Es weht ein kalter Wind über den Kiesplatz an der Birmensdorferstrasse in Urdorf. Bald wird ein leichter Nieselregen einsetzen und die fein säuberlich aneinandergereihten und beschrifteten Tannen leicht benetzen. Passend zum Grün der Christbäume sind auch Hanspeter Huber und seine Mitarbeiter gekleidet. In jägergrünen, wasserfesten Overalls stehen sie interessierter Kundschaft mit Rat und Tat zur Seite. Gestern, der letzte Samstag vor Weihnachten, sei alle Jahre der intensivste Arbeitstag im Kalender eines Christbaumverkäufers, sagt Huber.

Nur auf den ersten Blick mögen die rund 200 Bäume auf dem Areal gleich anmuten. Bei genauerer Betrachtung tun sich Unterschiede so gross wie Tag und Nacht auf. Huber streift über die Triebe einer Nordmanntanne der Topklasse. «Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie viele Triebe in der Krone, den obersten Ästen, hat», so der Urdorfer. Seine Kunden mögen Symmetrie, Perfektion und Buschigkeit bei ihren Weihnachtsbäumen – die Topklasse ist sehr beliebt. Dies lassen sich Limmattaler auch einiges kosten: Tannen dieser Kategorie sind teilweise doppelt bis dreimal so teuer wie Exemplare ihrer minder mustergültigen Artgenossen.

Huber wendet sich der Sektion der 1.-Klasse-Bäume zu. Diese seien nicht so einwandfrei wie die Top-Bäume, würden kleine Fehler aufweisen. So sei der Stamm beispielsweise nicht pfeilgerade, die Äste seien nicht ganz gleichmässig verteilt. Doch: «Sie machen gesamthaft den Eindruck eines guten, schönen Weihnachtsbaums», so Huber. In der Standard-Klasse, die günstigste, sieht es schon anders aus. Dort liess sich die Natur mehr Spielraum für Kreativität. Es wuchern Äste kreuz und quer, gleichmässig am Stamm angeordnet sind sie nicht. Hier fehlen einige Nadeln, dort macht ein Ast einen Bogen. Laut Huber haben aber auch diese Bäume eine Anhängerschaft: «Manche Kunden mögen es natürlich und finden es schön, wenn nicht alles gerade und symmetrisch ist.»

Ein Topklasse-Baum mit einer Höhe von zwischen 150 und 220 Zentimetern kostet 65 bis 95 Franken, ein Exemplar dieser Grösse der 1. Klasse zwischen 55 und 85 Franken, eines der 2. Klasse rund 45 Franken. Je höher der Baum ist, desto kostspieliger wird er — in jeder Kategorie.

Eine Mutter streift mit ihrer Tochter durch den temporären Tannenwald, beide beäugen die Bäume kritisch. Ein älteres Paar hat sich derweil bereits für einen Baum entschieden und lässt ihn von einem Mitarbeiter in ein Plastiknetz verpacken. Die Vorfreude auf das Dekorieren der rund zwei Meter hohen Tanne steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

Gemeinsam mit Willy Mathys betreibt Huber die Betriebsgemeinschaft «Agroservice GmbH». Neben Erdbeeren, Blumenfeldern und Ackerbau kultiviert ihr sechsköpfiges Team auch Tannen. Diese Kulturen erstrecken sich über 20 Hektaren an verschiedenen Standorten in den Gemeinden Birmensdorf, Urdorf und Uitikon. Wie viele Bäume jährlich geerntet werden, lässt Huber offen. Es müssen aber einige sein. Nebst dem, dass sie die Migros für ihr «Aus der Region – für die Region»-Label mit Tannen beliefern, verkaufen sie ihre Nadelbäume an 14 Standorten von Höngg über Altendorf bis nach Zug.

Der Weg, den ein Weihnachtsbaum, bis er hell erleuchtet und dekoriert in der warmen Stube steht, ist lang und beschwerlich. Kleine Details können entscheiden, ob er in der Top-Klasse oder in der 2. Klasse landet. «Im Frühling spriessen die jungen Triebe aus dem Baum. Zu diesem Zeitpunkt sind sie noch sehr empfindlich, beinahe gummiartig», sagt Huber. Sie seien gar derart sensibel, dass bereits die Last eines Vogels, der sich daraufsetzt, die Form verunstalten könnte – obwohl er nur wenige Gramm wiegt. Der Baum verliert somit an Wert. «Um dies zu verhindern, befestigen wir am Spitztrieb einen Holzstecken, sodass sich die Vögel auf diesem niederlassen», so Huber. Doch auch Hagel und Sturm stellen eine grosse Gefahr für die perfekte Weihnachtsbaumform dar. «Der starken Stürme während dieses Sommers wegen hatten wir eine qualitativ schlechtere Ernte erwartet. Dies ist jedoch glücklicherweise nicht eingetroffen», sagt Huber sichtlich zufrieden und auch ein wenig überrascht.

Mit Schädlingen hat Huber in seiner Tannenzucht nur wenig zu kämpfen. In sehr seltenen Fällen würden Pestizide gegen Ungeziefer zum Einsatz kommen. Gegen Schädlinge wie Käfer oder Läuse werden dann deren natürliche Feinde – die Marienkäfer – eingesetzt, welche die Arbeit für Huber übernehmen.

Inzwischen ist Huber auf der Hinterseite des grossen Holzgebäudes angelangt. Dort lagern die gefällten Tannenbäume und warten eingepackt in den weissen Plastiknetzen darauf, bis es wieder genug Platz auf der Vorderseite der Liegenschaft gibt, damit auch sie ausgepackt und aufgestellt werden können. «Als wir am 13. Dezember mit dem Verkauf begannen, war hier noch alles voll mit Bäumen», sagt Huber und zeigt auf die noch immer eindrückliche Anzahl von Tannen, die aussehen, als seien sie mit Spinnweben überzogen. Wenn am 24. Dezember alles vorbei ist, werden hier noch immer einige Bäume zu finden sein. «Alle kann man nicht loswerden, wenn das Angebot bis zum Schluss möglichst attraktiv bleiben soll», meint Huber. Nicht verkaufte Bäume werden nach Weihnachten dem Tierpark Langnau zur Verfütterung abgegeben.

Wie sieht der Weihnachtsbaum aus, der am 24. Dezember in der Stube des Experten steht? «Da habe ich beinahe kein Mitspracherecht», so Huber lachend. Seine Frau und seine Kinder würden sich dieser Aufgabe noch so gern annehmen.