Schlieren
Sie macht Nägel mit Köpfen: Dank Crowdfunding zum Regiedebüt

Die Autorin Franziska Häny will mittels Crowdfunding einen Dokumentarfilm über Schicksale aus der Textilindustrie in Griechenland und Bulgarien realisieren.

Daniel Diriwächter
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Die Schlieremerin Franziska Häny hofft, bald ihr Regie-Debüt zu geben.

Die Schlieremerin Franziska Häny hofft, bald ihr Regie-Debüt zu geben.

Daniel Diriwächter

Was geschah in Thessaloniki? Als Franziska Häny im September 2016 die zweitgrösste Stadt des Landes besuchte, wusste sie, dass Griechenland seit der Staatsschuldenkrise keine reine Postkarten-Idylle mehr war. Dennoch erschrak sie. Die Schlieremerin sah unzählige leerstehende Gebäude, deren obere Etagen einst Textilmanufakturen beherbergten.

So war es den vergilbten Schildern zu entnehmen, die teils noch an den Fenstern hingen. Häny realisierte, dass hier schon lange vor der Krise ein Exodus stattfand. Sie musste ihre Neugier stillen. Aus dem Urlaub wurde eine Recherchereise.

Heute weiss Häny, was aus den vielen Nähfabriken wurde. Und sie will darüber einen Dokumentarfilm mit dem Titel «Made in Europe» drehen. Erfahrung als Regisseurin hat die 67-Jährige keine. Sie hat jedoch zuerst einen Produzenten für ihr Vorhaben gefunden, der das Projekt beim Bundesamt für Kultur und bei der Zürcher Filmstiftung einreichte. Doch als diese das Projekt wegen der mangelnden Erfahrung der Regisseurin ablehnten, liess der Produzent das Vorhaben fallen.

Trotzdem treibt sie die Planung des Films konkret voran. «Ich lasse mich nicht beirren, wenn man mir keine Chancen einräumt», sagt Häny, die 40 Jahre an der Kantonsschule Urdorf Deutsch unterrichtete. Sie sei keine Frau, die so einfach aufgibt. Erst vor fünf Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman «Der rote Norden».

Prekärer in Bulgarien

Die Spur führte Häny zunächst in die Vergangenheit – zurück in die Zeit zum Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Bis dahin florierte in Nordgriechenland die Textilindustrie. Weltbekannte Marken liessen dort ihre Kleider produzieren. «Dann fanden die Hersteller aber weitaus günstigere Länder für die Produktion, als es in Griechenland möglich war», sagt Häny.

Und eines war das Nachbarland Bulgarien. «Da wusste ich, dass ich nach Bulgarien reisen musste, um mir dort ein Bild zu machen», sagt Häny. Bulgarien ist eines der ärmsten Länder Europas, daher ahnte Häny, was auf sie zukommen würde. «In Bulgarien gibt es heute noch Arbeit in Textilfabriken. Aber der offizielle Mindestlohn beträgt gerade 260 Euro, der tiefste in der EU», weiss Häny.

«Das Budget ist klein, 27 000 Franken müssen ausreichen, um den Film zu drehen.»

Franziska Häny

Dreimal besuchte sie seither das Land. «Das erste Mal machte ich mir ein Bild von der Situation und nahm Kontakt mit den Gewerkschaften auf, sodass ich Vertrauen gewinnen konnte. Beim zweiten Besuch konnte ich bereits mit einigen Akteuren aufseiten der Arbeitnehmer, wie auch mit lokalen Fabrikanten sprechen.»

Häny hatte auf ihren Reisen eine Kamera dabei, bei der sie erste Eindrücke festhielt und zu einem sogenannten Produktionstrailer zusammenschnitt. Darin zu sehen ist auch ein junges desillusioniertes Paar, das wegen der Kinder nahe der Fabrik wohnt, da diese die einzige Arbeit weit und breit bietet. «Man denkt immer, dass die Löhne in Rumänien und in Bulgarien gleich schlecht seien, dabei ist die Situation in Bulgarien weitaus prekärer», sagt Häny.

Ein heisses Eisen

Es sind Bilder, Eindrücke, die sie mit ihrem Film schildern will. Es geht ihr nicht darum, mit ihrem Film Anklage zu erheben und namhafte Firmen zu nennen, die in Bulgarien ihre Kleider produzieren. «Ich traf dort auf offene Menschen. Auch die Gewerkschaften sowie ranghohe Mitarbeiter der Textilfabriken gaben mir bereitwillig Auskunft.» Klar sei, dass die Menschen diese Arbeit dringend benötigen. Würde allgemein bekannt werden, welche (zum Teil weltbekannten) Marken in Bulgarien produzieren, könnte dies für die Arbeiter weitreichende Konsequenzen haben.

Es ist ein heisses Eisen, das Häny in den Händen hält. Mit «Made in Europe» möchte sie Menschen und Orte zeigen, die von der Textilindustrie abhängig sind und sie stellt Fragen wie: Was passiert mit Dörfern, deren Einwohner ausschliesslich schlecht bezahlte Arbeit haben? Wie hat sich das Leben der einstigen Textilfabrik-Arbeiter in Griechenland verändert? Wie verläuft deren Schicksal?

«Für den Zuschauer wird es interessant sein, die Szenarien in den Ländern Griechenland und Bulgarien zu sehen», sagt sie. Ein weiterer, wenn auch kurzer Teil des Films, will sie in der Schweiz mit Jugendlichen drehen. Teenager sind heute ein wichtiges Käufersegment. Wie sehen diese die Bedingungen und Folgen der Textilproduktion? So würde der Dokumentarfilm aus drei verschiedenen Szenarien bestehen, deren Ursprung derselbe ist.

Da sich bislang niemand fand, der ihr Projekt finanzieren möchte, lancierte Häny Mitte Oktober eine Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform «wemakeit». «Das Budget ist klein, 27 000 Franken müssen ausreichen, um den Film zu drehen», sagt sie. In diesem Betrag stecken etwa die Reisekosten, die Verpflegung oder die Automiete, welche für die Reisen nach Griechenland und Bulgarien nötig sind.

Sie betont, dass alle Schweizer Mitarbeiter am Filmset ohne Gage arbeiten werden. Sie stellen sogar kostenlos ihr Equipment zur Verfügung. Die griechischen und bulgarischen Helfer hingegen will sie angemessen bezahlen.

Häny und ihr Team sind startklar. Sollte die Crowdfunding-Aktion Mitte November erfolgreich abschliessen, reisen sie schon im Januar los. Sollte das aber nicht der Fall sein, wird Häny weiter für «Made in Europa» weibeln. «Wie gesagt, ich gebe nicht so schnell auf», sagt die Regisseurin bestimmt.

«Made in Europe» – Veranstaltung in der Bibliothek Schlieren: Franziska Häny stellt ihr Projekt vor und erzählt von den Textilproduktionen in Griechenland und Bulgarien. 31. Oktober, 20 Uhr