Kunst 14 Zürich
«So wollen wir leben»: Einmachen wird zu nachhaltiger Kunst

Preisgekrönte Food-Waste-Installation an der Kunst 14 Zürich sieht aus wie Hélène Vuilles Keller — ein Besuch.

Alex Rudolf
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Hélène Vuille im Gespräch mit Valentin Beck und Adrian Rast. Deren Installation «So wollen wir leben» ist begehbar und an der Kunst 14 Zürich ausgestellt.

Hélène Vuille im Gespräch mit Valentin Beck und Adrian Rast. Deren Installation «So wollen wir leben» ist begehbar und an der Kunst 14 Zürich ausgestellt.

Alex Rudolf

Rund zweieinhalb Meter ragen die Palette in die Höhe und formen einen kleinen quadratischen Raum. In den Zwischenräumen der Wände sind fein säuberlich Einmachgläser aneinandergereiht und leuchten in allen Farben. «In etwa so sieht mein Keller aus», scherzt Hélène Vuille. Die Food-Waste-Aktivistin und Autorin aus Birmensdorf besucht Valentin Beck aus Wettingen und Adrian Rast aus St.Gallen, die Erschaffer der Installation «So wollen wir leben», an der Kunst 14 in Zürich. Die beiden Künstler wollen— wie Vuille selber — der Lebensmittelverschwendung Einhalt gebieten.

Entstanden ist die das Werk im Rahmen einer Abschlussarbeit im Studiengang «Kunst und Vermittlung» an der Hochschule Luzern. Damit überzeugten Beck und Rast die Jury der Bewe-Stiftung, die alljährlich eine Abschlussarbeit einer Kunsthochschule prämiert. Zu gewinnen gab es die Möglichkeit, ihr «So wollen wir leben» an der «Kunst 14 Zürich», die dieses Wochenende in den ABB-Hallen stattfindet, auszustellen. Rund 80 Gegenwartskünstler und Galerien aus dem In- und Ausland sind vertreten. Rast und Beck ist die Demut ins Gesicht geschrieben. In den meterhohen Industriehallen wirkt die Installation beinahe klein. Hélène Vuille merkt nach einem kleinen Augenschein der restlichen Werke an, dass «So wollen wir leben» am bescheidensten daherkomme, aber mit Sicherheit die grösste Aussage habe.

Rast und Beck wurden von einem befreundeten Bauer inspiriert. «Das Einmachen kannte ich als Form der Haltbarmachung erst gar nicht», sagt Rast. Davon war er unheimlich fasziniert. Ausgehend davon, dass ein Künstler auch eine soziale Verantwortung habe, wollten die beiden Nachwuchstalente die alte Form der Konservierung wieder verbreiten, sie wieder salonfähig machen. «Die Gesellschaft sollte wieder auf einen nachhaltigen Umgang mit Nahrungsmitteln aufmerksam gemacht werden», so Rast. Vuille nickt.

Während sich die beiden unterhalten, funkeln Hunderte Einmachgläser im Hintergrund. Darin finden sich Himbeer- und Aprikosenkonfitüren, die durch Kochen und Zuckern haltbar gemacht wurden. Pilze und Bananenschnitze trockneten die beiden Künstler, Peperoni und Bohnen wurden in Öl eingelegt. Alle Inhalte sammelten die beiden in Abfalleimern von Grossverteilern, ohne dafür deren Einverständnis zu haben. Ein heikles Unterfangen.

Vuille weiss wie es ist, mit einem Grossverteiler zu verhandeln, wie heikel dies sein kann . Sie konnte die Migros Genossenschaft Zürich dazu bewegen, ihre Tagesfrischprodukte gratis den Bedürftigen zu überlassen, anstatt sie wegzuwerfen. Mit der Migros Genossenschaft Aare steht Vuille derzeit in Verhandlungen.

Gleiches Ziel, anderer Ansatz

«Was hat diese Arbeit mit den Nahrungsmitteln mit euch gemacht», fragt Vuille. «Viel», antwortet Rast, ohne zu zögern. Gehe er heute einkaufen, dann tue er dies viel bedachter als früher. Auch beobachte er beim Einkaufsverhalten anderer eine grosse Achtlosigkeit. «Unsere Abschlussarbeit hatte auch einen Einfluss auf das Konsumverhalten in unserem Umfeld. Einmachen gehört nun dazu», ergänzt Beck.

Mit Vuille, Rast und Beck treffen Food-Waste-Aktivisten aufeinander, die dasselbe Ziel mit anderen Ansätzen zu erreichen versuchen. Während Vuille direkt die Zusammenarbeit mit Grossverteilern sucht, wollen die beiden Künstler mit ihrem Werk die Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Wer ist erfolgreicher, wer erreicht mehr Leute? «Das lässt sich sicherlich nicht sagen», so Vuille. Rasts Position ist da schon deutlicher: «Vuilles Einfluss ist sicherlich grösser, weil ihr Engagement eine direkte Konsequenz für Grossverteiler und Bedürftige hat.» Die beiden Nachwuchskünstler zeigen grosses Interesse am Engagement der Birmensdorferin. Telefonnummern werden ausgetaucht: «Mal schauen, ob sich eine Zusammenarbeit in irgendeiner Form anbietet», sagt Rast. Vuille sieht dies genau so: «Ein Austausch zwischen den Generationen ist wichtig. Es berührt mich zu sehen, wie sich diese beiden jungen Herren so leidenschaftlich gegen die Lebensmittelverschwendung einsetzten». In ihrem nächsten Kunstprojekt wollen sich die beiden mit der Brennnessel auseinandersetzen. Wie genau, das werde sich noch zeigen, sagt Rast.

Noch bis Sonntag ist die Installation «So wollen wir leben» von Valentin Beck und Adrian Rast in den ABB-Hallen in Oerlikon ausgestellt.