Erleichterte Einbürgerung
So sehen Limmattaler der dritten Generation dem 12. Februar entgegen

Am 12. Februar entscheidet das Stimmvolk, ob sich Personen der dritten Ausländergeneration erleichtert einbürgern lassen dürfen. Drei junge Limmattaler, deren Grosseltern in die Schweiz einwanderten, schildern ihre Sicht.

Flurina Dünki
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Grosskinder von Einwanderern sollen es einfacher haben.

Grosskinder von Einwanderern sollen es einfacher haben.

zvg

Junge Ausländerinnen und Ausländer, deren Grosseltern in die Schweiz eingewandert sind und deren Eltern hier aufwuchsen, sind in der Schweiz heimisch und sollen kein langes und aufwendiges Einbürgerungsverfahren durchlaufen müssen. Sie sollen deshalb die Möglichkeit erhalten, sich leichter einbürgern zu lassen, finden der Bundesrat wie auch das Parlament. Sie empfehlen deshalb, den Beschluss über die erleichterte Einbürgerung von Personen der dritten Ausländergeneration am 12. Februar anzunehmen. Die Fakten im Überblick:

  • Wer würde die Möglichkeit einer erleichterten Einbürgerung erhalten?

Personen, die nicht älter als 25 Jahre sind, in der Schweiz mindestens fünf Jahre die obligatorische Schule besucht haben und eine Niederlassungsbewilligung besitzen, könnten sich auf erleichtertem Wege einbürgern lassen. Ein Elternteil muss sich dazu mindestens zehn Jahre in der Schweiz aufgehalten haben, fünf Jahre die obligatorische Schule besucht und eine Niederlassungsbewilligung erworben haben. Ein Grosselternteil muss zudem ein Aufenthaltsrecht erworben haben oder hier geboren sein.

  • Inwiefern würde die Einbürgerung bei einem Ja am 12. Februar erleichtert?

An den Integrationsvoraussetzungen wie dem Beherrschen einer Landessprache und dem Einhalten der Schweizer Rechts- und Werteordnung ändert sich nichts. Jede Person müsste zudem weiterhin einen Antrag auf Einbürgerung stellen. Das Verfahren würde aber weniger lang dauern und deutlich weniger kosten, weil über das Gesuch der Bund direkt entscheidet. Dazu holt er Informationen beim Kanton ein, der sich wiederum bei der Gemeinde erkundigen kann.

  • Wie viele Personen würden von der erleichterten Einbürgerung profitieren?

Würde die erleichterte Einbürgerung für die dritte Generation heute eingeführt, so könnten gemäss einer aktuellen Studie schweizweit 25 000 Personen davon profitieren. Davon leben 3500 im Kanton Zürich. Gemäss einer Schätzung des statistischen Amts des Kantons Zürich wohnen 330 dieser Personen im Bezirk Dietikon.

  • Welche Unterschiede bestehen zwischen Schweizer Bürgern und Ausländern, die in der Schweiz wohnen?

Personen ohne Schweizer Bürgerrecht können nicht wählen oder abstimmen und sich nicht in ein politisches Amt wählen lassen. Auch die Militärpflicht für Männer gilt nur für Schweizer Bürger. Bei schweren Straftaten droht einem Ausländer zudem die Ausschaffung ins Heimatland. Neben den rechtlichen Unterschieden erleben Nichtschweizer auch eine faktische Benachteiligung, etwa bei Vertragsschlüssen oder auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt.

«Erleichterte Einbürgerung empfinde ich als fair»

Domenico Sonetto, Enkel italienischer Einwanderer, reizt eine Einbürgerung – noch – wenig.

Domenico Sonetto

Domenico Sonetto

zvg

Auch als Angehöriger der dritten Generation werde er in der Schweiz klar als Ausländer gesehen, sagt Domenico Sonetto. «Stören tut mich das aber eigentlich nicht. In Schlieren war ich als Kind ausländischer Eltern ja eher der Normalfall.» Die Grosseltern mütterlicher- und väterlicherseits des 19-Jährigen kamen in den 1970er-Jahren in die Schweiz. Schon seine Eltern wuchsen hier auf. Alle hätten sie den C-Ausweis, sagt der Informatiklehrling.

