Uitikon
So leben junge Straftäter im Massnahmenzentrum Uitikon

Wie fühlt es sich an, wenn man in der Schweiz aufgewachsen ist und hier nur noch geduldet ist, um seine Strafe abzusitzen? Junge Straftäter im Massnahmenzentrum Uitikon (MZU) erzählen.

Thomas Marth
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Junge Straftäter vor dem Schloss, dem Wahrzeichen des Massnahmenzentrums.

Junge Straftäter vor dem Schloss, dem Wahrzeichen des Massnahmenzentrums.

Patrick Gutenberg

Ihre Haftbedingungen sind erträglich. Die Unterbringungsarten an diesem Ort reichen von strikt geschlossen bis halb und fast ganz offen. Milan und Johnny sind in der fast letzten Progression, so der Fachbegriff, angekommen. Das heisst, unter der Woche können sie an drei Tagen nach dem Abendessen nach Hause, ausserdem übers ganze Wochenende. Beide leben seit rund zwei Jahren im MZU und haben sich den privilegierten Vollzug mit guter Führung nach und nach erarbeitet. Milan (20) hat hier eine Anlehre als Metallbauer gemacht.

Ausschaffungsinitiative: Im Zweifel die Wegweisung

Ende November 2010 hat das Schweizer Stimmvolk die Ausschaffungsinitiative angenommen. Sie verlangt den zwingenden Entzug des Aufenthaltsrechts, wenn eine ausländische Person wegen eines Gewaltdelikts oder auch Einbruchs rechtskräftig verurteilt wurde. Die Umsetzung auf Gesetzesstufe ist noch nicht erfolgt. Jedoch kann auch nach geltendem Ausländerrecht weggewiesen werden, wer zu einer «längerfristigen Strafe» (länger als ein Jahr) oder einer strafrechtlichen Massnahme verurteilt wurde.
Bereits Wirkung gezeigt hat die Ausschaffungsinitiative insofern, als die kantonalen Migrationsämter in den letzten Jahren dazu übergingen, sich im Rahmen ihres Ermessens eher für eine Wegweisung als für eine letzte Chance auszusprechen. Zumindest macht es diesen Anschein.
Im Massnahmenzentrum Uitikon sind junge Straftäter aus der ganzen Deutschschweiz untergebracht. Für jene aus dem Kanton Zürich habe es keine Verschärfung gegeben, erklärt Marc Aurel Schmid, Mediensprecher beim Zürcher Migrationsamt. «Das wäre nicht rechtmässig, bevor das neue Gesetz vorliegt.» Er betont im Übrigen, dass das gerichtliche Urteil und der Entscheid über das Bleiberecht zwei gänzlich verschiedene Dinge sind. Wobei auch das Migrationsamt das rechtliche Gehör zu gewähren und die persönlichen Verhältnisse zu prüfen habe. (tma)

Die Chance zur Lehre gepackt

Johnny (27) hat die Chance gepackt, die verpasste Ausbildung nachzuholen. Er lernt Koch. Beide sind kürzlich Vater geworden, das Ende ihrer Tage in Uitikon ist absehbar. Darüber freuen können sie sich aber nicht. Beide haben vom Migrationsamt des Kantons Zürich eine Ausweisungsverfügung erhalten. Das heisst: Endet ihre Massnahme, müssen sie zurück in ihre Heimatländer: Milan nach Serbien, Johnny in den Kosovo. Beide wurden in der Schweiz geboren und sind hier aufgewachsen. Die Herkunftsländer ihrer Eltern kennen sie nur aus den Ferien – fremde Welten, die ihnen aber vertraut genug sind, um zu wissen, dass das Leben dort härter ist als hier.

