Schlieren
Sie war die Margaret Thatcher der Olympischen Spiele

Ursula Bähr widmete zehn Jahre ihres Lebens den Olympischen Spielen von 1992 in Barcelona — nun kehrte sie wieder ins Limmattal zurück.

Alex Rudolf
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Heute lebt Bähr in Schlieren, weilt noch immer ab und zu in Barcelona.

Heute lebt Bähr in Schlieren, weilt noch immer ab und zu in Barcelona.

Alex Rudolf

In Ursula Bährs Wohnung sind die meisten Möbel weiss, ganz ohne Schnickschnack. Nach ihrer Rückkehr aus Barcelona habe sie ihr neues Zuhause so simpel wie möglich einrichten wollen. Neu ist die Umgebung jedoch nicht, denn die 77-Jährige wohnt wieder in Schlieren, wo sie geboren wurde. 51 Jahre lang lebte sie in Spanien und setzte sich über zehn Jahre dafür ein, dass im Jahr 1992 die Olympischen Spiele in Barcelona durchgeführt wurden. Erzählt sie davon, leuchten ihre Augen.

Carlos Ferrer-Salat hatte den Stein ins Rollen gebracht. Der Unternehmer und Politiker war gemeinsam mit dem damaligen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch bestrebt, den spanischen Sport und die Stadt Barcelona zu modernisieren. Dies sollte mit der Durchführung von Olympischen Spielen erreicht werden. Mehrmals im 20. Jahrhundert versuchte man, die Spiele nach Spanien zu bringen. Die finalen Ausmarchungen gingen jedoch jeweils zugunsten von Metropolen wie Berlin oder Paris verloren. Diesmal — Anfang der 1980er Jahre – sollte es jedoch gelingen. Ferrer-Salat hatte bereits mehrere Jahre bei Unternehmern für eine Kandidatur geworben, als er seiner Bekannten Ursula Bähr im Jahr 1982 von seinem Vorhaben erzählte. «Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits 96 Millionen Peseten — über 1 Million Franken — von Unternehmen gesammelt», so Bähr. Ihm sei der Einfall gekommen, dass sie die Kandidatur in administrativen und repräsentativen Belangen unterstützen könnte. Bähr sagte sofort zu. Tags darauf nahm sie bereits ihre ersten Aufgaben wahr. Sie schien die perfekte Besetzung für diesen Posten: Sie spricht vier Sprachen, hat ein grosses Netzwerk, ist weit gereist und hat Erfahrung in Organisatorischem.

«In Spanien ist es nicht so wie in der Schweiz. Dort wird sofort angepackt und nicht jedes Gremium gefragt, ob es einverstanden sei», sagt Bähr mit einem Schmunzeln. Von einem Tag auf den anderen änderte sich ihr Leben, denn von nun an sorgte sie dafür, dass Barcelona-Besuche der Mitglieder des IOC perfekt orchestriert waren. Zudem führte sie die Bücher der Kandidatur. «Es war eine spannende erlebnisreiche Zeit», sagt sie. Zwei Jahre lang empfing sie Abgeordnete des Internationalen Olympischen Komitees. Barcelona sollte ins beste Licht gerückt werden. Dies gestaltete sich gar nicht so einfach, denn die Gaudi-Stadt war damals international noch wenig bekannt, die anderen Kandidaturen dafür stark: So bewarb sich neben Amsterdam, Belgrad, Birmingham und Brisbane auch Paris um die Austragung der Spiele. «Paris schien als unbesiegbarer Gegner», erinnert sich Bähr. Im Oktober 1986 entschied sich das IOC in Lausanne für Barcelona als Austragungsort.

Schlieren, Zürich, ja die Schweiz waren für die junge Bähr, geborene Vollenweider, schnell beengend. Nach der Töchterschule ging sie für zwei Jahre in die Vereinigten Staaten, wo sie in Ohio für American Express arbeitete. Nach der Rückkehr fand sie eine Stelle als Sekretärin bei einem Grossunternehmen in Zürich. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen. Das eine führte zum anderen, sodass sie im Alter von 25 die Schweiz hinter sich liess und nach Barcelona zog, wo sie auch drei Kinder zur Welt brachte. Ihr Mann habe nicht gewollt, dass sie weiterhin arbeitet. «Im konservativen Spanien war es unüblich, dass Frauen einen Beruf ausüben. Doch Anfang der 1980er — trotz anfänglichem Widerstand meines Mannes — suchte ich eine neue Aufgabe.»

Preisverleihung des Olympischen Ordens Carlos Ferrer-Salat überreicht Bähr den Olympischen Orden. 

Preisverleihung des Olympischen Ordens Carlos Ferrer-Salat überreicht Bähr den Olympischen Orden. 

zvg

Über 100 «Ursulinas»

Nach dem Erfolg von Lausanne war Bährs Arbeit getan, dies dachte sie zumindest. «Rund vier Monate später fragte mich Ferrer-Salat erneut an, ob ich mithelfen wollte. Als Volontärin sollte ich den Meeting-Point für die olympischen Funktionäre in Barcelona aufbauen», so Bähr. Diese Aufgabe habe sie natürlich sehr interessiert, einige Bedingungen knüpfte die gebürtige Schlieremerin jedoch an diese Verpflichtung: «Ich verlangte eine Sekretärin, ein Auto, einen Fahrer und jeweils zwei Tickets für die Eröffnungs- und Schlussfeier der Spiele – auf der Ehrentribüne.» Dies sei ihr wichtig gewesen. Einerseits der Anerkennung, andererseits der Unabhängigkeit wegen. Ferrer-Salat sagte ohne zu zögern zu.

Zwei Jahre vor den Spielen ging es in die heisse Phase. Alle Abläufe mussten bereits dann perfekt sitzen. Dabei stand der von Bähr geleitete Meeting Point im Mittelpunkt. Anreisen, Abreisen, persönliche Betreuungen, Stadtführungen, gesellschaftliche Anlässe — alles wurde unter Bährs Ägide organisiert. Ihr Team war zu dieser Zeit auf weit über 100 Volontäre, die sie selber rekrutierte, angewachsen – «alle nannten sie die Ursulinas», so Bähr.

Die Arbeit habe ihr einen neuen Lebenssinn gegeben, was auch ihrem Mann nicht entging. Er habe einen grossen Stolz entwickelt. «An Empfängen brachten die Verantwortlichen des Organisationskomitees jeweils ihre Frauen mit.» Bähr habe sich von ihrem Mann begleiten lassen. «Wenn er jeweils gefragt wurde, wer er denn sei, sagte er nur, dass er selber Denis und ich Margaret Thatcher sei.»