Dietikon
Sie schenkten ihm Kuchen oder beleidigten ihn

Urs Vogel hat in seinen knapp 30 Jahren als Betreibungsbeamter viel erlebt. Sei es, dass er mit Kuchen beschenkt wurde, sei es, dass man ihn mit einer Schere angriff. Jetzt räumt der Leiter des Betreibungsamts Dietikon sein Büro und lässt sich pensionieren.

Bettina Hamilton-Irvine
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Die Aussicht aus seinem Dietiker Büro wird Urs Vogel bald mit dem Blick über Canyons tauschen.

Die Aussicht aus seinem Dietiker Büro wird Urs Vogel bald mit dem Blick über Canyons tauschen.

Bettina Hamilton-Irvine

Gut möglich, dass Urs Vogel der freundlichste Betreibungsbeamte der Schweiz ist. Oder war: Nach fast 30 Jahren auf dem Beruf lässt sich der Stadtammann und Leiter des Betreibungsamts Dietikon vorzeitig pensionieren. Diese Woche hat er sein Büro an der Poststrasse geräumt, nach ein paar Wochen Ferien übergibt der 60-jährige Bergdietiker das Amt Anfang Mai an seinen Nachfolger, bevor er sich ganz aus dem Berufsleben zurückzieht. Nicht, weil ihm der Job keinen Spass mehr machen würde. Sondern einfach, weil er das Leben noch etwas geniessen will.

Mehr Betreibungen denn je

Im Jahr 2012 musste das Betreibungsamt Dietikon erstmals mehr als 10 000 Zahlungsbefehle ausstellen: 10 248 waren es. Die Zunahme ist nicht nur auf das Bevölkerungswachstum zurückzuführen: Im Jahr 1988 wohnten in Dietikon 21 128 Personen und es wurden 4153 Zahlungsbefehle verschickt. Bis im Jahr 2012 hatten sich die Betreibungen mehr als verdoppelt, obwohl die Einwohnerzahl nur auf 24 623 angestiegen war. Dies sei wohl auf das veränderte Konsumverhalten zurückzuführen, vermutet Urs Vogel, Leiter des Betreibungsamts: Heute würden sich die Leute viel mehr Computer, Natels und andere elektronische Geräte kaufen. (BHI)

Mit Gelassenheit zum Ziel

Dass Urs Vogel nach fast drei Jahrzehnten auf dem Betreibungsamt - davon 24 Jahre in Dietikon - seine gute Laune nicht verloren hat, ist nicht selbstverständlich. Denn in seinem Job muss man eine dicke Haut haben: Schliesslich wird niemand gern betrieben. Und der Überbringer der schlechten Nachricht ist oft als Sündenbock gerade gut genug. Dass die Betriebenen manchmal ihre Wut an ihm auslassen, daran hat Urs Vogel sich längst gewöhnt: «Beleidigungen muss man in unserem Job einfach abbuchen können.» Er sagt es mit einem gelassenen Lächeln; man glaubt ihm sofort, dass er das kann.

Gelegentlich wurde Urs Vogel auch bedroht. Mehrmals bekam er Postkarten von der gleichen Person, unterschrieben mit «Leibacher» - in Anspielung auf das blutige Zuger Attentat von Friedrich Leibacher. Natürlich habe er das nicht auf die leichte Schulter genommen, sagt Urs Vogel. Doch in Panik ausgebrochen sei er deshalb nicht. «Man muss versuchen abzuschätzen, wie weit eine Person gehen würde», sagt er. In diesem Fall habe er die Person gekannt und ihr nichts Böses zugetraut - er sollte recht behalten.

Doch nicht jedes Problem war mit Gelassenheit zu lösen. «Einmal kam ein Mann mit einer Schere auf mich los», erinnert sich Urs Vogel. Er war in seiner Funktion als Stadtammann unterwegs, musste bei dem Mann einen Fernseher abholen, für den dieser die Miete nicht bezahlt hatte. Doch der aggressive Mann war bei Urs Vogel an der falschen Adresse: Der frühere aktive Schwinger und ehemalige Kantonspolizist bekam den Angreifer schnell in den Griff. «In so einer Situation helfen Worte nichts mehr», sagt er.

Den für ihn persönlich schwierigsten Fall erlebte Urs Vogel vor ein paar Jahren, als er für die Wegnahme eines Kindes zuständig war. Auch das gehört in seltenen Fällen zum Job eines Stadtammanns: Wenn beispielsweise ein Kind entführt wird und der andere Elternteil beim Gericht erfolgreich auf Rückführung klagt, muss er das Kind abholen. Schlimm sei das gewesen, erinnert sich Urs Vogel: «Das wünsche ich niemandem.»

Doch nicht nur die schwierigen Fälle werden dem Betreibungsbeamten in Erinnerung bleiben. «Es ist schön zu sehen, wenn jemand es schafft, aus den Schulden herauszukommen», sagt Urs Vogel. Manchmal habe sich ein Kunde danach sogar mit einem Kuchen bei ihm bedankt.

Mehr Zeit für Politik und Reisen

Seine Arbeit hat Urs Vogel aber auch ohne Geschenke gerne gemacht. Dabei geholfen habe ihm seine positive Grundeinstellung: «Man braucht Einfühlungsvermögen, aber man darf die Schicksale nicht zu sehr an sich heranlassen, sonst geht man daran zugrunde.» Oder anders gesagt: Man müsse das Gesetz ausführen, aber trotzdem einen menschlichen Ton finden. Diesen zu finden, fällt ihm nicht schwer: «Ich behandle die Menschen so, wie ich selber behandelt werden möchte.»

Den Kontakt mit Menschen, den er so schätzt, wird Urs Vogel auch nach seiner Pensionierung weiterhin pflegen. Wenn alles klappt, einerseits in seiner Rolle als Bergdietiker Gemeinderat, für die der SVP-Politiker sich im Herbst nochmals zur Wahl stellt. Und andererseits beim Reisen: Mit seiner Frau möchte er nochmals nach Amerika - «zu den Canyons».

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