Freiheit als Überforderung

Milan wurde als noch unter 18-Jähriger von der Jugendanwaltschaft ins MZU eingewiesen, wegen qualifizierten Raubes und Gefährdung des Lebens. Johnny wurde wegen mehrerer bewaffneter Raubüberfälle gemäss Erwachsenenstrafrecht zu fünf Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Er hätte die Strafe auch einfach in der Haftanstalt Pöschwies absitzen können, sagt er. Dort hatte er den vorzeitigen Strafvollzug angetreten.

18- bis 25-Jährige nimmt das MZU nur auf Antrag hin auf. Dass er den Antrag gestellt hat, wertet Johnny als seinen persönlichen Punkt der Umkehr. Er habe sich fürs MZU beworben, um an sich zu arbeiten. Denn im MZU steht neben Ausbildung (Beruf, Schule) und sozialpädagogischer Betreuung auch deliktorientierte Therapie auf dem Programm. «Das ist keine Kuscheljustiz», betont Johnny.

Romario (27, Brasilianer, versuchte Tötung, sieben Jahre Freiheitsentzug) hat vor einiger Zeit ein Aufgebot zur persönlichen Befragung durch die Polizei erhalten. Darauf abgestützt wird das zuständige Migrationsamt dann auch bei ihm entscheiden, ob er bleiben darf. Romario ist seit drei Jahren im MZU. Wie bei den meisten gab es frühere Strafen. Aus dem Gefängnis herauszukommen, habe er jeweils als grosse Überforderung erlebt, sagt er. Seit drei Jahren ist er nun in Uitikon. Hier setze man sich nicht nur theoretisch mit sich selber auseinander, sagt er. Entsprechend zuversichtlich gibt er sich, dass ihm diesmal der Schritt in die Freiheit gelinge.

Konfrontation mit dem eigenen Tun

Der Wandel zum Massnahmenzentrum wurde in Uitikon vor zehn Jahren vollzogen. In der früheren Arbeitserziehungsanstalt war der Name Programm. Auch im heutigen MZU haben Arbeit und Ausbildung einen hohen Stellenwert, anders als früher werden aber die begangenen Delikte angesprochen. Die betreuenden Sozialpädagogen tun dies ebenso wie die Ausbildner in den Werkstätten. Die jungen Straftäter haben sich mit dem, was sie getan haben, auseinanderzusetzen. Sie müssen ihre Verhaltensmuster hinterfragen und lernen, Konflikte gewaltfrei auszutragen. Wobei teils einzeln, teils in der Gruppe therapiert wird. Vor allem Letzteres – vor andern mit eigenen Schwächen konfrontiert zu werden – fällt vielen schwer.

Schwieriger als im Knast

«Das ist ein harter Weg», sagt Dragan (22, Bosnier, bandenmässiger Diebstahl). Sitzen in der Pöschwies nennt er dagegen etwas grossspurig «Chillen» (Abhängen) und «Fernsehluegä». Johnny relativiert: «Die Unterbringung ist hier viel schöner, aber psychisch ist es schwieriger als im Knast.» Dragan fügt an, dass er seit drei Jahren auf Bewährung in Freiheit leben könnte, wenn er nicht die MZU-Massnahme beantragt hätte. Umso weniger verstand er es, als er mitgeteilt bekam, hier nicht mehr geduldet zu sein.

Es sind zwei Dinge, die den vier jungen Strafgefangenen nicht einleuchten. Erstens, dass ihre Anstrengungen nicht honoriert werden. Dragan: «Sie machen keinen Unterschied zwischen uns und denen in der Pöschwies.» Zweitens die Kosten. Johnny: «Warum investiert der Staat Millionen in uns, wenn er uns nachher wegschickt?» Billig ist ihr Aufenthalt in Uitikon in der Tat nicht. In der geschlossenen Abteilung beträgt der Tagestarif 480 Franken, in der halb offenen Unterbringung 320 Franken.

«Ja sicher. Aber . . .»

