Drei Hochhäuser am Verkehrsknotenpunkt Glanzenberg, zwei am Dreispitz Gjuch und je ein weiteres in der Nähe des Bahnhofs und an der Bremgartnerstrasse nahe dem Stadthaus – wenn es nach der Stadt geht, besitzt Dietikon in ein paar Jahrzehnten ausser dem Limmat Tower noch weitere hohe Wahrzeichen. Dazwischen entlang soll auf einer Achse Badenerstrasse–Zentralstrasse–Zürcherstrasse ein «Stadtboulevard» durch Dietikon laufen und dessen Attraktivität steigern. Die Zeitachse für die Umsetzung dieser Visionen: 20 bis 30 Jahre.

Mit einem weiten Blick in die Zukunft hat die Stadt weitere Schritte ihrer Stadtraumplanung in Angriff genommen. Stadtpräsident Otto Müller und Projektleiter Severin Lüthy präsentierten gestern bei einer Medienorientierung ein «Leitbild Stadtboulevard» und ein «Hochhauskonzept». Damit solle die Stadt- und Siedlungsentwicklung nicht länger dem Zufall überlassen bleiben, so Müller. Er betonte, es handele sich dabei lediglich um Konzeptpapiere ohne Behördenverbindlichkeit. Erst in einem zweiten Schritt werden Leitbild und Konzept dann in den regionalen Richtplan einfliessen und damit Verbindlichkeit erlangen.

Motor Limmattalbahn

Treibende Kraft hinter den Planungen ist vor allem die Limmattalbahn. Der positive Entscheid des Zürcher Stimmvolks im letzten Herbst für deren Bau hat Folgen für die Entwicklung der Stadt Dietikon in den kommenden Jahren. Insbesondere rechnet man mit einem weiteren Bevölkerungswachstum. Müller schätzt, dass sich die Einwohnerzahl auf etwa 30 000 einpendeln wird: «Wir spüren auch weiterhin den Siedlungsdruck.» Gemäss dem kantonalen Richtplan gehört neben Schlieren auch Dietikon zu den gut erschlossenen Siedlungsschwerpunkten, die 80 Prozent des künftigen Wachstums aufnehmen sollen. Darüber hinaus hat der Dietiker Gemeinderat 2012 der Stadt den Auftrag erteilt, die Siedlungsentwicklung mit der Linienführung der Limmattalbahn abzustimmen, eine weitere Triebfeder für die Ausarbeitung der beiden Konzepte.

Mit den vorgelegten, sehr umfangreichen Erläuterungsberichten zum «Leitbild Stadtboulevard» und dem «Hochhauskonzept» zeigt sich, dass die Stadt schon sehr genaue Vorstellungen davon hat, wie Dietikon dereinst aussehen soll. Das externe Zürcher Büro Stadtumbau und Stadtentwicklung Jürg Sulzer hat nach den Vorgaben und in enger Abstimmung mit der Stadt die Konzepte erarbeitet.

Verdichtung und Aufwertung

Im Fokus der Überlegungen stand nicht nur die Verdichtung, sondern auch die Aufwertung des Siedlungsraums zugunsten der Bevölkerung. Des Weiteren sollen mit den Konzepten, die eng miteinander verzahnt sind, künftige Projekte, speziell auch Hochhausprojekte, in einen grösseren städtebaulichen Kontext eingeordnet werden und damit ein Ende der kleinteiligen Bauveränderungen an vielen Ecken einläuten.

Der Boulevard

Die Achse Badenerstrasse–Zentralstrasse–Zürcherstrasse hat für die Stadt zentrale Bedeutung, sie ist Lebensader und Rückgrat Dietikons, so Projektplaner Severin Lüthy. Es wird erwartet, dass sich ihre Bedeutung mit der Limmattalbahn noch steigert. Dem soll Rechnung getragen werden durch eine starke Verdichtung der ersten Bautiefe, also der ersten Häuserreihe. Mit dieser Verdichtung sowie mit einer höheren Bebauung (hohe Häuser von 30 Metern Höhe) wird die Rolle als übergeordnete Stadtachse betont. Wichtig: Die Bauten entlang des Boulevards sollen immer entlang der Gestaltungslinie angeordnet sein.

