Dietikon
Silja Walters Stück über den Tod «lässt niemanden kalt»

Die Tourneebühne Theater 58 gastiert heute Abend mit einem Stück von Silja Walter im Pfarreizentrum St. Agatha.

Daniel Diriwächter
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Schauspielerin Fabienne Labèr spielt Susej, deren Glauben im Stück auf die Probe gestellt wird. zvg

Schauspielerin Fabienne Labèr spielt Susej, deren Glauben im Stück auf die Probe gestellt wird. zvg

Jesus ist ein Mensch wie du und ich – dieser These geht Silja Walter in ihrem Stück «Stadt ohne Tod» nach. Vordergründig erstaunlich ist, dass es sich bei Walter um die Benediktinerin Schwester Maria Hedwig handelt, die bis zu ihrem Tod im Kloster Fahr lebte und auch als Schriftstellerin in Erscheinung trat. «Man denkt immer, eine Nonne würde brav und bieder schreiben, aber die Arbeit von Silja Walter ist genau das Gegenteil», sagt André Revelly, Leiter der Tourneebühne Theater 58, die heute auf Einladung der römisch-katholischen Kirchgemeinde in Dietikon «Stadt ohne Tod» aufführt.

Revelly führt auch Regie beim Stück, in dem ein Filmemacher die Jesus-Geschichte von allen Mythen befreien will. Die Hauptdarstellerin Susej erlebt darin die Zerreissprobe ihres Glaubens. Und sie entdeckt eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit. Das Werk von Walter ist eines von sechs Theaterstücken, die sie für das Theater 58 schrieb – und gilt bisweilen als das schwierigste. «Wenn man Silja Walter verstehen will, muss man sich auf ihre Sprache einlassen», so Revelly. Man müsse die Worte auf sich wirken lassen, denn alleine mit dem Verstand werde man Mühe haben, die Aussage zu verstehen.

Herausfordernd und frech

Der Theaterleiter findet sich in dieser Welt zurecht. 1975 begegnete er Walter das erste Mal im Kloster Fahr. Revelly war bereits vorher fasziniert von ihrer Lyrik sowie den Hörspielen, sodass er sie nicht nur um ein Treffen bat, sondern auch darum, ein Stück zu schreiben. So entstand das erste Schauspiel, «Jan, der Verrückte», und eine jahrelange Freundschaft, die bis zum Tod von Walter vor sechs Jahren anhielt. Revelly erinnert sich gerne an diese Zeit und auch an die Art, wie die Ordensschwester ihm im Lauf der Zeit die geschriebenen Szenen zukommen liess. «Zuerst per Handschrift, dann per Fax und schliesslich per E-Mail», sagt er. «Sie schrieb immer sehr herausfordernd und bisweilen auch frech.»

Silja Walter, Autorin des Stücks.

Silja Walter, Autorin des Stücks.

zvg

Tritt das Ensemble mit einem Stück von Walter auf, ist Revelly als Regisseur immer dabei. Die grösste Herausforderung bei «Stadt ohne Tod» sei, dass sich die heutige und die biblische Zeit immer wieder überschneiden. Er löst dies, indem er diese Wechsel mit spürbaren Brüchen inszeniert. Die Mittel des modernen Theaters helfen ihm dabei: So verfügt das Theater 58 nicht über herkömmliche Kulissen, sondern arbeitet mit Licht und Projektionen. Nicht zuletzt würde die Sprache der Ordensschwester alle Szenen verbinden.

Dennoch kommt es vor, dass die Resonanz auf eine Aufführung unterschiedlich ausfällt. «Ein katholischer Pfarrer hat sich einmal sehr darüber empört, ein junges Mädchen hingegen sass noch minutenlang nach dem Ende auf seinem Platz und dachte darüber nach.» Beide Reaktionen gefallen Revelly, denn es bedeute, dass das Dargebotene niemanden kalt lasse.

Ein Gegenpol zum Mainstream

Revelly verfügt über viel Bühnenerfahrung. 1971 übernahm er die Leitung des Theaters 58, das ursprünglich in Luzern als festes Theater 1958 gegründet wurde. Unter ihm entwickelte es sich zum Tourneetheater, das in der ganzen Schweiz mit diversen Stücken auftritt. Meist werde man eingeladen, so Revelly. «Die Organisatoren suchen nach der Auseinandersetzung mit unseren Themen.»

Tritt das Theater 58 aus eigener Initiative auf, spricht er von «Risiko-Aufführungen», die fast immer defizitär seien. Dennoch benötige es eine Bühne wie ihre, ist er sich sicher. «Wir schaffen einen Gegenpol zum klassischen Mainstream-Theater und nicht zuletzt befassen wir uns auch mit der Frage nach unserer Existenz, unabhängig der Religionen.» Ganz so, wie eine wichtige Aussage von Silja Walter: «Es gibt ein Dahinter, man lebt aber nur vorne und weiss es nicht.»

Theater 58: Stadt ohne Tod

Ein Stück von Silja Walter

20 Uhr, Pfarreizentrum St. Agatha

Der Eintritt ist frei