«Stutz um Stutz»

So schlägt sich eine Bergdietikerin mit 100 Franken in einer fremden Stadt durch

Barb Streuli aus Bergdietikon unterzog sich in der SRF-Sendung «Stutz um Stutz» einem Test. Während fünf Tagen versuchte sie mit 100 Franken und ohne Handy oder sonstige Hilfsmittel in einer fremden Stadt über die Runden zu kommen.

Die Glocken der reformierten Kirche in Bergdietikon läuten. Barb Streuli sitzt auf einem weissen Ledersofa in ihrem Wohnzimmer und schaut aus dem Fenster. Der Spitz des Aussichtsturms auf dem Üetliberg schimmert durch den dunstigen Himmel. In der Ferne sind Höngg und Oberengstringen zu erkennen. Streuli krault ihrer Mischlingshündin Joya den Nacken und nippt an einer Tasse Kaffee. Dass die 72-Jährige im Januar in St. Gallen auf der Notschlafstelle einen Schlafplatz suchte, scheint bei diesem idyllischen Anblick unvorstellbar.

Die Bergdietikerin nahm Anfang Jahr an einem Sozialexperiment teil, das derzeit im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt wird. In der vierteiligen Sendung «Stutz um Stutz» versuchen Streuli und drei Mitstreiter während fünf Tagen mit 100 Franken ohne Handy und sonstige Hilfsmittel in einer fremden Stadt über die Runden zu kommen und dabei möglichst viel Geld zu generieren. Zu ihren Aufgaben gehören aber auch, einen Schlafplatz zu suchen und Essen zu organisieren. Wer am Schluss am meisten Geld im Portemonnaie hat, erhält das Geld aller Mitstreiter.

«Stutz um Stutz – Ein Sozialexperiment» Folge 1/4:

Verrücktes zum Geburtstag

Streuli ist die älteste der vier Kandidaten, aber auch die witzigste. In der Sendung beweist sie ihr komisches Talent, verschüttet Milch auf dem Boden der Touristeninformationsstelle, lässt beinahe das Smartphone eines hilfsbereiten Studenten fallen und ist in jeder noch so ausweglosen Situation für einen Scherz zu haben. Und wenn sie gerade ansteht und ihre Gedanken ordnen muss, dann lässt sie das die Zuschauer wissen: «Streuli steht auf dem Schlauch.» Sie nehme sich nicht so ernst, lebe im Moment und versuche, aus allem das Beste zu machen. Das kommt an. «Ich wurde schon oft beim Einkaufen oder beim Spaziergang mit dem Hund auf die Sendung angesprochen.» Dass so viele das Programm verfolgen würden, damit habe sie nicht gerechnet. Zumal sie die Teilnahme selbst nicht so ernst nahm.

«Stutz um Stutz – Ein Sozialexperiment» (2/4)

«Ich habe mich eigentlich nur angemeldet, weil ich vor meinem 72. Geburtstag etwas Verrücktes machen wollte», sagt sie und lacht. Die Art der Bewerbung habe sie angezogen. «In der Anzeige hiess es, dass man sich mit einem Selfie-Video, in dem man Fragen zum Thema Geld beantworten muss, bewerben soll.» Genau das Richtige für die Seniorin. «Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag etwas Neues zu lernen.» Dass SRF sie zu einem Casting einladen und sie schliesslich zu einer Protagonistin machen würde, habe sie überrascht. Doch einen Rückzieher zu machen, stand für Streuli ausser Frage: «Die Suppe, die ich mir da eingebrockt hatte, musste ich selber auslöffeln.»

Den Trailer zur Sendung sehen Sie hier:

Gute Gespräche

Mehr als zwei Monate nach den Dreharbeiten zieht sie ein positives Fazit: «Es war schön, zu erleben, wie hilfsbereit und sozial viele Schweizer sind, wenn man offen auf sie zugeht.» Natürlich spiele auch die Art und Weise, wie man nach Hilfe frage, eine Rolle. Bei Hanspeter Wagner, dem Diakon der Pfarrei St. Otmar in St. Gallen, konnte sie etwa das Nachtlager aufschlagen. Für Streuli ein Highlight des Sozialexperiments. «Sie haben mich herzlich aufgenommen und waren sehr grosszügig. An die guten Gespräche erinnere ich mich gerne zurück.» Etwas mühsam sei gewesen, dass sie fünf Tage lang dieselben Kleider habe anziehen müssen. «Ich war froh, dass ich jeden Morgen duschen konnte. Meine Unterwäsche habe ich abends ausgewaschen und über Nacht auf der Heizung trocknen lassen.»

«Stutz um Stutz – Ein Sozialexperiment» (3/4)

In der Sendung begegnete sie mehrmals ihrem Mitstreiter Andreas Klein. Lustig sei gewesen, dass er immer dieselben Ideen wie sie gehabt habe. Auch Klein übernachtete bei der Pfarrersfamilie. «Unsere Wege kreuzten sich ein paar Mal. Ich war aber immer zuerst da», sagt Streuli und lacht. Am meisten vermisst habe sie ihren Partner Hannes, mit dem sie seit 25 Jahren zusammen ist. «Die Spielregeln besagten, dass ich keinen Kontakt zu meinen Lieben haben darf.» Sie habe ihm nicht mal sagen können, dass es ihr gut gehe. Angst, dass sie keine Schlafstelle finden würde, habe sie nie gehabt. «Ich bin ein positiver Mensch, der in die Zukunft schaut und nicht in der Vergangenheit nach Fehlern sucht.» Mit dieser Einstellung sei sie immer gut durchs Leben gekommen.

Fünf Tage lang mit 100 Franken auskommen, musste Streuli schon lange nicht mehr. Als Jugendliche sei es manchmal etwas knapp gewesen. «Als ich in der Ausbildung war, bekam ich von meinen Eltern 15 Franken Sackgeld pro Monat. Ich fuhr meist per Autostopp von Männedorf nach Zürich, um das Geld zu sparen.» Geldsorgen plagten sie später nicht mehr. Streuli heiratete einen erfolgreichen Geschäftsmann, lebte in Zumikon. Nach der Scheidung zog sie nach Männedorf und führte dort und in Zumikon erfolgreich zwei Ballettschulen.

Mit 150 Franken ins Bergell

Das Experiment hinterliess aber auch bei ihr Spuren. «Ich gehe bewusster mit Geld um. Beim Einkaufen frage ich mich nun eher, brauche ich das wirklich?» Und auch sonst inspirierte das Experiment die 72-Jährige zu neuen Projekten. «Ich habe mir zum Ziel gesetzt, mit 150 Franken auf eine Wanderung mit meinem Hund ins Bergell zu gehen.» Sie sei noch nie da gewesen und wolle herausfinden, wie weit sie mit dem Geld komme. «Ich bin eine Perfektionistin, wenn es ums Planen geht. Das Ungewisse reizt mich.» Ob Streuli das Sozialexperiment «Stutz um Stutz» meistert und sie die Idee, mit einer Theateraufführung Geld zu verdienen, umsetzen kann, darf die Bergdietikerin nicht verraten. Sie sagt nur so viel: «Es kommt alles gut.»

Die dritte Folge von «Stutz um Stutz» ist heute Abend um 21.05 auf SRF1 zu sehen, die vierte Folge wird am 5. April zur selben Zeit ausgestrahlt.

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