Industrialisierung und Krieg
So viel kostete das Leben im Limmattal vor 100 Jahren

Der Wechsel von der Landwirtschaft in die Industrie bedeutete für viele Limmattaler einen wirtschaftlichen Aufstieg. Trotzdem pflegten sie oft einen sehr bescheidenen Lebensstil. Besonders ab Kriegsbeginn stiegen auch die Preise

Florian Niedermann
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Die Arbeiterwohnkolonie des Gaswerks um 1909.

Die Arbeiterwohnkolonie des Gaswerks um 1909.

Vereinigung Heimatkunde Schlieren

Das Leben war teuer. Im «Gasi» in Schlieren etwa verdienten Tagelöhner gemäss einer Lohntabelle aus dem Jahr 1906 je nach Funktion von Fr. 2.80 bis Fr. 6.25 am Tag. Festangestellte bekamen zwischen 115 und 210 Franken pro Monat. Der jährliche Mietzins der eigens für die «Gasi»-Angestellten errichteten Wohnkolonie Gaswerk schwankte zu dieser Zeit je nach Lage und Grösse der Wohnung zwischen 270 und 450 Franken — somit gab eine Arbeiterfamilie zwischen Fr. 22.50 und Fr. 37.50 monatlich für ihr Dach über dem Kopf aus.

Viel Geld für Luxus blieb also nicht. Dazu gehörten gemäss einer Auflistung der durchschnittlichen Verbraucherpreise aus dem Jahr 1914 etwa Tafelbutter (3.87 Fr./kg), Kaffee (2.60 Fr./kg) oder auch Käse (2.27 Fr./kg). Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln (19 Rp./kg), Brot (35 Rp./kg) oder Milch (24 Rp./l) fielen weniger ins Gewicht. Dennoch stellten Nahrungsmittel für Unselbstständigerwerbende 1912 noch den grössten Posten eines Haushaltsetats dar — nämlich 42,7 Prozent. Erst 1985 gab diese Bevölkerungsgruppe erstmals weniger für Essen als für das Dach über dem Kopf aus. Damals zahlten Arbeiter im nationalen Durchschnitt noch 12,8 Prozent des Einkommens für das tägliche Brot und rund 13 Prozent für die Miete.

Bis zum Ersten Weltkrieg hielten die Lohnansätze im «Gasi» mit den steigenden Lebenskosten mehr oder weniger Schritt. Doch zwischen Kriegsbeginn und 1919 setzte eine extreme Teuerung ein. Ein Kilogramm Brot kostete beispielsweise 1919 73 Rappen — mehr als das Doppelte als noch 1914. Und auch der Milchliterpreis stieg um mehr als die Hälfte an, nämlich auf 38 Rappen. Ein Kilo Butter kostete 1919 ganze Fr. 8.20. Die Steigerung der Lebenskosten, die gegen Ende der Kriegsjahre bis über 60 Prozent betrug, wurde mit Teuerungszulagen ausgeglichen. Diese Lohnpolitik der «Gasi»-Direktion war im Vergleich zu anderen Fabriken vorbildlich. Zeitzeuge Jakob Grau beschreibt etwa, wie beim Ausbruch des Kriegs gar Löhne gekürzt wurden: «Natürli häd s Hamstere d Sach uufgschlage, dass Gott erbarm, und derzue häd mer den Arbeitere na d Löh abegheit.»

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