Würde er sich erleichtert einbürgern lassen, wenn die Schweizer Stimmbürger am
12. Februar Ja zur Vorlage sagen? Er würde nicht umgehend einen Antrag auf Einbürgerung einreichen, entgegnet der Schlieremer. «Der Drang nach einem Schweizer Pass ist zurzeit einfach nicht stark genug. Dass ich nicht wählen darf, empfinde ich nicht als störend», sagt Sonetto.

Ärgerlicher sei für ihn, dass beim Abschluss von Versicherungen immer gefragt wird, ob man Schweizer sei oder nicht. Während der junge Italiener unschlüssig ist, ob er den Schweizer Pass anstreben soll, ist seine Parole zur Abstimmung aber klar: «Die Möglichkeit einer erleichterten Einbürgerung für die dritte Generation empfinde ich als fair. Bürokratische Prozesse sind oft unheimlich kompliziert, wenn man nur den C-Ausweis hat.»

Geste des Staates

Die Regel für Nichtschweizer ist in Sonettos Augen klar: Wenn man hier leben dürfe, müsse man dem Land etwas zurückgeben. Man müsse gut integriert sein und sich an die Gesetze halten. «Aber auch der Staat kann mir zeigen, dass er meine gute Integration und meine Schweizer Schulbildung schätzt. Und eine erleichterte Einbürgerung kann eine solche Geste sein.» Für ihn persönlich hänge der Entscheid, sich einbürgern zu lassen, aber weniger von der Art der Prozedur ab. «Wenn ich mich doch eines Tages für den Schweizer Pass entschliessen sollte, dann mache ich das auch, wenn ich den längeren Weg gehen muss.»

Von verschiedenen Seiten hört der Lernende immer wieder, dass er sich als Italiener einfach vor dem Schweizer Militärdienst drücken wolle. Von allen Gründen, nicht Schweizer zu werden, sei dieser für ihn jedoch der unwichtigste. «Schweizer würden mich auch nach einer Einbürgerung nicht plötzlich als Schweizer sehen. Ich wäre für sie ein ‹Papiirlischwizer›.» Deshalb finde er die Vorteile einer Einbürgerung für ihn heute eher dürftig.

Anders denkt Sonetto, wenn es um potenzielle Nachkommen geht. «Habe ich eines Tages Kinder, so sollten sie den Prozess einer Einbürgerung nicht mehr durchmachen müssen, sondern schon als Schweizer geboren werden – ohne natürlich die italienische Staatsbürgerschaft zu verlieren.» Sonnetto schliesst auch nicht aus, dass eines Tages sein Interesse, in der Politik mitzubestimmen, grösser wird und er sich deshalb einbürgern lässt.

«Respekt vor Einbürgerung würde nicht kleiner»

Lina Ngesu ist in Oberengstringen aufgewachsen. Ihren roten Pass schätzt sie sehr.

Lina Ngesu

Lina Ngesu

Bojan Stevanovic

Lina Ngesu nennt sich selbst ironisch «Bounty», nach dem gleichnamigen Schokoriegel. «Aussenrum braune Schokolade, im Innern Emmentaler», sagt sie. Sie ist in Oberengstringen aufgewachsen und fühlt sich als Schweizerin. «Äusserlich erscheine ich den Leuten aber natürlich als Afrikanerin.» Sie habe kein Problem mit ihrer kenianischen Herkunft, im Gegenteil. Die Verbindung der beiden Kulturen sei das, was ihre Person ausmache. Die
26-jährige Enkelin kenianischer Einwanderer ist seit 13 Jahren Schweizerin, dank der Einbürgerung ihrer Mutter.

Integration abgeschlossen

«Menschen der dritten Generation wie ich, die schon ihr Leben lang hier sind, sollen die Chance auf erleichterte Einbürgerung bekommen», sagt Ngesu. Es gäbe zwar auch Leute, die sich keine Mühe geben würden, sich an hiesige Normen und Gewohnheiten anzupassen. Die sich gar nicht damit auseinandersetzten und nur die Kultur ihrer Ahnen weiterlebten. Solche Ausländer haben ihrer Meinung nach keinen roten Pass verdient. «Ich habe aber noch niemals jemanden der dritten Generation kennengelernt, der sich so verhält», sagt sie. Wer hier aufwachse, kenne die Schweizer Werte und die Kultur des Landes und erfülle somit die Voraussetzungen, um eingebürgert zu werden. «Wenn man in der Schweiz zur Schule geht und die hiesigen Traditionen miterlebt, müsste man kräftig gegen den Strom schwimmen, um sich nicht zu integrieren.»

