«Was macht eigentlich …?»
Skiakrobatin Tanja Schärer: Auf die Piste geht sie immer noch, doch Pirouetten gehören der Vergangenheit an

In der Serie «Was macht eigentlich …?» kommt heute die ehemalige Urdorfer Skiakrobatin Tanja Schärer zu Wort.

Ruedi Burkart
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Auf die Piste geht sie immer noch, doch Pirouetten gehören der Vergangenheit an

Auf die Piste geht sie immer noch, doch Pirouetten gehören der Vergangenheit an

Keystone Bild: zvg

Im November 2016 kommt die überraschende Meldung. Tanja Schärer, zweifache Olympia-Teilnehmerin und Weltcup-Medaillengewinnerin im Ski-Freestyle, tritt im Alter von 27 Jahren vom Wettkampfsport zurück. Per sofort. Und nur wenige Wochen vor dem Saisonstart. Die Sportwelt fragt sich: Was ist da nur passiert? Eigentlich gar nicht so viel, wird Schärer damals in der «Limmattaler Zeitung» zitiert, sie sei mit ihrer Entscheidung einfach «dem Kopf gefolgt». Das Herz habe schon länger den Rücktritt gewollt, so die Urdorferin. Fast schon trotzig fügt sie an: «Ich freue mich sehr auf meine Zukunft. Aber man weiss im Voraus nie, ob man einen Entscheid bereuen wird oder nicht.»

Mittlerweile sind dreieinhalb Jahre ins Land gezogen. Im Leben von Tanja Schärer hat sich seit jenem Spätherbst 2016 einiges verändert. Sie wohnt jetzt im Zürcher Oberland, ist seit letztem Jahr verheiratet und heisst nun Bühler. Bald wird die junge Familie Zuwachs erhalten, im Laufe des Sommers wird das erste Kind das Licht der Welt erblicken. «Es geht mir gut, alles tipptopp», sagt sie denn auch mit einem Lachen.

Hinter ihrem Entscheid von damals, quasi Knall auf Fall die Ski in die Ecke zu stellen, steht sie auch heute noch hundertprozentig. Schärer: «Ich bin damals an einem Morgen aufgewacht und sagte mir: Das wars. Punkt.» All die Entbehrungen, all die Opfer, die sie bringen musste, um an der Weltspitze zu bleiben – es reichte einfach. Auch der Ausblick auf eine dritte Olympia-Teilnahme 2018 in Pyeongchang konnte sie nicht von ihrer Entscheidung abbringen.

Den beruflichen Wiedereinstieg zu finden, war nicht schwer. Schärer fing bald wieder an, Vollzeit in ihrem gelernten Beruf als Medizinische Praxisassistentin zu arbeiten. «Es fühlte sich gut an, nach den vielen Entbehrungen während der sportlichen Karriere endlich einmal Geld zu verdienen und Ende Monat einen rechten Lohn auf dem Konto zu haben», blickt sie zurück. Sie habe ihren Sport zwar die meiste Zeit mit professionellem Aufwand betrieben, aber finanziell schaute trotz treuen Sponsoren nicht viel heraus.

Und ja, Ski fährt sie immer noch. Aber nur noch aus Plausch «und ohne Pirouetten in der Luft», wie Schärer schmunzelnd ausführt. Zudem habe sie mit den Jahren auch den Reiz des Après-Ski kennen gelernt. Beruflich ist auch alles zum Besten bestellt. «Es macht mir immer noch Freude, jeden Tag zur Arbeit zu fahren», sagt sie. Inzwischen ist Tanja Schärer in der Hierarchie in ihrer Praxis aufgestiegen und Mitglied der Teamleitung.

Vom Balken zur Schanze

Dass Tanja Schärer im Jahr 2002 als 13-jähriges Mädchen mit Skiakrobatik angefangen hatte, ist der Hartnäckigkeit zweier Freundinnen geschuldet. Schärer: «Die beiden nahmen mich einmal auf die Sommeranlage nach Mettmenstetten mit. Dort nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und fuhr über die kleinste Schanze und sprang danach ins Wasser. Das gefiel mir.» Das eine führte zum anderen. Schärer steigerte die Schwierigkeitsstufen, drehte bald erste Überschläge in der Luft – und machte in der Szene auf sich aufmerksam. Sie wechselte vom Wasser in den Schnee.

2011 stürzte Tanja Schärer an der WM in Park Ciry. (Archivbild)

2011 stürzte Tanja Schärer an der WM in Park Ciry. (Archivbild)

KEYSTONE

Im Winter 2004/05 durfte sie erstmals im Europacup starten, die Höhepunkte ihrer Karriere waren die Olympia-Teilnahmen 2010 und 2014. «Dort für das eigene Land an den Start zu gehen, ist eine grosse Ehre.» Dass Schärer gleich von Beginn weg durchstartete, hat damals nur Aussenstehende überrascht. Sie selber sagt: «Dass ich früher in Weiningen und Urdorf Kunst- und Geräteturnen trainiert hatte, half mir bei den Drehungen natürlich sehr. Sobald ich in der Luft war, kannte ich keine Probleme.»

Zwei Mal zum «Limmattaler Sportstar des Jahres» gewählt

Auch wenn sie durch Verletzungen immer wieder zurückgeworfen wurde – so musste sie die gesamte Saison 2014/15 nach einer Schulter-OP aussetzen – darf die Heimweh-Urdorferin auf eine schöne Karriere zurückblicken. Sie war damals erst die fünfte Frau überhaupt, die sich getraute, den sogenannten Lay-Double-Full-Tuck zu springen, einen dreifachen Salto, der letzte gehockt, mit einer doppelten Schraube in der zweiten Rückwärtsdrehung.

Die Leistungen von Schärer goutierte auch die Leserschaft der «Limmattaler Zeitung». 2009 und 2010 wurde die Urdorferin zum «Limmattaler Sportstar des Jahres» gewählt. «Es war eine aufregende Zeit damals», blickt sie zurück, «die Erinnerungen werden ewig bleiben.»

Was macht eigentlich?

In ihrer Serie «Was macht eigentlich?» beleuchtet die «Limmattaler Zeitung» das aktuelle Leben ehemaliger Grössen des Regionalsports. Die Serie erscheint in loser Folge.