Dietikon
«So etwas habe ich noch nie gesehen»: Handwerker findet einen Schatz im Pfarrhaus

Bei der Renovation des früheren Bischofssaals kam eine einzigartige Bodendekoration zum Vorschein.

David Egger
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Pfarrhaus Dietikon
6 Bilder
Das sind die Entdecker+ die Handwerker Daniel Vater (links) und Harald Krenz (rechts)
So sieht das ganze Kunstwerk aus
Unter diesem grauen Kugelgarnteppich hat sich das Kunstwerk versteckt
Total 500 Kilogramm Bodenschichten mussten die Handwerker entfernen
Das Dietiker Pfarrhaus und wohl auch der Bodenschmuck stammen aus dem Jahr 1833

Pfarrhaus Dietikon

Mario Heller

Was für eine Überraschung im katholischen Pfarrhaus in Dietikon: Sie besteht aus einer Flöte, einer Harfe und einem Band, das die beiden filigranen Instrumente zusammenhält. Die drei Symbole sind eingearbeitet in einen Boden im zweiten Stock des Pfarrhauses und bestehen vermutlich aus den drei Holzarten Buche, Kirschbaum und Birnbaum – so die Einschätzung von Harald Krenz, der den Schatz im Pfarrhaus entdeckt hat. Der Dietiker Parkett-Experte ist begeistert: «So etwas habe ich noch nie gesehen. Der Mann, der das gemacht hat, war ein echter Künstler.»

Möglich wurde die Entdeckung, weil die katholische Kirchgemeinde Dietikon nach und nach einzelne Räume im Pfarrhaus renoviert. Dabei ist die augenfälligste Neuerung das Entfernen der grauen Kugelgarnteppiche. Sie wurden vermutlich bei der letzten Renovation in den 70er-Jahren verlegt. Unter jedem der bereits entfernten Teppiche haben Harald Krenz und sein Mitarbeiter Daniel Vater schöne Holzböden gefunden. Aber dass wie jetzt ein Bodenschmuck zum Vorschein kommt, ist ein Novum.

Der Entdeckung ging schwere Arbeit voraus: Unter dem Teppich lag eine Schicht von Holzplatten, die mit hunderten Nägeln auf eine Schicht Linoleum montiert war, die wiederum mit massig Leim auf den Boden aus Douglasienholz und Nussbaumholz-Balken montiert wurde. Sorgfältig musste Krenz mit einer Diamantfräse den Leim und ein wenig vom Holzboden wegschleifen, damit alles wieder glänzt wie neu. «Ich kann nicht nachvollziehen, wieso dieser schöne Holzboden überhaupt überdeckt wurde», sagt Krenz. Gut 500 Kilogramm Bodenschichten hat Krenz aus den je 25 Quadratmeter grossen Räumen im zweiten Stock insgesamt abtransportiert.

Die Wand zwischen den beiden Räumen wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt nachträglich eingebaut – und zwar in einer Art und Weise, dass sie einen kleinen Teil des Bodenschmucks überdeckt. Wie dem Dietiker Neujahrsblatt des Jahres 1978 zu entnehmen ist, diente der ursprüngliche Saal, als die Wand noch nicht eingebaut war, als Aufenthaltsraum für den Bischof, wenn er in Dietikon zu Besuch war. Ab 1. September werden die beiden Räume dem neuen Pfarradministrator als Wohn- und Studierzimmer dienen. Er wird einen der exklusivsten Böden in der Stadt geniessen können.

Der Schmuck ist 183 Jahre alt

Der Bodenschmuck – eine sogenannte Intarsie – besteht aus wenigen Millimetern dünnen Holzteilen. Bei der Erstellung des Schmucks musste der Handwerker mit einem Stechbeitel ein passgenaue Vertiefung in den Holzboden stechen, um dann die andersfarbigen, dünnen Holzteile in diese Vertiefungen hineinzulegen. Daher kommt der Begriff Intarsie. Er bedeutet: Einlegearbeit.

Das Kunstwerk wurde vermutlich schon beim Bau des Pfarrhauses anno 1833 in den Boden eingefügt. «Das Motiv mit Harfe, Flöte und Band passt ausgezeichnet in die Zeit des Biedermeiers, insbesondere den Zeitraum zwischen 1830 und 1850», sagt die an der Universität Zürich lehrende Kunsthistorikerin Barbara von Orelli. Die Limmattaler Zeitung hat von Orelli mit einer Fotografie der Intarsie konfrontiert. Die Wahl von Harfe und Flöte als Symbole dürfte kein Zufall gewesen sein. «Es wird vermutet, dass die ersten Töne der Menschheit mit einer Flöte geblasen wurden. Und die Harfe erinnert an den biblischen König David, der die Harfe spielte und Musik am Tempel aus Dankbarkeit gegenüber Gott einführte», sagt von Orelli. Gerade in der Zeit des Biedermeiers, als das Pfarrhaus gebaut wurde, wurde die Hausmusik mit Harfe und Flöte gepflegt, insbesondere in reformierten Pfarrhäusern. Jenes in Dietikon ist zwar katholisch, wurde aber, wie die Kirche auch, jahrzehntelang von Reformierten und Katholiken benutzt. Es ist daher möglich, dass das Zimmer als Musikzimmer diente, wenn der Bischof nicht da war.

Die Einlegearbeit ist eine alte Tradition: «Zu den ältesten bekannten Objekten, die so verziert wurden, gehört ein Sarg aus Zedernholz aus Ägypten, der zu Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christus gefertigt wurde», sagt von Orelli. Und weiter: «Die Anwendung der Intarsientechnik ist vor allem bei Möbeln und an Wänden zu beobachten. Intarsien am Boden sind seltener» – das macht den Fund im Dietiker Pfarrhaus noch einzigartiger.