Schlieren

Sie will Frühgeburten zeitig erkennen — nun sammelt sie Forschungsdaten

Die ersten Hürden sind geschafft: Sabrina Badir zeigt den zugelassenen Sensor zur Gewebemessung in ihrem Büro in Schlieren.

Die ersten Hürden sind geschafft: Sabrina Badir zeigt den zugelassenen Sensor zur Gewebemessung in ihrem Büro in Schlieren.

Sabrina Badir hat mit ihrem in Schlieren ansässigen Unternehmen einen Sensor entwickelt. Nun sammelt sie Forschungsdaten und Gelder. Derzeit boomt die Femtech-Brancheund und ist attraktiv für Investoren.

An den Wänden hängen Bilder von rosa Ballonen, die einen Schwangerschaftsbauch symbolisieren. Um diesen geht es in der Forschung von Sabrina Badir. Die 34-Jährige hat sich mit ihrem in Schlieren ansässigen Unternehmen dem Thema Frühgeburten verschrieben. Sie entwickelte ein Gerät, das mittels Sonde die Steifigkeit des Gebärmutterhalsgewebes misst. Ist der Gebärmutterhals zu weich, kann dies auf eine drohende Frühgeburt hinweisen. In der Schweiz betrifft dies statistisch gesehen jede zwölfte Schwangerschaft.

Heute wird die Länge des Gebärmutterhalses mittels Ultraschall bestimmt, um das Risiko einer Frühgeburt abzuschätzen. Statistiken hätten gezeigt, dass solche Prognosen nur begrenzt Gültigkeit hätten. «Es ist viel genauer, wenn man die Beschaffenheit des Gebärmutterhalsgewebes misst», sagt Badir. In ihrer Doktorarbeit an der ETH Zürich erforschte sie bereits mittels Sonden die Veränderung des Gebärmutterhalses in normalen Schwangerschaften. Diese Studie zeigte, dass das Gewebe zuerst weicher wird bevor sich der Gebärmutterhals verkürzt und diese Veränderung überhaupt mittels Ultraschall sichtbar wird. «Selbstverständlich kann man den Gebärmutterhals auch wie früher von Hand ertasten», sagt Badir. Eine ihrer Studien habe jedoch ergeben, dass Ärzte und Hebammen nicht einheitliche Werte erhalten, wenn sie die Beschaffenheit des Gewebes von Hand ertasten. «Mit dem Sensor von Pregnolia erhalten sie ein zuverlässiges Resultat», sagt Badir.

Doch es ist ein Resultat, das auch etwas kostet: Die Sonde muss jedes Mal erneuert werden. Deshalb belaufen sich die Kosten auf 200 Franken pro Konsultation. Diese nehmen die Schwangeren jedoch auf sich. Denn es sei ihnen wichtig, die Sicherheit zu haben, dass die Schwangerschaft gut verlaufe und keine Anzeichen einer Frühgeburt bestünden, sagt Badir. «Die Frauen sagten mir, sie empfinden die Untersuchung sogar als beruhigend.» Einige Ärzte würden das Gerät bereits testen und so eigene Erfahrungen machen. «Andere warten darauf, dass wir angeben können, ab wann die Werte der Messung eine mögliche Frühgeburt anzeigen», sagt Badir.

Zu Femtech zu gehören, ist ein Vorteil

Mit ihrem Unternehmen ist Badir in der Femtech-Branche tätig, die sich mit Fragen zur Gesundheit und dem Wohlbefinden von Frauen befasst. Derzeit boomt sie und ist attraktiv für Investoren. «Die Statistiken zeigen, dass in den letzten Jahren das Investitionsvolumen verzehnfacht wurde», sagt Badir.

Sie ist es sich gewohnt, als Frau in der Unterzahl zu sein. «An der ETH gehörte ich als Frau im Maschinenbau zu einer Minderheit.» Umso mehr erstaunt es, wie sich das Team von Pregnolia zusammensetzt: Momentan sind dort sieben von zehn Mitarbeitende Frauen. Doch das sei keine Absicht: «Das hat sich einfach so ergeben», sagt Badir. Für sie stehe ein eingespieltes, motiviertes und qualifiziertes Team an erster Stelle.

Der ausschlagende Moment für Badir Pregnolia als Unternehmen zu starten kam, als sie während ihrer Doktorarbeit einen Vortrag über ihre Untersuchungen an Schwangeren hielt. Da habe ein Zuhörer gefragt: «Warum machst du kein Geschäft aus deiner Idee?» Das sei ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Im Rahmen eines Förderprogramms, das von der ETH begleitet wurde, hat sie schliesslich mit 150 000 Franken Budget geforscht, wie sie ihre Idee in ein markttaugliches Konzept umsetzen kann.

Aktuell sucht Badir acht Millionen Franken Fördergelder

Bislang konnte sie ihren Plan umsetzen: Heute steht ein zugelassenes Medizinalgerät vor ihr. Auch die Finanzierung, eines der heikelsten Themen von Start-ups, ist bis Ende 2020 geregelt. Trotzdem ist Badir noch unermüdlich unterwegs. «Dieses Jahr hatte ich noch keine Ferien», sagt sie. Aktuell sei sie daran, sich um die nächste Finanzierung von acht Millionen Franken zu kümmern. Sie wolle die finanziellen Rücklagen nicht ausreizen und gut vorbereitet sein. Um sich für die Zukunft zu wappnen, hat sie auch einen Marketingmitarbeiter engagiert. Dieser soll dafür sorgen, dass Pregnolia und die Sonden bekannter werden und sich schliesslich auf dem Markt etablieren können. Doch noch ist es nicht soweit: Badir will momentan lieber mit einzelnen Ärzten gute Erfahrungen sammeln, bevor sie das System grossflächig verkauft. «Es ist wichtig, dass man später mit dem Gerät auch ein Handbuch mit den Referenzwerten mitgeben kann», sagt sie. Um diese Werte zu erarbeiten, fehlen Badir noch Daten von rund 300 Schwangeren, damit sie die laufende Studie mit bislang 700 Schwangeren fertigstellen kann.

Anfang 2018 zog Pregnolia an die Wiesenstrasse in Schlieren. «Eigentlich sollten wir in den Technopark in Zürich ziehen. Doch das klappte nicht, da die Sekretärin uns den Schlüssel vor den Weihnachtsferien nicht gab», sagt Badir. Deswegen seien sie und ihr Team spontan umgeschwenkt und nach Schlieren gezogen. Da sie hier aufgewachsen ist, kannte sie die Stadt bereits sehr gut. Doch sie habe ihrer Mutter früher immer gesagt, dass sie nicht mehr zurückkommen werde. Dass sie diesen Vorsatz gebrochen habe, bereue sie nicht. «Hier treffen sich viele Start-ups aus dem Gesundheitsbereich, zudem sind die Mieten günstiger und die Räume grösser als in Zürich. Auch die Verkehrsanbindung ist sehr gut», sagt Badir. Überdies sorge die Stadt gut für das zugezogene Gewerbe. Beispielsweise hätten sie das Mobiliar zur Verfügung gestellt bekommen.

Badir hofft nun über Weihnachten und Neujahr eine Pause machen zu können. Danach will sie die Statistik fertigstellen. Mit dieser wird ihr Team den Referenzbereich festlegen, der den Ärzten helfen soll, drohende Frühgeburten zeitig zu erkennen.

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