Die jungen Männer, gemäss Therapiekonzept von ihren Betreuern auch immer wieder hart mit unangenehmen Fragen angegangen, verstehen es, sich gut darzustellen. Können sie nachvollziehen, dass es Leute gibt, die finden, es geschehe ihnen recht mit der Ausweisung? «Ja, sicher», sagt Dragan ruhig, «aber ...» Und er erklärt einem das MZU-Drei-Säulen-Konzept mit Arbeit/Ausbildung, Sozialpädagogik und Therapie. Wortkarg fallen indes die Antworten auf die Frage aus, ob man denn die Rückkehr gedanklich schon einmal durchgespielt habe? «Das will ich mir nicht vorstellen», sagt Johnny.

Dragan gibt zu bedenken, dass es in Brasilien und im Balkan etwas anders laufe. «Hier hat man eine kleine Prügelei, dort das Messer im Rücken.» Den Einwand, dass es auch dort der grossen Mehrheit einfach darum gehe, ein anständiges Leben zu führen, lässt er gelten: «Ja sicher. Aber ...» Sein Hauptanliegen, der gute Wille solle mit berücksichtigt werden, kontrastiert damit, dass über die Aufenthaltsbewilligung heute tendenziell früher im Verlauf der Massnahme entschieden wird. Er für sich kann sich aber freuen. Das Verwaltungsgericht hat kürzlich seinen Rekurs gutgeheissen – mit Verweis auf seine persönliche Entwicklung. Aus der Wegweisung wurde eine Verwarnung. Auch Milan und Johnny rekurrieren.

Wobei Johnny wegen früherer Verwarnungen seine Befürchtungen hat. Leise sagt er: «Hätte man mich früher nicht immer mit Bewährung davonkommen lassen, wäre ich heute vielleicht nicht an diesem Punkt.»

Michael Rubertus: «Uns liegt an frühen Entscheiden»

Von Thomas Marth

Wie viele junge Straftäter am MZU haben einen Wegweisungsentscheid?

Michael Rubertus: Es ist nicht die Mehrheit. Auch deshalb nicht, weil im Schnitt die Hälfte der bei uns Untergebrachten Schweizer sind. Tatsache ist: Seit einigen Jahren sind wir fallweise damit konfrontiert, dass mit Ende der Massnahme vom zuständigen Migrationsamt die Wegweisung für einen jungen Strafgefangenen ausgesprochen wird. Wobei seit einiger Zeit die Entscheide tendenziell früher fallen, was wir begrüssen.

Weshalb?

Es geht darum, die jungen Straftäter auf ihr Leben nach der Massnahme vorzubereiten. Da macht es einen Unterschied, ob jemand in der Schweiz bleiben oder ausreisen wird.

Was ist anders, wenn Sie wissen, dass jemand nachher gehen muss?

Das MZU bietet Ausbildungen in einem Dutzend Berufen an. Stünde die Wegweisung von Anfang an fest, liesse sich bei der Berufswahl berücksichtigen, was dem Betreffenden im Heimatland am meisten nützt. Je nach dem hat er dort bessere Chancen als Koch oder Metallbauer. Wissen wir frühzeitig von der Wegweisung, können wir auch schauen, ob noch familiäre Bande bestehen, die sich für den jungen Straf­täter im Heimatland nutzen lassen. Auch muss man irgendwann wissen, ob es Sinn macht, jemandem hier bei der Wohnungssuche zu helfen.

Man kann auch fragen: Muss der Staat so viel Geld ausgeben für jemanden, der hier unerwünscht ist?

Der Massnahmenvollzug ist einerseits Bestrafung und andererseits Prävention, damit keine weiteren Delikte begangen werden. Und vor allem Letzteres kostet, sicher. Umgekehrt kann man fragen: Wenn jemand hier kriminell geworden ist, besteht dann nicht auch grundsätzlich hier die Pflicht, dem Betreffenden zu einem Rucksack zu verhelfen, mit dem er fortan ein legales Leben führen kann?

Michael Rubertus ist seit über zehn Jahren Direktor des Massnahmezentrums Uitikon.

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