Immobilien
So nachhaltig wohnen wir künftig im Limmattal

Diese Woche präsentierte die Umwelt-Arena in Spreitenbach das erste Mehrfamilienhaus, das keinen Anschluss an die Strom-, Öl- oder Gasversorgung hat. Das Limmattal hat jedoch noch mehr zu bieten, was nachhaltiges Wohnen betrifft.

Alex Rudolf
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Lichtschalter ade: Mit einer simplen Handbewegung sollen sämtliche elektronischen Geräte künftig bedient werden können.

Lichtschalter ade: Mit einer simplen Handbewegung sollen sämtliche elektronischen Geräte künftig bedient werden können.

Erhielten wir Besuch von einem Menschen, der vor hundert Jahren gelebt hat, wie wäre er wohl erstaunt über unsere Lebensweise. So waren Erfindungen wie der elektrische Kühlschrank oder die Abwaschmaschine gerade in ihren Startlöchern, der Fernseher hätte beim Besuch womöglich für ungläubige Begeisterungsstürme gesorgt.

Walter Schmid blickt mit seiner Vision vom nachhaltigen Wohnen zwar nicht hundert Jahre in die Zukunft, seiner Zeit ist er jedoch allemal voraus. Vergangene Woche präsentierte der Verwaltungsratspräsident der Umwelt-Arena im Beisein von alt Bundesrat Moritz Leuenberger sein neustes Projekt. Dabei handelt es sich um das erste energieautarke Mehrfamilienhaus der Welt. «Energieautark» bedeutet gänzliche Unabhängigkeit von externer Energieversorgung: Das Gebäude verfügt weder über einen Strom-, Öl- noch einen Gasanschluss. Einzig und allein die Sonne wird das 9-Familien-Haus mit Energie versorgen. Dies bewerkstelligen die rund 40 am Projekt beteiligten Partner mit unterschiedlichen Massnahmen. So besteht die gesamte Fassade aus Photovoltaik-Elementen, die mit einer Stunde Sonnenschein Energie für einen ganzen Tag der Bewohner des Hauses generiert. Diese wird dann in einen Kurz- und einen Langzeitspeicher eingespeist, welche die Energie drei bis vier beziehungsweise bis zu 25 Tage speichern können.

Aber auch ein schonender Umgang mit der vorhandenen Energie ist Gebot. So werden ausschliesslich Haushaltsgeräte mit dem Label «A+++» eingebaut. Denn hier sehen die Verantwortlichen grosses Sparpotenzial.

Einen anderen Ansatz verfolgen die Ingenieure der Firma Digitalstrom an der Schlieremer Brandstrasse. Sie produzieren keine stromsparenden Haushaltsgeräte, sondern fokussieren auf die Vernetzung von Elektronik im Haus, was laut CEO Martin Vesper zu einer Energieeinsparung – je nach Verhalten des Konsumenten – von bis zu 20 Prozent führen kann. Eigens entwickelte Klemmen, ihr Äusseres erinnert an einen Lego-Stein, können elektronische Geräte mittels Stromkreislauf kommunizieren lassen. Sie werden bei den jeweiligen Stromanschlüssen montiert.

An der Technologiemesse CES (Consumer Electronics Show) in Las Vegas zeigten Vesper und sein Team Anfang Januar einige Novitäten, welche die Kommunikation unter den elektronischen Geräten auf ein neues Niveau hebt. So entwarfen die Schlieremer beispielsweise eine komplette Vernetzung mit dem Google Nest Thermostat. Dieses passt die Raumtemperatur automatisch an die Aussentemperaturen sowie an die Gewohnheiten der Hausbewohner an. Ist niemand zu Hause, sinkt die Temperatur sensorgesteuert. Die von Digitalstrom entwickelte Klemme vernetzt das Google Nest Thermostat mit anderen elektronischen Geräten wie Sonnenstoren, Lichtschaltern und dem Smartphone. «Möchte der Bewohner von auswärts die Temperatur senken oder erhöhen, dann kann er dies via Smartphone tun. Die Sonnenstore wird dabei eingebunden», so Vesper.

Noch futuristischer wird es beim Gedanken daran, dass Geräte bald anstatt mit einer Berührung via Handbewegung aktiviert werden könnten. Dies kann mithilfe der Klemmen bald möglich sein. Schliesst man ein kameraähnliches Multisensor-Gerät an den Stromkreislauf, über welchen die Klemmen von Digitalstrom kommunizieren, können alle Oberflächen in einem Haus zu einem An- und Ausknopf für Geräte werden. Ein Wasserhahn oder der Küchentisch werden vom Multisensor erkannt. Die Formen dieser Oberflächen wurden zuvor mit einer gewissen Funktion verknüpft. Berührt man den Wasserhahn, geht das Wasser an — setzt man sich an den Küchentisch, schaltet sich die Leuchte darüber ein.

