Mit über zweieinhalb Metern ragt er auf dem Schlieremer Chilbiplatz in die Höhe. Er ist aus Stahl und wer sich traut, kann ihn in alle Himmelsrichtungen drehen. Der Wegweiser von Künstler und Kurator Tian Lutz ist eine von vierzehn verschiedenen Skulpturen der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (AZB), die für zwei Jahre im Rahmen des Programms «Skulpturen in Schlieren» im Stadtraum an markanten Orten zu sehen sind. Die Aktion wird zum sechsten Mal durchgeführt und gewährt der Bevölkerung einen Einblick in das Schaffen der Künstler, die im Gaswerkareal Schlieren beheimatet sind. Finanziell und organisatorisch unterstützt werden sie von der Stadt.

An diesen Orten befinden sich die Skulpturen in Schlieren.

An diesen Orten befinden sich die Skulpturen in Schlieren.

Die Wahl der Standorte lag dieses Mal in den Händen von Lutz. Dieser entschied, sich am Stadtentwicklungskonzept zu orientieren. So befinden sich die meisten Skulpturen auf der «lokalen Achse», das ist die Nord-Süd-Achse zwischen Stadthaus und Engstringerkreuzung. Im Stadtkern stossen Kunstinteressierte auf die ersten Skulpturen.

Venus schwimmt im Stadtweiher

Eingerollt und in lebensechter Grösse liegen sie im Untergeschoss des Stadthauses am Boden. Die Skulpturen sind aus Holz. Manche weiss oder schwarz bemalt, andere ganz in ihrer rohen Form belassen. «Das sind die ‹Schlafenden Hunde› von Severin Müller», sagt Lutz. Ein paar Stockwerke darüber sind «Bilder aus Mythen und Legenden» von Künstler Roland Hotz im Gebäude ausgestellt. Draussen im Stadtpark ziehen farbige, kahle Köpfe, die aufeinandergestapelt sind, die Aufmerksamkeit auf sich. In ihrer Arbeit «Totem» widmet sich Maya Bringolf der Identitätsfrage. Etwas weiter ragt aus dem Stadtweiher ein rosafarbener Oberkörper, der mit markanten Beulen übersät ist. Er stellt die «Venus reconsidered» dar, wie Skulpteurin Lilian Hasler ihr Werk benennt. «Sie ist das Pendant zur blauen Venus», erklärt Lutz.

Bei Lutz’ Skulptur, die «Wegweisen» heisst, wird als Nächstes Halt gemacht. Erst bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass dem Wegweiser die Wegbeschreibung fehlt. Er stehe für alle Fahrenden und Spielenden. «Der Platz ist ein Restraum der Stadt, der von den Sinti, Roma, Jenischen oder für die Chilbi genutzt wird. Dabei interessiert mich, wohin sie gehen», sagt er. Seine Kunst soll einen Bezug zum Ort haben. So werden Betrachter und Objekt ein Teil des Gesamten. «Dass der Wegweiser drehbar ist, verleiht ihm eine gewisse Verspieltheit und gibt jedem die Möglichkeit, seinen eigenen Weg zu weisen», so Lutz.

Sich zu behaupten ist die Kunst

Nach dreizehn Jahren im Künstlermetier hat Lutz klare Vorstellungen, wie sein Weg aussieht: «Ich will Kunst machen, hinter der ich stehe.» Dies bedeutet für Lutz, unabhängig zu sein. Darum arbeitet er neben seinen Projekten zeitweise in einem Architekturbüro, gewinnt bei Wettbewerben oder wird von Stiftungen unterstützt. «Der Kunstmarkt ist gesättigt, darum ist es eine Herausforderung und gleichermassen ein Geschenk, wenn man sich seiner Kunst widmen kann», sagt Lutz.

Bei einem kreisförmigen, asphaltierten Fussweg hält er an. In der Mitte des Wegs ist eine Skulptur aus Sandstein aufgestellt: Der Schaufeltrockner im Rietpark von Peter Bernhard. «Die Besucher sollen das Kunstwerk in einer Gehmeditation umkreisen», so Lutz. Der nächste Künstler, Peter Lynen, wollte seine Skulptur «fight for your right» im «neuen Schlieren» platzieren. Wie gezeichnete Linien aus Beton steht sie im freien Raum. Etwas weiter passiert man die «Kopfskulptur» von Thomas Schweizer. Lutz spaziert bis zu einer neuen Wohnsiedlung. Inmitten der Betonblöcke steht «Rhodos», das Kunstobjekt von Ingrid Scherr. «Sie wollte ihre Betonskulptur auf einer freien Fläche präsentieren. Als wäre es etwas Beiläufiges, wie kniehoher Müll, der aber zu hart und zu schwer ist, um draufzutreten», sagt er.

Dass Kunst im öffentlichen Raum zu präsentieren nicht immer spannungsfrei verläuft, weil einige Skulpturen als Provokation erlebt werden, ist Lutz durchaus bewusst. «Mit Vandalismus und Kritik muss man eben leben, wenn man Künstler ist», meint er. So ist auch Willy Wimpfheimers «Figur VIII» mit einem silbernen Graffitizug versehen. Mit seinen fast 80 Jahren ist er der Älteste der vierzehn Skulpteure. Er bleibe seiner künstlerischen Linie treu und schmiede die meisten seiner Objekte aus massivem Stahl. Jürg Altherrs Skulptur «Die kleine Bronce» fand seinen Platz in einer Vitrine in der Bahnhofsunterführung. Verlässt man den Bahnhof und geht Richtung Bushaltestellen Zentrum Bahnhof, entdeckt man an den Strassenlaternen Pilze – von Martin Senn als «Säulenschwamm» benannt. Auf der Wiese gegenüber dem Bahnhof soll Stahl in das Grün integriert werden. «Weil die Wiese aber erst Mitte Juli gemäht wird, konnten bis jetzt lediglich zwei seiner Objekte aufgestellt werden», so Lutz. Heinz Niederer wolle dort seine Stahlplastiken «Ohne Titel» so platzieren, dass die Anlage erscheint, als hätte dieser Ort schon immer so ausgesehen. Den Abschluss des Rundgangs machen die «Unkräuter» von Aldo Mozzini. Etwa 15 bis 20 von ihnen sind mit Magneten an der Stahlkonstruktion der Haltestelle Schlieren Zentrum montiert. Der Künstler thematisiert damit den Eindringling, das Fremde und wo dieses seinen Platz findet.

Dass es schwierig ist, sich als Künstler in der Welt zu positionieren, weiss auch Lutz. «Der Drang nach Individualismus schreit nach Konkurrenz», sagt er. Darum beschreibe die Aussage von Heinz Niederer, «Künstler sein ist eine Behauptung», wohl am passendsten das heutige Künstlerdasein.