Schlieren
Auf dem Weg zu 20'000 Einwohnern: Die Stadt hat eine neue Wirtschaftsstrategie

Autos, Start-ups, Biotech und mehr: Die Schlieremer Erfolgsgeschichte soll weitergehen. Dafür gibt es nun eine neue Wirtschaftsstrategie. Sie gilt bis 2025 und ist nicht zuletzt deswegen entstanden, weil die Pensionierung des Standortförderers Albert Schweizer näher rückt.

David Egger
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Der Schlieremer Stadtpräsident Markus Bärtschiger und Standortförderer Albert Schweizer.

Der Schlieremer Stadtpräsident Markus Bärtschiger und Standortförderer Albert Schweizer.

Britta Gut

Heute ist Albert Schweizer 60, in fünf Jahren wird er pensioniert. 1999 begann er als erster Standortförderer der Stadt Schlieren– ohne grosse Strukturen oder Strategiepapiere, die schwarz auf weiss jedes Detail klären. Man sei sehr «pionierhaft» unterwegs gewesen, und habe «einfach Gas gegeben», sagt Stadtpräsident Markus Bärtschiger (SP).

Und der Motor brummt: 1200 Firmen zählt die Stadt Schlieren heute, 1999 waren es noch rund 700. Und die Anzahl Arbeitsplätze ist von rund 12'000 auf 19'000 gewachsen, die Einwohnerzahl von rund 12'700 auf bald gegen 20'000.

Nun sei es Zeit geworden, das Vergangene Revue passieren zu lassen und die Strategie von Schlieren zu verschriftlichen, so Bärtschiger. Dafür arbeitete man unter anderem mit einem Beratungsunternehmen zusammen, es gab Befragungen von CEOs und so weiter. Das Resultat ist die Wirtschaftsstrategie 2025, an der gut 80 Personen beteiligt waren. Der Stadtrat hat die Strategie nun verabschiedet. Nachdem sich 2019 Dietikon eine neue Wirtschaftsstrategie gegeben hat, hat jetzt also auch Schlieren eine.

Die Wende zur E-Mobilität wird Schlieren verändern

Die Strategie besteht aus 31 Folien und bezeichnet unter anderem Chancen und Risiken. Ein Risiko sieht die Stadt in ihrer starken Autobranche. Die gibt zwar auch künftig Gas, mehrere Hersteller haben in Schlieren ihren Schweiz-Hauptsitz. Mit dem Wechsel von Verbrennungs- zu weniger wartungsintensiven Elektromotoren wird die Autobranche in Zukunft aber wesentlich weniger Platz für Reparaturwerkstätten benötigen, ist sich die Stadt sicher. Das gilt es im Auge zu behalten. Deshalb will die Stadt ihren Kontakt mit den Autofirmen intensivieren.

Neben der Autobranche haben sich in Schlieren auch ein Start-up-Cluster und ein Biotech-Cluster etabliert. Sie machen mehrere hundert Arbeitsplätze aus und bescheren der Stadt in dieser Hinsicht einen guten Ruf beziehungsweise nationale und internationale Bekanntheit. Diese sorgt wiederum dafür, dass weitere Firmen, die zu diesen Clustern passen, sich in Schlieren ansiedeln. Laut Angaben der Stadt ist die Standortförderung bei rund einem Drittel der Firmen-Ansiedlungen direkt oder indirekt unterstützend tätig. Weitere Cluster sind die Immobilien- und die Shoppingbranche. Für beide sieht die Wirtschaftsstrategie vor, dass bestehende Firmen möglichst gehalten werden sollen. Und wo möglich wird darauf hingewirkt, neue Firmen zu einer Ansiedlung zu bewegen. Gerade beim Shopping, das sich über verschiedene Standorte in der Stadt erstreckt, soll für eine bessere Vernetzung gesorgt werden. In ihrer Strategie nimmt sich die Stadt auch vor, zwei neue Cluster aufzubauen beziehungsweise zu forcieren: ein Medizin- und Gesundheitscluster sowie möglicherweise ein ICT-Cluster.