Der Boulevard gliedert sich in vier verschiedene Abschnitte: einen peripheren, einen urbanen, die Zentrumsachse und die «Limmatkante», welche im Bereich der Limmat auf der südwestlichen Seite nur einseitig bebaut werden soll. Allen gemein ist die Gestaltung des Strassenraumes, die zum grossen Teil auf dem Limmattalbahn-Projekt basiert. Dem Langsamverkehr wird mit überbreiten Gehbereichen und Baumalleen Rechnung getragen. Geplant sind auch viele sichere und attraktive Querungsstellen. Gebäudeeingänge befinden sich auf dem Niveau des Gehbereichs, jedes Erdgeschoss wird den ganzen Boulevard entlang fünf Meter hoch sein. In den peripheren Bereichen wird die Geschosshöhe sechs Vollgeschosse nicht überschreiten, in den urbanen Abschnitten sind acht Geschosse möglich, im Zentrum richtet sich die Gebäudehöhe nach der bestehenden Struktur mit fünf Vollgeschossen. Insgesamt strebt man aber eine Erhöhung der Geschosszahl an. Das Gebiet südlich des Boulevards ist von den Verdichtungsbestrebungen ausgeschlossen und soll seinen Gartenstadt-Charakter beibehalten und nur moderat verdichtet werden.

Grafik: Urbaner Stadtboulevard Dietikon, Quelle: Büro Van de Wetering Atelier für Städtebau, Zürich

Die Hochhäuser

Eng verknüpft mit dem Leitbild Stadtboulevard ist auch der Umgang mit (neuen) Hochhäusern. In den Quartieren Niderfeld, Gjuch und der Vorstadt, Altberg und Glanzenberg sieht man Potenzial als Standorte. Alle vier sind zentral gelegen, strategisch wichtig und mit dem öffentlichen Verkehr gut erschlossen. Speziell im Gebiet Glanzenberg sieht die Stadt grosses Potenzial. Nichts weniger als eine «langfristige grossräumige Transformation, Stadtwerdung und Stadtreparatur» wird laut den Erläuterungen zum Konzept angepeilt. Abseits der urbanen Quartiere soll es dagegen keine Hochhäuser geben, auch nicht im sensiblen Zentrumsquartier rund um die Kirche. Als positives Beispiel wird im Konzept der Standort des Limmat Towers (an einem Knoten von zwei wichtigen Stadtstrassen) und dessen Wirkung auf das Quartier («Identitätsträger«) genannt.

Grafik: Mögliche Standorte für Hochhäuser und hohe Häuser in Dietikon, Quelle: Büro Van de Wetering Atelier für Städtebau, Zürich

Umsetzung nicht homogen

Das «Leitbild Stadtboulevard» und das «Hochhauskonzept» sind Bestandteile der Dietiker Stadtentwicklungsstrategie 2025. In welchem Zeitraum sich beide umsetzen lassen, ist aber völlig offen. Denn die Unwägbarkeiten sind zahlreich: Wächst die Bevölkerung wirklich so stark, dass eine Verdichtung Sinn macht? Gibt es genug Bauherren, die Investition und Risiko nicht scheuen, Hochhäuser zu bauen? Sogar die Planer schreiben in ihren Erläuterungen, dass die Nachfrage nach Hochhäusern in der Schweiz beschränkt ist. Fest steht dagegen, dass die Umsetzung nicht homogen erfolgen, es sehr lange ein Nebenher von alt und neu geben wird. «Es kann sein, dass die Konzepte nie komplett umgesetzt werden», meint Projektleiter Severin Lüthy.

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