Der erleichterte Weg zur Staatsbürgerschaft hiesse nicht, dass die Kandidaten diesem Schritt mit weniger Respekt begegnen würden, sagt Ngesu. «Mir war damals bewusst, dass meine Mutter auf etwas richtig Grosses hinarbeitete. Ich wusste, dank ihrer Bemühungen würden auch ich und mein Bruder den Schweizer Pass erhalten und damit die gleichen Rechte und Pflichten wie die anderen Schweizer Bürger», sagt die heutige Doppelbürgerin.
Als wertvollstes der mit der Einbürgerung erlangten Rechte stellte sich für Ngesu die Freiheit heraus, zwischen Kenia und der Schweiz hin- und herzureisen. Als Jugendliche verspürte sie den Drang, ihre kenianischen Wurzeln zu erforschen, und verbrachte eine Zeit im ostafrikanischen Land. «Ohne Schweizer Pass hätte ich danach nicht derart mühelos wieder in die Schweiz einreisen können. Der Wert meiner Staatsbürgerschaft ist mir sehr wohl bewusst.»

Lina Ngesu wird am 12. Februar über den Bundesbeschluss zur erleichterten Einbürgerung der dritten Ausländergeneration abstimmen gehen. «Ich werde Ja stimmen», sagt sie. «Aber ich bin nicht sicher, ob der Beschluss angenommen wird.» Denn sie befürchtet, dass bis zur Abstimmung noch viele Stimmen in der Schweizer Bevölkerung gegen eine Annahme laut werden.

«Ich will meine politischen Rechte ausüben»

Fatih Sönmez hat trotz Schweizer Pass oft mit Vorurteilen gegenüber Türken zu kämpfen.

Fatih Sönmez

Fatih Sönmez

Flurina Dünki

Fatih Sönmez kann sich nicht mehr genau an die Zeit erinnern, als seine Eltern sich einbürgern liessen. «Ich war damals erst vier Jahre alt und kenne das Leben ohne Schweizer Pass gar nicht.» Beide Elternteile kamen mit ihren Eltern ins Land. Für seine Schulkameraden in Dietikon sei er aber ohnehin immer Türke gewesen. «Die Menschen um dich rum teilen dich nicht gemäss deinem Ausweis ein, sondern aufgrund deines Aussehens und Namens», sagt der 16-Jährige.

In Dietikon sei man mit ausländischen Wurzeln in guter Gesellschaft. Sticheleien zwischen Gruppierungen gehörten dazu und hätten ihn nie wirklich gestört. Tiefer trifft es den Jugendlichen, wenn ältere Menschen ihn beschimpfen. «Die sagen Sachen wie: ‹Du verdammter Ausländer› und setzen uns alle mit Verbrechern gleich.» Der Automobilassistent-Praktikant möchte seinen Schweizer Pass nicht missen. Auch wenn er durch Aussehen und Namen oft vorverurteilt werde, wisse er um seine Besserstellung gegenüber Nichtschweizern.

Nicht nur schätzt er die Reisefreiheit, die mit einem türkischen Pass eingeschränkt wäre, er will auch seine politischen Rechte ausüben, sobald er 18 ist. Als Teenager sind zudem die Konsequenzen von Jugendsünden ein grosses Thema: «Ich hatte einen Kollegen, der zu oft Mist gebaut hatte und dann abgeschoben wurde. Seine Heimat kannte er bis dahin nur aus den Ferien.»

Als Gefahr gesehen

Sönmez würde die Vorlage über die erleichterte Einbürgerung annehmen, dürfte er bereits abstimmen. «Ich habe viele Freunde, deren Grosseltern auch schon eingewandert sind, die aber keine Schweizer sind. Sie sollen Schweizern gleichgestellt werden.»
Würde der Jugendliche sich um die Schweizer Staatsbürgerschaft bemühen, wenn er sie nicht schon hätte? «Ich bin nicht gut, wenn es ums Lernen geht. Geschichte ist mein schlechtestes Schulfach und Fragen aus der Schweizer Geschichte würden beim Einbürgerungstest ja gefragt», sagt Sönmez. Sicher aber würde er sich der Herausforderung stellen. «Ich lebe ja schon seit Geburt in der Schweiz.»

