Limmattalbahn

Siegeszug der Ungeliebten – wie Kritiker Trams schätzen lernten

Auch Schwamendingen wurde einst bei einer Verkehrsvorlage überstimmt.

Was das Limmattal nun erlebt, hat Schwamendingen schon lange hinter sich: Dem Kreis 12 wurde 1978 von der grossen Mehrheit des Stimmvolks in der Stadt Zürich ein Tram aufgezwungen, das seine eigenen Stimmberechtigten klar ablehnten (siehe Kontext).

Damit erging es ihm ähnlich wie 37 Jahre später dem Bezirk Dietikon, der die Zürcher Staatsbeiträge für den Bau der Limmattalbahn am vergangenen 22. November mehrheitlich ablehnte, vom Rest des Kantons aber überstimmt wurde. Erstaunlich daran: Im Stadtkreis 12 war die Zustimmung zur Limmattalbahn gar grösser als im kantonalen Durchschnitt. Wie kommt das? Eine Spurensuche.

Die Fahrt beginnt am Bahnhof Stettbach, einem überdimensionierten Verkehrsplatz aus Beton. Der Platz wird umrahmt von einer grossen Neubau-Wohnsiedlung im Westen und einem modernen Gebäude im Osten, an dem das Logo einer Versicherung prangt. In südlicher Richtung aber gibt unbebautes Land die Sicht frei in Richtung Zürichberg. 

Im Tram der Linie 7 nach Wollishofen sitzt Nelly Oppliger. Ja, sie könne sich noch gut an den Abstimmungskampf von 1978 erinnern, sagt sie. Viele Liegenschaftseigentümer entlang der Dübendorfstrasse hätten sich damals dagegen aufgelehnt, dass sie für das Trassee Land abtreten und ihre Parkplätze vor den Häusern aufgeben sollten.

Die heute 71-Jährige ging damals zwar nicht an die Urne. «Aber auch mein Mann und ich waren gegen das Tram. Wir konnten uns schlicht nicht vorstellen, dass durch diesen beschaulichen Stadtteil einmal eine Bahn fahren soll», sagt sie.

«Heute ist es weniger romantisch»

Oppliger blickt aus dem Fenster, wo abwechselnd Fassadenausschnitte neuer Wohnbausiedlungen und älterer Mehrfamilienhäuser vorbeiziehen. Es habe sich vieles verändert mit dem Tram, erklärt sie, und nicht alles zum Besseren: «Hier standen früher einmal viele Einfamilienhäuser.

Sie wurden durch grössere Gebäude ersetzt. Das ist natürlich weniger romantisch.» Dennoch: Das Tram würde Oppliger heute nicht mehr hergeben. Es sei viel zuverlässiger und bequemer als ein Bus. Die Frage, ob sie also am 22. November für die Limmattalbahn gestimmt habe, verneint sie: Auch diese Abstimmung hat die Seniorin ausgelassen.

Zwischenhalt am Schwamendingerplatz. Ein baumbestandener Platz, auf dem Sitzbänke zum Verweilen einladen – weniger modern, dafür gemütlicher als jener in Stettbach. Auf vielen Bänken haben sich kurz vor Mittag Menschen aller Altersgruppen niedergelassen, um ihr Mitgebrachtes zu essen oder einen Schwatz zu halten. Auch hier findet sich auf Nachfrage niemand, der an den einst so umstrittenen heutigen Tramlinien 7 und 9 etwas zu bemängeln hätte.

Gerade was den Platz anbelangt, seien aber viele Schwamendinger 1978 skeptisch gewesen, betont Werner Käser, der im Restaurant «Schwamedinge» bei einem Glas Roten sitzt. Weil hier Autos, Fussgänger, Velofahrer und Tram gleichberechtigt wurden, befürchteten Kritiker damals, dass auf dem Platz ein gefährliches Verkehrschaos entstehen könnte.

Er selbst, der damals bei den VBZ gearbeitet hat, sei natürlich für den Bau der Bahn gewesen, sagt der 87-Jährige: «Und als das Tram dann einmal fuhr, waren alle plötzlich nur noch zufrieden.» Er hätte auch für die Limmattalbahn gestimmt, wenn er es nicht vergessen hätte, erklärt Käser: «Dort werden die Skeptiker das Tram sicher noch schätzen lernen. Denn eine Bahn wird immer dort geplant, wo sie bald auch wirklich nötig ist.»

Dass sich im Limmattal viele genau deshalb gegen das Tram stellten, weil sie auch dem Bevölkerungswachstum in ihrer Region kritisch gegenüberstehen, kann der gebürtige Ostschweizer zwar verstehen. Doch aufhalten lässt sich diese Entwicklung seiner Meinung nach nicht: «Das ist der Lauf der Zeit», sagt Käser und zuckt mit den Schultern.

U-Bahn-Aus war ein Glücksfall

Das 7er-Tram fährt durch einen Tunnel weiter zum Milchbuck. Dieser war ursprünglich als Vorinvestition für die Zürcher U-Bahn gedacht. Weil das Stimmvolk das gigantische Vorhaben 1973 aber ablehnte, nutzte man den Stollen mehr als ein Jahrzehnt später für die Tramverlängerung nach Schwamendingen.

Beim «Tierspital», einer von drei blau beleuchteten Haltestellen im Tunnel, steigt die 62-jährige Katharina Günter zu. Sie erklärt unumwunden, dass sie im November gegen die Limmattalbahn gestimmt hat.

Dies vor allem aus Solidarität mit dem Gewerbe, wie sie sagt: «Ich habe mich über TV-Berichte informiert. Dort waren einige Limmattaler KMU-Gründer zu sehen, die wegen der Bahn um ihre Kundenströme fürchten.»

Günter, die selbst eine Goldschmiede an der Zürcher Uraniastrasse führt, habe mit den Betroffenen mitfühlen können. Grundsätzlich bezeichnet sie sich aber als starke Befürworterin des öffentlichen Verkehrs.

So habe sie etwa 1978, als sie noch nicht im Kreis 12 wohnte, auch ein Ja für die Tramverlängerung in die Urne gelegt, sagt die gebürtige Leimbacherin. «Mobilität ist sehr wichtig», fügt sie an, bevor sie am Rennweg das Tram verlässt.

Was bleibt nach diesem Ausflug? Die Vermutung, dass die Schwamendinger sich deshalb so klar für die Limmattalbahn ausgesprochen haben, weil sie mit ihrem Tram während der vergangenen fast vier Jahrzehnte gute Erfahrungen gemacht haben.

Und die Feststellung, dass damals so viele Schwamendinger ihr eigenes Tram ablehnten, auf der Strasse heute aber niemand mehr zu finden ist, der dagegen gestimmt hat.

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