Dietikon
Sie sass neben Bruno Weber in der Schule: Dietikerin blickt auf bewegtes Leben zurück

Die Seniorin Nelly Blocher aus Dietikon blickt mit der Journalistin Helene Arnet auf ein bewegtes Leben zurück.

Ly Vuong
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Nelly Blocher (links) mit Helene Arnet. MIt elf Jahren wurde die kleine Nelly zur Vollwaise. Weitere Schicksalsschläge folgten. Doch den Mut verlor die Dietikerin nicht.

Nelly Blocher (links) mit Helene Arnet. MIt elf Jahren wurde die kleine Nelly zur Vollwaise. Weitere Schicksalsschläge folgten. Doch den Mut verlor die Dietikerin nicht.

Ly Vuong

Die 85-jährige Nelly Blocher begab sich am Sonntag im Gespräch mit der Historikerin und Journalistin Helene Arnet zurück in ihre Kindheit und Jugend zur Zeit der Landi und des Generals Guisan. Zum achten und letzten Mal fand die Reihe «Mis Dietike» im «Raum One» des Theaters Dietikon statt. Die nächste Gesprächsrunde wird voraussichtlich im Ortsmuseum sein. Musikalisch begleitete Willi Eckert den Anlass am Akkordeon. Eckert kennt Nelly Blocher bereits aus dem Skilager der Pro Juventute. Dort lernte die 18-jährige Dietikerin aber auch ihren späteren Mann kennen. Zum Glück ein Schlieremer. «Einen Dietiker wollte ich nicht heiraten», erinnerte sich Blocher schmunzelnd. «Es regnete, doch es störte uns nicht, wir hatten es zusammen so gut.» Blocher lacht viel, wenn sie zurückblickt. Trotz einiger Schicksalsschläge in ihrem Leben verlor sie den Mut und ihre positive Einstellung nicht.

Mit russischen Soldaten im Zug

Ihr Vater verunglückte tödlich, als Nelly sechs Monate alt war. Die Mutter starb, als sie elf war. Als Vollwaise kam sie zu einer Pflegefamilie. «Draussen zu spielen, sagte mir in dieser Zeit nicht mehr zu.» Stattdessen ging sie viel mit dem Hund spazieren. Auch heute noch würden sie vor allem am Morgen um vier Uhr Traurigkeit über Vergangenes und Sorgen um die Zukunft überkommen, sagt Blocher, die heute mit ihrem Mann im Alterszentrum Ruggacker lebt. Blocher erzählte, dass sie in der vierten Klasse neben Bruno Weber in der Schule sass. «Hatte ich Tintenflecken im Schulheft, musste ich alles neu schreiben. Bruno Weber aber nicht», erinnerte sie sich an diese Ungerechtigkeit. Vermutlich, weil Weber schon damals als Künstler wahrgenommen worden sei.

Auch von der Kriegszeit kann Nelly Blocher so einiges. Als in der Zeitung stand, um welche Zeit der Zug mit den Bundesräten zur Landi-Ausstellung nach Zürich fuhr, hätten sie und andere Kinder auf den Zug gewartet. «Es war eindrücklich», erinnert sich Blocher. Auch als Kind habe sie gespürt, dass etwas in dieser Zeit nicht stimmte. Auf einmal war der Wald gesperrt, dann tauchten überall Soldaten im Dorf auf. Der Höhepunkt des Schreckens war eine Gruppe russischer Soldaten, die im selben Zug mit den Schülern sassen, als die Kinder nach Wettingen in die Badi fahren wollten. Als französische Fallschirmspringer 1945 in Dietikon landeten, habe sie zum ersten Mal feinste Seide in den Händen gehalten, denn die Seiden-Fallschirme lagen nach der Landung auf dem Schulareal. Trotz Sirene ging niemand in die Keller. «Das müssen sehr wichtige Menschen gewesen sein», habe sie sich damals gedacht. Jahre später erlernte Blocher in der Frauenschule Chur den Beruf der Schneiderin.

Als sie ihre Kinder bekam, wurde aus der Katholikin eine Reformierte. Blochers Pflegeeltern waren reformiert und schickten das Mädchen nicht in die Dienstagsmorgenmesse. Der damalige Pfarrer Eggler fragte im Schulunterricht immer, wer in seinem Morgengottesdienst war. Blocher musste die Frage immer mit «Nein» beantworten, was sehr schmerzte. «Ich wollte nicht, dass meine Kinder das erleben müssen, was ich erleben musste.» Später überschattete ein Skandal den Ruf des Pfarrers. Er war wegen Betrugs 1953 mild verurteilt worden. Pfarrer Eggler bereicherte sich aber nicht selbst, sondern gab Bedürftigen Geld.

Im Publikum sass auch ein Schulkollege von Blocher. «Wenn ich Nelly erzählen höre, kommen mir die Erinnerungen so frisch vor, als wäre es gestern gewesen», sagte Josef Wietlisbach. Auch die Witwe von Bruno Weber, Maria Anna Weber, ist vor Ort. «Dass Bruno als Schüler Gedichte schrieb, war mir neu», so Weber. Denn Helene Arnet las ein Gedicht vor, das Bruno Weber damals für die Schülerzeitung schrieb, die Blocher bis heute aufbewahrt hat.