Und welches ist gemäss Sönmez der Grund, weshalb ein Teil der Schweizer mit einer erleichterten Einbürgerung nicht einverstanden ist? «Ich denke, sie setzen uns gleich mit Gefahren und sind der Meinung, nur Ausländer machen in der Schweiz Probleme.»

«Ich will ins Militär»

Der grosse Bruder von Fatih Sönmez hat kürzlich die Rekrutenschule begonnen. Er selber möchte auch den Militärdienst absolvieren. Nur ein Problem sieht er beim Schweizer Militär: «Als Soldat möchte ich Menschen retten oder sie vor ernsten Gefahren beschützen. In der Schweiz ist das nicht so realistisch. Ich hoffe, es wird nicht zu langweilig.»

«Ich glaube nicht, dass der Bezirk Dietikon der Vorlage zustimmt»

Die Weiningerin Yvonne Brändle-Amolo ist Präsidentin der SP Kreisgemeinde und findet, dass die erleichterte Einbürgerung im Interesse der Schweiz ist.

Frau Brändle-Amolo, Sie setzen sich im Pro-Komitee für die erleichterte Einbürgerung der dritten Generation ein, über die das Schweizer Stimmvolk am 12. Februar abstimmt. Warum braucht es diese Gesetzesänderung?
Yvonne Brändle-Amolo: Die erleichterte Einbürgerung für die dritte Generation ist im Interesse der Schweizer Gesellschaft. Haben Menschen, die hier geboren wurden und integriert sind, die Möglichkeit am demokratischen Prozess teilzunehmen, gewinnt dieser an Legitimation. Viele Menschen können sich zudem die aktuellen, teils langwierigen Verfahren schlichtweg nicht leisten. Auch sind die Menschen der dritten Generation bereits Teil unserer Gesellschaft. Sie gingen hier zur Schule und sprechen Dialekt. Sie sollten auch so behandelt werden.

Sie sind gebürtige Kenianerin, kamen der Liebe wegen in die Schweiz und liessen sich erleichtert einbürgern. Mit Ihren Auftritten im Pro-Komitee nehmen Sie gewissermassen die Rolle der vorbildlichen Eingebürgerten ein. Wie gehen Sie damit um?
Ich bin so, wie ich bin, und sehe mich selbst keineswegs als Vorbild. Die Integration bin ich auf meine Weise angegangen, mit Jodeln und Schwingerfesten. Vielen scheint dies Eindruck zu machen. Daher werde ich hin und wieder für Interviews angefragt, eine offizielle Funktion im Komitee habe ich jedoch nicht.

Wie hat sich Ihre Einbürgerung auf Ihre Integration ausgewirkt?
Ich habe festgestellt, dass ich mich danach noch stärker und schneller integrierte. Dies, weil ich plötzlich am politischen Prozess teilnehmen konnte. Die Einbürgerung brachte mich an andere Orte und ich nahm mich als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft wahr. Ein Gefühl, das man nicht unterschätzen sollte.

Der Abstimmungskampf ist nun in der heissen Phase. Für Aufsehen sorgten jüngst die Burka-Plakate des Nein-Komitees. Wie haben Sie reagiert, als sie das erste Exemplar gesehen haben?
Es machte mich traurig. Weil ihnen die sachlichen Argumente fehlen, versuchen die Gegner, mit diffusen Ängsten zu spielen. Es ist hinlänglich bekannt, dass die Vorlage mehrheitlich Italiener betrifft.

Wagen Sie eine Prognose für das Abstimmungsresultat des Bezirks Dietikon am 12. Februar?
Ich glaube im Moment nicht, dass der Bezirk Dietikon der Vorlage zustimmt. Obwohl hier viele Ausländer der dritten Generation leben, sprechen diese nur ungern darüber, dass sie keinen Schweizer Pass besitzen. Daher ist es vielen Schweizern auch nicht bekannt, dass ihre Schulkameraden oder Freunde aus dem Sportverein keine Schweizer sind.

Yvonne Brändle-Amolo Präsidentin SP Kreisgemeinde

Yvonne Brändle-Amolo Präsidentin SP Kreisgemeinde

zvg