Dietikon
Singen als Lebensaufgabe und Jungbrunnen

Als junges Mädchen entdeckte Inge Rott das Singen und damit ihre grosse Leidenschaft im Leben, die sie bis heute fest im Bann hält

Regula Pfeifer (Text und Bilder)
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Auf der Empore wirkt Inge Rott vor der grossen Orgel fast ein wenig verloren (oben), doch der Klang ihrer Stimme erfüllt die erhabenen Räumlichkeiten auch bis in die hintersten Ecken.

Auf der Empore wirkt Inge Rott vor der grossen Orgel fast ein wenig verloren (oben), doch der Klang ihrer Stimme erfüllt die erhabenen Räumlichkeiten auch bis in die hintersten Ecken.

Regula Pfeifer

Aus der Stille erhebt sich eine Sopranstimme, begleitet von Orgelklängen. Sie kommen von der Empore der Kirche St. Agatha am Bahnhofplatz Dietikon herunter. In der Empore steht – von den Kirchenbänken her kaum sichtbar – die Koloratur-Sopranistin Inge Rott, an der Orgel sitzt Bernhard Hörler. Die Kirche ist erfüllt von Felix Mendelssohn-Bartholdys «Sei stille im Herrn», einem Stück aus dem Oratorium «Elias».

Inge Rotts Stimme wirkt fein und lieblich, kann aber durchaus auch kräftige Saiten anschlagen, wie sich bald zeigt. Der Lobgesang an die Maria, das «Ave Maria» von Charles Gounod erzeugt eine ähnliche Stimmung. Andächtig horchen mehrheitlich ältere Zuhörende den Klängen, die von ihrem Rücken her kommen. Plötzlich setzt ein Orgelgewitter ein, eine intensive Improvisation Hörlers.

«Singen ist meine Lebensaufgabe, mein Lebensinhalt», erzählt die Sängerin. Von klein auf habe sie gesungen und sich dann für ein Gesangsstudium an der Musikakademie Wien entschieden. Ein österreichischer Akzent dringt durch, obwohl Inge Rott schon lange in der Schweiz – und seit 1966 in Dietikon lebt. Sie folgte ihrem Mann, den es beruflich hierher verschlug, und zog zwei mittlerweile erwachsene Söhne auf. Karriere machte sie im kaufmännischen Bereich. Sie stieg bis zur Kanzleichefin der Finanzdirektion des Kantons Zürich auf.

Auch in der Musikbranche hätte sie Chance auf eine Karriere gehabt. Doch das Verbiegen bis hin zur Aufgabe ihrer Persönlichkeit, die verlangt gewesen wäre, war ihr zuwider. Und so ist sie zufrieden mit ihrem Gesang und ihrem Leben. Die ältere Dame, die ihr Alter nicht preisgeben will, erinnert sie sich an zwei Höhepunkte in ihrem Leben als Sängerin. Sie hebt selbstbewusst ihren Kopf. Mit etwa 25 Jahren habe sie einen Radio-Auftritt in Österreich und einen Fernseh-Auftritt in New York gehabt.

Inge Rott singt für ihr Leben gern.

Inge Rott singt für ihr Leben gern.

Regula Pfeifer

Der musikalische Sturm verzieht sich und Orgel und Stimme finden in Mozarts «Agnus Dei» und Faurés «Pie Jesu» wieder wunderbar zusammen. Bei Ersterem erhebt Rott mal ihre Stimme, mal nimmt sie zurück, und sie malt schöne Bögen von einem Ton zum anderen. Das «Pie Jesu» bringt sie melodiös. Wie Wellen folgen kurze Tonreihen aufeinander, alles fliesst, die Orgel begleitet präzis und gefühlvoll.

Und schon ist die traditionelle Feierabendmusik, die jeden Freitagabend in der Kirche St. Agatha das Wochenende einläutet, zu Ende. Das Publikum dreht sich um und klatscht. Die beiden Interpreten zeigen und verneigen sich auf der Empore, lächeln einander freundschaftlich zu und geben dann eine Zugabe. Inge Rott kennt Bernhard Hörler seit seiner Kindheit, sie waren Nachbarn.

Noch immer singt Inge Rott gerne vor Publikum und tritt immer wieder im Rahmen der Feierabendkonzerte auf. Vor wenigen Jahren übernahm sie im Kirchenchor Agios, wo sie mitsingt, auch Solopartien. Ihr Wissen und Können hat Inge Rott an viele Menschen weitergegeben – so auch die Technik, dank der ihre Stimme so unverkrampft leicht in höchste Tonhöhen klettert.

Eine ihrer ehemaligen Schülerinnen schaffte die Aufnahme an die Musical-Schule in Hamburg, erzählt Rott stolz. Derzeit unterrichtet sie zwei junge Schülerinnen in klassischem Gesang. Und sie leitet seit mehr als 20 Jahren drei Chöre: den Limmattaler Trachtenchor, den Höngger Trachtenchor und den Chor der Junggebliebenen. Auch sie scheint die Leidenschaft fürs Singen jung gehalten zu haben. Ihrem Gesang merkt man die Jahre mitnichten an, so leicht und frisch wirkt er.

Die Kirche hat sich inzwischen fast geleert. Die Dame mit den glänzend grauen Haaren nimmt ihren Gehstock, verabschiedet sich lächelnd und macht sich auf den Heimweg.