Dietikon

Sie verleihen alten Büchern ein neues Leben

Heidi Brunner und Astrid Christen haben bereits je über 50 Bücher gestaltet.

Heidi Brunner und Astrid Christen haben bereits je über 50 Bücher gestaltet.

Heidi Brunner und Astrid Christen falten aus Schmökern Kunst. Nun stellen sie ihre Werke in der Stadtbibliothek aus.

Wer stand nicht schon vor diesem Dilemma: ein volles Büchergestell und kein Platz für Neues. Aber schöne Bücher wirft man doch nicht einfach weg. Die Dietikerinnen Astrid Christen und Heidi Brunner wissen Rat. Sie verhelfen alten Büchern durch filigrane Faltkunst zu neuem Leben. In der Stadtbibliothek Dietikon sind ihre Werke noch bis Ende September ausgestellt.
In einer Fensternische ist eines der aufgefächerten Bücher zu bestaunen.

Die kunstvoll gefalteten Seiten formen sich zum Wort «Dietikon». Zwischen den Jugendbüchern zu Themen wie Saurier, Ritter und Eisenbahnen steht ein Buch, das zum Bambi umgestaltet wurde. Man findet den Bücherwurm, den Sommervogel und ein Herz mit Namen. Am Empfang begrüsst ein «Grüezi» die Kunden. «Eigentlich kann man jedes Wort, jedes Motiv, sogar ein Firmenlogo oder eine Fotografie falten», erklärt Astrid Christen. Sie liess sich durch Heidi Brunner von der Buchfaltkunst anstecken. Die beiden Frauen, die sich schon seit der Kindergartenzeit ihrer inzwischen erwachsenen Söhne kennen, haben jede bereits über 50 Buchskulpturen kreiert, als Auftragsarbeiten oder einfach so, weil ihnen ihr Hobby Freude macht.

Grosser Aufwand

Astrid Christen stiess vor zwei Jahren zufällig auf eine Website, die Vorlagen zur Buchfaltkunst anbietet. Ihren ersten Versuch möchte sie heute nirgends mehr zeigen, sagt sie, lacht und erklärt, wie ein gebrauchtes Buch zum Kunstobjekt wird. «Man gibt ein Wort ein und die Seitenzahl des Buches, dann wählt man die Schrift, und schon lässt sich eine Vorlage ausdrucken, die als Schablone gilt.» Diese zeige Seite für Seite auf, wo wie gefaltet und allenfalls mit der Schere eingeschnitten werden muss.

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Dass pro Buchstaben ungefähr 100 Seiten so bearbeitet werden müssen, zeigt, wie viel Aufwand in diesen Buchskulpturen steckt. «Es gibt Objekte, die sind in vier Stunden fertig, für andere sitze ich schon mal zehn Stunden und mehr an der Arbeit», erklärt Heidi Brunner. Bei solchen Büchern hofft sie dann insgeheim, dass sie keinen Käufer finden, sind sie ihr doch richtig ans Herz gewachsen. Wären die Arbeitsstunden in den Preis eingerechnet, niemand würde mehr ein Werk kaufen wollen, sind die beiden Frauen überzeugt.

Für Astrid Christen und Heidi Brunner ist das Buchfalten eine meditative Arbeit. «Man muss total fokussiert sein. Eine kleine Unachtsamkeit und alles war umsonst», sagt Heidi Brunner. Manchmal zeige sich auch erst während der Arbeit an einem Buch, dass sich das Motiv nicht verwirklichen lasse oder sich die gewählte Schrift nicht eigne. Dann habe sie ein begonnenes Werk auch schon weggeworfen. Astrid Christen hört beim Arbeiten am liebsten laut Musik oder schaut Fernsehen: «Nur mit einem Auge», lacht sie. Es gebe Motive, bei denen sie hoch konzentriert sein müsse.

Taschenbücher nicht geeignet

Die Bücher kaufen die beiden Künstlerinnen am liebsten im Dietiker Buchantiquariat an der oberen Repppischstrasse. Sie sind inzwischen wählerisch geworden. «Der Buchrücken muss intakt sein, es darf keine Eselsohren haben und das Papier sollte fest und doch fein sein», erklärt Astrid Christen. Faseriges Papier franse gerne aus und lasse sich nicht präzise genug falten. Auch Taschenbücher eignen sich nicht. So kam zum Beispiel der Bestseller «Das Sakrileg» des amerikanischen Autors Dan Brown zu neuem Leben. «Dieses Buch war perfekt für unsere Arbeit», so Christen.

Vor den Buchskulpturen stehen kleine Schilder. «Bitte nicht berühren». Die wertvollsten Werke sind sicherheitshalber in einer Glasvitrine untergebracht. Dort steht auch ein Buch, das Astrid Christen nach einer Kindergarten-Fotografie ihres inzwischen erwachsenen Sohnes gestaltet hat. Jede Haarlocke ist geschnitten und gefaltet, jede Eigenheit des kindlichen Gesichts scherenschnittartig nachgebildet. «Dieses Buch ist unverkäuflich», erklärt Christen. «Das bekommt mein Sohn einmal, wenn er heiratet».

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