Schlieren
Sie steht seit 1904 unter Dampf und sorgt für Strom

Auf dem Gasiareal in Schlieren wird Industriegeschichte dank freiwilligen Helfern erlebbar.

Yves Bollier
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Die Dampfmaschine im Schlieremer Gasiareal ist das Resultat präzisester Arbeit, obwohl sie über hundert Jahre alt ist. YVB

Die Dampfmaschine im Schlieremer Gasiareal ist das Resultat präzisester Arbeit, obwohl sie über hundert Jahre alt ist. YVB

Yves Bollier

Vor rund hundert Jahren musste auf dem Gasiareal in Schlieren für die Dampferzeugung die Kohle noch von Hand in die Öfen geschaufelt werden. Was rückblickend romantisch anmutet, war damals echte Knochenarbeit. Die Männer mussten richtig schuften, um die im Jahr 1904 von den Gebrüdern Sulzer gelieferte Dampfmaschine und den zugehörigen Schwungradgenerator für die Stromerzeugung in Gang zu halten. Im Gegensatz zu heute stand der Kraftzentrale ein grosses Kesselhaus zur Dampferzeugung für Dampfmaschinen zur Verfügung.

Mittags musste zwingend Strom erzeugt werden, schliesslich kochten, neben anderen Bezügern, die Hausfrauen das Mittagessen. Dasselbe Szenario wiederholte sich abends gegen sechs Uhr, da die wenigen elektrischen Lampen an der Zürcherstrasse leuchten mussten. Dies war alles andere als selbstverständlich. Die Dampfmaschine mit der Sulzerschen Ventilsteuerung stellte damals den höchsten Stand der Technik dar. Nur wenige Maschinenfabriken der Welt konnten sich, was die allgemeine Entwicklung der Dampfmaschine anbelangt, mit Sulzer vergleichen.

Erhaltung für die Nachwelt

Über 100 Jahre später hat sich das Gasiareal stark verändert. Einige Zeitzeugen sind jedoch immer noch sichtbar. Etwa der Wasserturm, wo sich das Gasimuseum befindet. Auch die Sulzer-Dampfmaschine von damals befindet sich immer noch dort. Und sie funktioniert sogar. Das ist der Verdienst des Technisch Geschichtlichen Vereins Zürcher Unterland (TGVZU). Er feiert dieses Jahr seinen 30. Geburtstag. Morgen Sonntag findet von 11 Uhr bis 16 Uhr der nächste Betriebstag der Maschine statt. Die Besucher dürfen dann die Anlage wieder in Aktion erleben, während die Vereinsmitglieder informieren und Fakten aufzeigen.

Bereits seit 1999 betreibt der Verein einen Museumsbetrieb auf dem Areal, das unter Denkmalschutz steht. Der TGVZU möchte dazu beitragen, industrie- und technikgeschichtlich interessante Anlagen «in Situ» vor dem Abbruch zu bewahren und diese sinnvoll der Nachwelt zu erhalten. «‹In Situ› heisst, dass die Anlagen am Originalstandort samt zugehöriger Umgebung, wie zum Beispiel dem originalen, damals branchentypischen Maschinenboden des Museums, belassen werden», erklärt Maschinist Karl Müller. So würden Maschine und Gebäude eine Einheit bilden, die den damaligen Zeitgeist wiedergibt.

Restaurierung der Maschine

Im Gasimuseum Schlieren ist dies dem Verein gelungen. Mit Unterstützung des Heimatschutzes revidierte der Verein während 15 Jahren in 33 000 unentgeltlichen Arbeitsstunden die Anlage und sorgte dafür, dass sie wieder komplett betriebsbereit ist. Nach der Stilllegung und dem Abbruch des grossen Kesselhauses im Jahre 1995 mussten durch den TGVZU in Eigenregie neue Dampferzeuger gefunden und installiert werden. Fündig wurde der Verein mit zwei Schnelldampferzeugern aus einem Wäschereibetrieb.

Die Dampfkessel wurden nach einer gründlichen Reinigung und Wartung in der Kraftzentrale 1999 mit den bestehenden Registern durch den TGVZU in Betrieb genommen. Vier Mal pro Jahr wird die Anlage von Vereinsmitgliedern am Originalstandort mit Dampf der Öffentlichkeit vorgeführt und erklärt. Das Gas für den Betrieb erhält der TGVZU gratis von Energie 360°. «Ohne diese unentgeltliche Vergütung wäre der Museumsbetrieb kaum möglich», sagt Werner Bosshard, Kassier des Vereins. Nach rund 15 Jahren Betrieb beim TGVZU und total 40 Betriebsjahren zeigte der Dampfkessel erste Schwächen. Korrosionsschäden und Abnützung an den Kesselrohren verursachten Lecks in den Dampf-Wasserleitungen, die Kesselleistungen nahmen ab. Mitglied Hans Künzler erinnert sich: «Ein Wechsel der Register, die für die Wärmeübertragung zuständig sind, wurde unausweichlich.»

Kostenintensiver Wechsel

Die Herstellerfirma von damals stand unglücklicherweise nicht mehr für neue Register zur Verfügung. Nach etlichen Recherchen und Gesprächen bestellte der TGVZU im Jahre 2012 beim Unternehmen Franz Iten in Birmensdorf zwei Register. Dabei hatten die Mitglieder Künzler und Urs Kloter die Gelegenheit, die Herstellung der Register persönlich mitzuverfolgen. Da die Bauteile kostenintensiv sind und nur von entsprechendem Fachpersonal gefertigt werden dürfen, entstanden Aufwendungen von rund 40 000 Franken. Diese konnte der Verein aus seinem Reservefonds, der sich aus Spenden und den Erlösen aus Betriebstagen zusammensetzt, bezahlen. Dieser Fonds ist nun erschöpft und muss wieder neu aufgestockt werden.

Die neuen Register konnte das Gasiteam, das aus sechs erfahrenen Maschinisten besteht, schliesslich unter der Regie von Künzler in kompletter Eigenleistung einsetzen. «Die Restaurierung ist wegweisend, denn dadurch ist der Museumsbetrieb über weitere Jahre sichergestellt», so Bosshard. Der Verein hofft, dass die Erfahrungen und das Wissen der junggebliebenen «Alten» an den Nachwuchs weitergegeben werden kann, um so den Weiterbestand der Anlage zu sichern.

Gleichzeitig zur Vorführung wird auch die Bilderausstellung «Tribute to the Machine» gezeigt. Sie dokumentiert den Zerfall einer Dampfmaschine, die nahezu
identisch mit derjenigen des TGVZU ist. Sie ist von Vandalenakten gezeichnet und steht heute in den Ruinen der
ehemaligen Baumwollspinnerei Jakobstal in Bülach.

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