit 130 Gesundheitsfachkräften im ganzen Land geführt hat, um deren Bedürfnisse zu eruieren. «Da wir alle nicht aus der Gesundheitsbranche kommen, wollten wir herausfinden, wo genau die Probleme liegen und welche Eigenschaften eine neue Lösung haben müsste», so Dobre. Erst als im Verlauf dieser Gespräche aus der Vision eine handfestere Vorstellung eines Produkts wurde, hat Komed mit der Entwicklung des Systems begonnen. Kommende Woche soll eine erste Version stehen, die Komed in Zusammenarbeit mit einer Luzerner Arztpraxis testen kann. Im Mai soll dann bereits die Produktiv-Version folgen. Für diese sucht das Startup noch ein «Versuchskaninchen», am besten ein kleines Spital mit weniger als 50 Betten. Dabei sollen dann alle Kinderkrankheiten eliminiert werden, bevor das Endprodukt auf den Markt kommt.

Noch so jung und schon so gefragt

Erst letztes Jahr gegründet, konnte Komed bereits gewichtige Unterstützung ins Boot holen. Eine strategische Partnerschaft verbindet das Start-up mit dem Softwareunternehmen i-engineers, das ihnen sowohl in technischer Hinsicht zur Seite steht wie auch die Kontaktaufnahme mit Spitälern und Experten ermöglicht hat. Zudem unterstützt die Postfinance Komed: Sie zahlt dem kleinen Team, das seit gut zwei Wochen im Start-up Space im Sony-Gebäude hinter dem Schlieremer Bahnhof arbeitet, ein halbes Jahr lang die Miete. Auch das Start-up-Unterstützungsprogramm Venturekicks glaubt an das Potenzial von Komed: Im Dezember hat es eine erste Finanzierungstranche von 10 000 Franken gesprochen. Die Chance, die Zuschläge für die beiden weiteren Tranchen und damit insgesamt 130 000 Franken zu erhalten, erachtet Dobre als intakt.

Damit wäre aber erst gut ein Fünftel des Finanzierungsziels fürs erste Jahr erreicht. Unter anderem muss auch das Team noch erweitert werden, damit das Produkt innert der gesetzten Frist entwickelt werden kann; bisher kann sich das Dreierteam noch nicht einmal eigene Löhne auszahlen. Deshalb spricht Dobre zurzeit mehrmals pro Woche bei potenziellen Geldgebern vor, hauptsächlich sogenannten Business Angels, die Jungfirmen im Gegensatz zu den klassischen Venture-Capital-Investoren schon in einer frühen Phase mit Geld und Know-how unter die Arme greifen.

Mit im Gepäck hat sie dabei auch Referenzen von gewichtigen Akteuren des hiesigen Gesundheitswesens, die das Durcheinander der Kommunikationswege als Problem bestätigen und sich zitieren lassen, dass sie eine umfassende digitale Lösung begrüssen würden. Darunter sind etwa Unispital-Direktor Gregor Zünd, die leitenden Ärzte Reto Minder (Zürcher Kinderspital) und Michael Jäger (Seespital) oder Adrian Seiler, der IT-Leiter des Kantonsspitals Baden.

Es gebe auch schon mündliche und schriftliche Absichtserklärungen von grösseren Spitälern, dass man das Produkt kaufen wolle, wenn es fertig ist – und nachweislich hält, was es verspricht. In der Schweiz habe Komed noch keine Konkurrenz, sagt Dobre, allerdings gebe es besonders in den USA schon einige Unternehmen, die auf derselben Fährte sind.

Zuletzt schlägt der Roboter Medis vor

Das Grundsystem, das bis Mitte 2017 vollständig entwickelt und verkaufsbereit sein soll, ist aber erst der Anfang. In einem weiteren Schritt will Komed bis Januar 2019 nach Deutschland expandieren, zudem sollen bis dann auch Patienten darauf zugreifen können. Diese könnten dort zum Beispiel Anweisungen zur Medikamenteneinnahme entgegennehmen oder sich mit Fragen an jene Leute wenden können, die ihren Fall bereits kennen.

Bis 2022 soll das System dann so viele Daten verarbeitet und dabei so viel gelernt haben, dass gewisse Formen der Kommunikation teilautomatisiert werden können. Mit einem Artificial-Intelligence-Experten will Komed sogenannte Chatbots entwickeln, die wiederkehrende Muster durchschauen und den Ärzten Vorschläge fürs weitere Vorgehen machen. Hat das System etwa erkannt, dass eine Kombination von drei bestimmten Symptomen immer dieselbe erste Massnahme auslöst, muss der zuständige Arzt seine Anweisungen an weiteres Personal nicht mehr jedes Mal aufschreiben, sondern kann lediglich noch den Vorschlag des Systems bestätigen.