Es war die Weininger Dorfgeschichte schlechthin. Unter der Linde beim Lindenplatz sollen alte, wertvolle Weinflaschen vergraben sein. Dieser Legende wurde am Montag auf den Grund gegangen. Polier Heinz Stähli von der Baufirma Leuthard riss den Baumstrunk der Linde mit dem Bagger aus dem Boden. Doch darunter waren nur Erde, Steine und tote Wurzeln des Baumes, der laut Legende über 200 Jahre alt war.

War die Legende also nicht wahr? So schnell gaben Stähli und sein Team nicht auf. Er schaufelte immer tiefer in den geheimnisumwobenen Untergrund des Lindenplatzes. Doch es hat nicht wollen sein. Auch beim letzten Versuch, den wertvollsten Weininger Tropfen zu finden, kam nichts zum Vorschein: Mit dem Bagger zerlegte Stähli den Baumstrunk in seine Einzelteile, um zu sehen, ob der Baum sich die Weinflaschen allenfalls einverleibt hatte. Fazit: Die Weininger Urahnen haben ihren Wein lieber selber getrunken, als ihn für ihre Nachfahren zu verbuddeln. «Ich habe es mir schon erhofft, dass unter der Linde etwas zum Vorschein kommt. Das wäre sehr spannend gewesen», sagte Joël Inniger, Abteilungsleiter Tiefbau und Werke der Gemeinde Weiningen, am Montag vor Ort.

Nichtsdestotrotz war die Entfernung des Baumstrunks eine spannende Sache. So war man bisher von länger dauernden Arbeiten ausgegangen. Doch die Wurzeln der Linde gingen nicht so tief in den Boden wie erwartet. Die naheliegendste Erklärung dafür ist, dass bei früheren Strassenarbeiten die Wurzeln der Linde jeweils gekürzt wurden. Entsprechend verkümmert zeigte sich nun das Wurzelwerk des alten und kranken Baumes. Am 10. Februar war er gefällt worden. Nun, vier Monate danach, ist es auch um den Baumstrunk geschehen. Dieser war in den Wochen nach der Baumfällung von Kerzen und Blumen geziert. Neu kommt hier vorerst ein provisorischer Strassenbelag hin.

So zerlegte die Baggerschaufel den Baumstrunk in seine Einzelteile

So zerlegte die Baggerschaufel den Baumstrunk in seine Einzelteile

Diesen Platz auf der Strasse braucht es für die Werkleitungsarbeiten beim Lindenplatz. Bis Ende Jahr soll die letzte Bauphase durch sein. Danach beginnt die Sanierung und Neugestaltung von Dietikoner-, Badener- und Zürcherstrasse, die bis Ende 2020 dauern soll, ehe dann 2021 die Regensdorferstrasse erneuert wird. Sobald diese Arbeiten fertig sind, soll dann 2021 oder 2022 ein neuer Baum auf dem Lindenplatz gepflanzt werden. Nicht an der sagenumwobenen Stelle, auf der bisher die Linde stand, sondern wenige Meter weiter bergaufwärts. Klar ist zudem auch: Es wird sicher eine Linde und sie soll schon eine gewisse Grösse aufweisen, wenn sie eingepflanzt wird.

Doch zurück zu den Baggerarbeiten im geheimnisvollen Lindenplatz-Untergrund: Ist die Legende von den alten Weinflaschen nun endgültig tot, nachdem der Boden unter der Linde keinen Schatz barg? Nicht ganz. Schmunzelnd spekulierten die Beteiligten der Baumstrunk-Entfernung am Montag darüber, ob jemand einen unterirdischen Gang zum Lindenplatz gegraben und sich die alten Weinflaschen geschnappt hatte, ehe der Bagger kam. Auch über erste Verdächtige tauschte man sich aus. Und so kann mit etwas gutem Willen die Legende von den Weinflaschen unter der Linde weiter bestehen. Für Gesprächsstoff am Weininger Rebblüetefäscht, das am Freitag startet, ist gesorgt.