Diese Einstellungen werden mittels Software programmiert: Erkennt der Multisensor Bewegungen im Luftraum, werden die Aktionen ausgeführt. Auch dies bietet Potenzial zum Energiesparen, da die Nutzung von Ressourcen wie Wasser oder Licht so vorgängig auf ein Minimum programmiert werden kann. Es werden nur so viele Ressourcen benutzt, wie benötigt. Wie lange es noch geht, bis diese technischen Neuerungen den Weg in die Massenproduktion und somit in unser tägliches Leben finden, weiss Vesper nicht. Dass das Smart Home (kluges Zuhause), wie er es nennt, das Haus der Zukunft ist, dessen ist er sich sicher.

So scheint es durchaus plausibel, dass auch wir, würden wir eine normale Wohnung aus dem Jahr 2100 besuchen, mit Erstaunen und womöglich mit Begeisterungsstürmen reagieren würden.

Architekt: «Der Fokus im Wohnbereich sollte woanders liegen»

Herr Bürgi*, was bedeutet der Baustart des ersten energieautonomen Mehrfamilienhauses der Welt für die Zukunft in Sachen Nachhaltigkeit?
Hansjörg Bürgi: Die Energieautarkheit, wie man dies auch nennt, ist heute nicht mehr das Hauptthema der Nachhaltigkeit im Wohnbereich. Die Hürden für ein Gebäude in dieser Grössenordnung sind zwar hoch. So steht die Fläche für die Energiegewinnung an Fassade und Dach in einem kleinen Verhältnis zur Wohnfläche. Die Technologie dazu verbessert sich jedoch stetig. Der Fokus im Wohnbereich sollte jedoch woanders liegen.

Wo denn?
Das interessante am Projekt der Umwelt-Arena ist die höhere Bebauungsdichte. Zukunftsfähige Bauten müssen im städtischen dichten Raum Lösungen anbieten. Dabei gilt es sämtliche Lebensbereiche einzubeziehen und das Projekt technisch wie auch sozial zu vernetzen. Eine energetische Vernetzung geht über das Gebäude hinaus, auf das Quartier, die Stadt, die Region. Die Mobilität wird ebenfalls einbezogen; hier gibt das Projekt mit dem Elektro- und dem Biogas-Auto erste Ansätze.

Beim Projekt wurden verschiedene Aspekte berücksichtigt. Die Energiespeicherung, deren Generierung und aber auch der sparsame Umgang. In welchem Bereich sehen Sie am meisten Potenzial?
Alle Bereiche sind sehr wichtig und müssen zusammen spielen. Die Speicherung ist heute jedoch in jedem Konzept für die Generierung von Solarstrom ein zentraler Punkt. Bisher ist sie zeitlich begrenzt. Hier kann man sich technologisch noch entwickeln. In Sachen Effizienz sind wir schon sehr weit. Ich denke aber, dass entscheidende Bereiche die gesellschaftliche Haltung betreffen.

Wie meinen Sie das?
Die Fragen zum Beispiel, wie viel Platz der Mensch braucht und wie viele Ressourcen er benötigt, sind hier zentral.

Damit meinen Sie, dass das Leben auf flächenmässig und energetisch kleinerem Fuss gesellschaftlich nicht mehr als ein Verzicht betrachtet wird?
Genau. Das verlangt neue Wohnformen, bei denen Raum besser genutzt wird. Da sehe ich viel Potenzial, die nicht auf Verzicht basieren, sondern Mehrwert schaffen, beispielsweise mit gemeinsamen Nutzung von Räumen.

Wie leben wir in 20, 30 oder 50 Jahren?
Gesellschaftliche sowie kulturelle Aspekte werden als zentrale Faktoren bestimmender. Dazu gehören optimierte Nutzungskonzepte wie beispielsweise kluges Teilen von Räumen wie Gästezimmer, Werkräume etc. Für die Energiewende müssen wir auch grundlegende Wohn- und Lebenskonzepte neu über denken und diese weiterentwickeln. Nachhaltige Entwicklung fordert uns in allen Dimensionen: Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft.

Würden Sie sagen, dass das energieautarke Gebäude fortschrittlicher wäre, wenn es auch die Lebensräume zukunftsgerichteter gestaltet hätte?
Ja. Das glaube ich und auf Vernetzung statt Autarkie. Es ist jedoch ein sehr interessantes Projekt, das sicher wichtige Erkenntnisse liefern wird. (ARU)

* Hanspeter Bürgi ist Architekt in Bern und Professor für Architektur an der Hochschule Luzern – Technik & Architektur. Die Schwerpunkte in Lehre, Forschung und Praxis sind Architektur und nachhaltige Entwicklung.