Diese werden – wie auch die Start-ups und die Biotech-Branche – wiederum internationale Fachkräfte anziehen. Dafür muss die Stadt parat sein. Deshalb ist es beispielsweise angedacht, zumindest Teile der städtischen Website auch auf Englisch zu übersetzen. Überhaupt will die Stadt ihre Kommunikation verbessern.

Zusätzliche Ressourcen für die Standortförderung

Dafür braucht es zusätzliche Ressourcen. «Kurzfristig ist die Standortförderung in kommunikativen und administrativen Arbeiten zu entlasten. Die Fachstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit ist deshalb rasch möglichst um 10 Stellenprozent und mittelfristig um 30 Stellenprozente zu erhöhen. Im Team der Stadtkanzlei werden zudem weitere 20 Stellenprozente zur Unterstützung im administrativen Bereich eingesetzt», heisst es im Stadtratsbeschluss zur Wirtschaftsstrategie. Ob das bei der Parlamentsdebatte zum Budget 2022 Ende dieses Jahres für Diskussionen sorgen wird, wird sich zeigen.

Es stellt sich auch die Frage, ob sich dereinst die Nachfolgerin oder der Nachfolger von Albert Schweizer wiederum im 30-Prozent-Pensum für die Standortförderung kümmern soll oder ob dieses Pensum erhöht wird. Bei Albert Schweizer stellt sich diese Frage noch nicht, da 70 Prozent seines 100-Prozent-Pensums fix für seine andere Funktion als Leiter des städtischen Bereichs Liegenschaften eingesetzt werden.

In Zukunft entwickelt sich vor allem der Nordosten

Schon jetzt klar ist, dass die Stadt ihren Draht zur lokalen Wirtschaft, der nun im Rahmen der Erarbeitung der Wirtschaftsstrategie heiss gelaufen ist, weiter verbessern beziehungsweise intensivieren will. Hierfür soll ein neues fixes Gremium etabliert werden, das aus Vertretern der Stadt und der Wirtschaft besteht und zum Beispiel «Wirtschaftsrat» heissen könnte. Solche Gremien gibt es auch schon in anderen Städten, so zum Beispiel seit 2004 in Dietikon. Ein Thema, das im noch zu gründenden Schlieremer Wirtschaftsrat für Gesprächsstoff sorgen wird, wird die Land-Frage sein: In der Wirtschaftsstrategie wird es als Schwäche von Schlieren deklariert, dass es kaum mehr freie Flächen gibt. Entwicklungspotenzial gibt es gleichwohl. Bärtschiger sagt:

«Gerade im nordöstlichen Teil der Stadt kann man noch vieles entwickeln, namentlich die Areale Gasi, Rüti und Wagi.»

Ebenfalls für Gesprächsstoff sorgt auch in Zukunft das Wachstum. Nicht nur hinsichtlich der Anzahl Firmen, sondern auch hinsichtlich der Einwohnerzahl. Kanton und Gemeinden zählen zwar nicht genau gleich, aber laut dem statistischen Amt des Kantons zählte Schlieren Ende 2020 total 19'872 Einwohner. Nachdem Ende der 2000er-Jahre die 15'000er-Grenze überschritten wurde, stellt sich nun also die Frage, wann der 20'000 Einwohner vermeldet wird. «Das diskutieren wir auch immer wieder. Ursprünglich dachte man, es sei 2020 so weit», sagt Bärtschiger. «Die Leerwohnungsziffer liegt zurzeit bei 0,3 Prozent. Wenn diese Ziffer noch weiter in Richtung null geht, kommt der 20'000. Einwohner noch dieses Jahr. Und sonst ist es spätestens 2022 oder 2023 so weit», ergänzt Schweizer.

Zukunftsmusik. Schlieren, «wo Zürich Zukunft hat», lautete jahrelang der Slogan der Stadt. Er sei inzwischen abgeschafft worden und werde nicht mehr aktiv verwendet, sagt Bärtschiger. Auf der Stadt-Website steht er aber immer noch fett – die Überarbeitung der Website und eine Verbesserung der Kommunikation, das sind auch Ziele der neuen Strategie.