Frau Giacomini, an den Swiss Skills haben Sie Ihre sechs männlichen Konkurrenten übertrumpft. Was machten Sie besser?

Selina Giacomini: Zu Beginn der Aufgaben las ich jeweils die Anleitung Schritt für Schritt durch und ich hielt mich exakt an die Vorgaben. Die Männer hingegen begannen einfach drauflos zu arbeiten. Dann aber funktionierte etwas nicht und sie mussten immer wieder in der Anleitung nachschauen. Das kostete natürlich Zeit.

Was sagten die Konkurrenten dazu, dass gerade eine Frau sie ausgestochen hat?

Die freuten sich für mich. Und sie sagten, ich hätte nun bewiesen, dass es Frauen auch können. Es sind keine negativen Bemerkungen gefallen.

In Ihrem Lehrbetrieb gab es allerdings Kunden, die sich nicht von Ihnen bedienen lassen wollten.

Das ist zwei, drei Mal vorgekommen. Ein Kunde verlangte meinen Chef, obwohl dieser gerade beschäftigt war. Der Kunde meinte dann, dass er lieber warte: Er wolle nicht von einer Frau bedient werden. Denn er gehe nicht davon aus, dass ich eine Ahnung hätte. Ich dachte mir nur: Ok, ist gut. Dankeschön. Aber so was stört mich nicht allzu sehr. Es gibt genügend Kunden, die meine Arbeit schätzen.

Nun haben Sie Ihr Können ja definitiv bewiesen. Was sagte der Chef zu Ihrem Erfolg?

Er hat sich unheimlich gefreut. Und er ist stolz auf meine Leistung.

Was war das für ein Gefühl, als Sie vom Sieg erfahren haben?

Zuerst verstand ich gar nicht, was vorgeht. Ich dachte, das ist doch überhaupt nicht möglich. Dann habe ich es allmählich realisiert und mich sehr gefreut. Auf dem Podest war es dann sehr eindrücklich. Es stand mitten im Eisstadion, auf einer Tribüne waren die Wettkämpfer und auf den anderen die Zuschauer. Und dann noch die prominenten Moderatoren: Christa Rigozzi und Jann Billeter.

Früher fuhren Sie erfolgreich Mountainbike-Rennen. Half Ihnen die Wettkampferfahrung?

Ein wenig bestimmt. Bei der ersten Aufgabe war ich dennoch extrem nervös. Denn es ist ein komplett anderer Wettkampf. Wenn dich Experten, Fachleute oder auch Chefs von anderen Geschäften bei der Arbeit beobachten, ist das ein komisches Gefühl. Dann hilft die Erfahrung der Bike-Rennen wenig. Ein falscher Handgriff kann bereits verunsichern. Oder auch wenn ich festgestellt habe, dass etwas nicht funktioniert. Mit der Zeit störten mich die vielen Zuschauer jedoch nicht mehr. Ich konzentrierte mich voll und ganz auf die Arbeit.

Weshalb fahren Sie heute keine Rennen mehr?

Um Rennen zu fahren, braucht es ein enormes Training. Jedenfalls, wenn man vorne mitfahren will. Das sind mindestens drei bis vier Trainings pro Woche – nicht nur auf dem Velo, sondern auch polysportive, wie etwa Krafttraining. In der Freizeit hatte ich kaum noch die Gelegenheit für etwas anderes. Deshalb wollte ich während der Lehre vorerst aufhören.

Was sagte der Lehrmeister dazu? Er war ja damals Ihr Trainer.

Er findet es schon sehr schade. Er fragte bereits, ob ich nicht wieder beginnen wolle. Aber momentan fehlt mir die Motivation dazu. Ich will mich vor allem auf die kommende Abschlussprüfung im Frühling konzentrieren.

Nach dem Erfolg müssen Sie dafür wohl nicht mehr lernen.

Doch schon. Am Wettkampf kamen zwar schwierige Aufgaben. Es hiess, das Niveau sei auf der Höhe einer Meisterprüfung. Aber: Es gibt viele Tätigkeiten, gerade kleinere, die man immer wieder üben muss. Und dann kommt natürlich auch die Theorieprüfung.

Nun haben Sie quasi eine Meisterprüfung abgelegt. Wie geht es nach der Lehre weiter?

Ich bin mir noch unschlüssig, was ich nachher mache. Falls ich auf dem Beruf bleibe, wäre eine Meisterprüfung bestimmt interessant. Auch eine Weiterbildung zum Motorradmechaniker. Dann könnte ich in einem Geschäft arbeiten, das Velos und Motorräder verkauft.

Haben Sie bereits Angebote erhalten?

Bis jetzt noch nicht. Aber der Sieg ist ja erst ein paar Tage her. Dafür haben mir einige Kunden gratuliert. Manche Kunden sind extra dafür vorbeigekommen.

Vor dem Wettkampf sagten Sie, dass Sie nach der Lehre eventuell nicht mehr als Velomechanikerin arbeiten möchten. Hat der Sieg etwas geändert?

Vielleicht schon. Je nachdem wie es nun auch mit den kommenden Wettkämpfen aussieht. An denen werde ich natürlich teilnehmen. Diese Chance möchte ich mir nicht entgehen lassen.

Warum aber dachten Sie, nachher etwas anderes zu machen?

Die grösste Mühe bereiten mir die Arbeitszeiten. Mein Tag dauert sehr lange. In meinem Geschäft beginnen wir um acht Uhr morgens, dann folgen eineinhalb Stunden Mittagspause und dann geht es nochmals weiter bis abends um halb sieben. Es wäre schöner, wenn ich ein, zwei Stunden früher beginnen könnte und noch etwas vom Nachmittag hätte. Interessant wäre jedoch auch, die Polizeischule zu machen. Dies jedoch erst nach den nun kommenden Wettkämpfen.

Was fasziniert Sie an der Polizei?

Gute Frage. Ich kann es eigentlich nicht genau sagen. Das ganze Drumherum, die Verantwortung, der Kontakt mit anderen Menschen oder auch die Arbeit mit Polizeihunden.

Würden Sie sich darauf spezialisieren, Velos zu kontrollieren?

(Lacht) Vielleicht. Aber wenn ich als Polizistin auch mit Velos zu tun hätte, wäre das bestimmt nicht schlecht.

Eigentlich wollten Sie einen gestalterischen Beruf erlernen. Sind Sie nun doch froh über die Wahl Ihrer Berufslehre?

Auf jeden Fall. Vor allem nach dem Erfolg an den Swiss Skills. Etwas Besseres kann einem in der Lehre ja nicht widerfahren. Ich glaube nicht, dass ich in anderen Beruf eine solche Chance erhalten hätte. Und auch die Arbeit gefällt mir. Sie ist abwechslungsreich: In meinem Betrieb arbeite ich nicht nur in der Werkstatt, sondern auch im Verkauf. Beides macht mir Spass.

Und welche spezifische Arbeit erledigen Sie am liebsten?

Ich mag die Arbeit an den Rädern. Am meisten gefällt es mir, die Speichen einzusetzen. Ansonsten aber auch die Bremsen einzustellen oder zu reparieren. Dabei muss man erst nach der Ursache für das Problem suchen. Nur ein wenig an den Schrauben zu drehen, das reicht nicht aus.

Nun dürfen Sie an internationalen Wettkämpfen die Schweiz vertreten. Wie geht es genau weiter?

Das weiss ich noch nicht genau. Vom Verband aus meinten sie, dass wir als Erstes wahrscheinlich am Europacup teilnehmen. Nun muss ich jedoch erst die Einladungen abwarten.