Kanton Zürich

Sinn oder Unsinn? Bei flexiblen Arbeitsplatzmodellen gehen die Meinungen auseinander

Die vermehrte Arbeit in Co-Working-Spaces wie dem mittlerweile geschlossenen Bureau.D in Dietikon würde viele Probleme lösen, ist André Müller überzeugt.

Die vermehrte Arbeit in Co-Working-Spaces wie dem mittlerweile geschlossenen Bureau.D in Dietikon würde viele Probleme lösen, ist André Müller überzeugt.

Der Regierungsrat teilt Kantonsrat André Müllers Enthusiasmus über flexible Arbeitsplatzmodelle nur bedingt.

Gute Arbeit muss nicht zwingend an einen bestimmten Ort gebunden sein: Darüber sind sich der Uitiker FDP-Kantonsrat André Müller und der Zürcher Regierungsrat im Grundsatz einig. Auseinander gehen die Meinungen aber, wenn es um Sinn und Unsinn verschiedener ortsungebundener Arbeitsmodelle geht. Müller hatte sich mit einer Anfrage an den Regierungsrat über das Potenzial von dezentralen Arbeitsplätzen erkundigt.

Er ist überzeugt: Wer eine Auswahl an innovativen Arbeitsplatzmodellen anbietet, steigert seine Attraktivität als Arbeitgeber und spart Kosten – und tut durch seinen Beitrag zur Verkehrsreduktion auch Gesellschaft und Umwelt Gutes. Zudem liessen sich durch dezentrale Arbeitsplätze Beruf und Familie besser vereinen, wodurch sich auch das inländische Fachkräftepotenzial besser ausschöpfen liesse. Müller schlägt dafür neben dem Arbeiten zu Hause (Homeoffice) etwa auch dezentrale Co-Working-Spaces vor, in denen sich Menschen verschiedenster Berufsgattungen Arbeitsplätze mieten könnten, die ihrem Zuhause näher sind als ihr Arbeitgeber.

Zweifel an Sparpotenzial

Ganz so enthusiastisch mag der Regierungsrat nicht in diesen Lobgesang einstimmen – zumindest nicht, wenn der Kanton selbst als Vorreiter agieren soll. Einerseits sei der Kreis der Beschäftigten in der kantonalen Verwaltung, deren Arbeit überall ausgeführt werden könnte, ohnehin klein; man denke etwa an Polizei, Gesundheits- oder Schalterdienste. Er verweist dafür auch auf einen Bericht aus dem Jahr 2015, in dem er die Schaffung regionaler Co-Working-Büros ablehnt, weil er bezweifelt, dass diese «von einer genügend grossen Zahl der Beschäftigten in deutlich kürzerer Zeit erreicht werden können».

Vor allem aber sei bei Arbeitsplätzen ausserhalb der kantonseigenen Infrastruktur die Sicherheit von sensiblen Daten nicht zu gewährleisten. Der Regierunsrat ist sich auch nicht so sicher, dass das Reduktionspotenzial von Kosten und Pendelwegen tatsächlich so gross ist. Zwar liessen sich durch Homeoffice oder das Mieten von Satelliten in weniger teuren Regionen als etwa der Stadt Zürich gewisse Kosten einsparen. Diesen stünden aber neue gegenüber, etwa im digitalen Bereich, der für Fernarbeit aufgerüstet werden muss. Eine «verbindliche und allgemeingültige Aussage über das Ausmass» des Spareffekts liesse sich daher nicht treffen.

Auch verkehrstechnisch sei eine verstärkte Dezentralisierung der Arbeit kein Allheilmittel. «Da neue Arbeitsplatzmodelle in Teilen der Wirtschaft bereits seit einiger Zeit und in steigender Zahl umgesetzt werden, müssten die Auswirkungen im Verkehrsaufkommen auch seit längerer Zeit spürbar sein», so der Regierungsrat. Bisher sei aber «keine klar erkennbare Abflachung oder gar ein Rückgang» feststellbar. So müsse man davon ausgehen, dass «die verkehrsnachfragetreibenden Faktoren insgesamt stärker sind als die wachstumshemmenden Ursachen». Im Bericht von 2015 gab der Regierungsrat gar zu bedenken, dass Arbeitsplätze, die näher am Wohnort liegen, für Mehrverkehr auf den Strassen sorgen, wie eine Studie aus Brüssel gezeigt habe: «Die zurückgelegten Wege sind zwar kürzer, es wird aber häufiger ein privates Motorfahrzeug dafür verwendet.» Zudem verschwinde der Verkehr ja nicht: Er verlagere sich lediglich in die Regionen, die dafür weniger gerüstet sind.

Was halten Sie von neuen Arbeitsplatzmodellen? 

Dennoch: Im Grundsatz geht der Kanton mit Müller überein, dass er sich mit neuen Arbeitsmodellen auseinandersetzen muss, wenn er gute Fachkräfte bei Laune halten will. Deshalb stehe diesen schon seit längerem die Möglichkeit von Teilzeitarbeit, gleitenden oder Jahresarbeitszeiten offen, was ebenfalls die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessere und den Verkehr zu Spitzenzeiten entlaste. Auch Homeoffice finde auf der kantonalen Verwaltung immer stärkere Verbreitung – dort, wo es betrieblich Sinn ergebe.

Angestellte sollen wählen können

Müller hätte sich von der Antwort der Regierung mehr erhofft. «Wie wir arbeiten, hat sich in den letzten Jahren massiv verändert», sagt er. Bei seiner Arbeitgeberin, der UBS, seien flexible Arbeitsplatzmodelle «ein grosses Thema», vor allem in Hinblick auf die Förderung von Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dass der Kanton Homeoffice zulasse, sei an sich zwar zu begrüssen. Am besten fände Müller es aber, den Angestellten verschiedene Optionen von Arbeitsplatzmodellen anzubieten. Zu Hause zu arbeiten, habe zudem auch Nachteile, etwa die fehlende soziale Interaktion. «In einem Co-Working-Büro ist diese gegeben, zudem können interessante Synergien unter verschiedenen Berufsleuten entstehen.»

Auch das Sicherheitsargument lässt er nicht gelten. Die technischen Möglichkeiten für einen funktionierenden Datenschutz gebe es; er nennt neben sicheren Verbindungen etwa Bildschirmschutz oder passwortgeschützte Drucker als Beispiele. Mit dem Arbeitsort habe das wenig zu tun. Bei seinem Arbeitgeber gehe der Trend immer mehr in Richtung dezentrale Arbeitsplätze. «Und wenn eine Bank verhindern kann, dass sensible Daten in die falschen Hände gelangen, kann es auch der Staat.»

Verwandte Themen:

Autor

Sophie Rüesch

Sophie Rüesch

Meistgesehen

Artboard 1