Schlieren
Sie macht afrikanische Mode salonfähig

Die Designerin Susann Schweizer hat das Fairtrade-Label «Poplin Project» in Westafrika gegründet.

Anina Gepp
Merken
Drucken
Teilen
Modedesignerin Susann Schweizer trägt einen Overall ihrer Kollektion. Dieser Ganzkörperanzug ist besonders beliebt.

Modedesignerin Susann Schweizer trägt einen Overall ihrer Kollektion. Dieser Ganzkörperanzug ist besonders beliebt.

Anina Gepp

Reizüberflutung sei wohl das passendste Wort, um zu umschreiben, wie es sich anfühlt, einen afrikanischen Stoffmarkt zu besuchen, sagt Susann Schweizer. Die in Schlieren wohnhafte Modedesignerin ist zweimal jährlich in Westafrika unterwegs, immer auf der Suche nach neuer Inspiration für ihre grösste Leidenschaft: das Poplin Project. Hinter ihrer Idee steckt aber mehr als nur die Faszination für Farben und Prints. Als sie vor sieben Jahren das erste Mal nach Westafrika reiste, damals aufgrund der Adoption ihres Kindes, war sie auf der Stelle fasziniert. Fasziniert von der Kultur, des Zusammenlebens und auch des alten Handwerks.

Nachhaltige Produktion

Schnell hatte die kreative Frau die Idee, eine eigene Modelinie mit Wachs- und Batikstoffen aus lokalem Handwerk in Afrika ins Leben zu rufen, um die Kleidungsstücke dann in der Schweiz zu verkaufen. Im Vordergrund stand für Schweizer dabei die Unterstützung von Kleinstunternehmen in Westafrika. Ihr Vorhaben war es, vor allem den schneidernden Frauen vor Ort einen guten Lohn und faire Arbeitsbedingungen sichern zu können.

Lesen Sie hier den Kommentar der Redaktorin:

Vor einem Jahr hat sie den lange gehegten Wunsch eines eigenen afrikanischen Labels in die Tat umgesetzt. Schweizer ist es ein Anliegen, die Kunden in der Schweiz auf nachhaltige Mode aufmerksam zu machen. «Es muss uns wieder bewusst werden, dass ein T-Shirt für unter 10 Franken nicht unter fairen Bedingungen produziert wurde», sagt sie. Was heute im Billigsektor an Mode produziert werde, sei nur noch Abfall. Das sei schockierend, vor allem, wenn man sich mit der Materie auskenne. Durch ihre Besuche in Westafrika habe sich diese Einstellung noch verstärkt. «Es ist gewissermassen ein Reset von vielen Werten, welches man durchlebt. Vieles habe ich dadurch neu bewertet», so Schweizer. Sie habe das Übermass, in dem wir lebten, satt. Gleichzeitig komme sie aus der Modebranche, wo genau das tagtäglich auf dem Plan stünde. Das sei ein Spagat, den es immer wieder zu bewältigen gebe.

Schweizer sind weniger mutig

Das Poplin Projekt gebe beiden Seiten extrem viel, sagt Schweizer. Die Produzenten in Afrika seien zu Beginn überrascht gewesen, dass in Europa ihre traditionellen Stoffe gefragt sind. Jedoch, so relativiert Schweizer, könne man auf dem hiesigen Markt auf keinen Fall so schneidern und Stoffe aussuchen, wie man es in Afrika tun würde. «Unsere Schnitte sind anders, und wir sind natürlich viel weniger mutig, was die Farbe betrifft», sagt sie und schmunzelt. Währenddem in Afrika pinke Stoffe mit Mais- oder Shrimpsmuster selbstverständlich auch von Erwachsenen – vorwiegend von Männern – getragen werden, könne sie daraus hierzulande nur Babykleidung fertigen.

Generell seien Männer am vorsichtigsten, was das Tragen afrikanischer Prints angehe. Letztes Jahr hätten sich alle Blau- und Grüntöne gut verkauft. An Rot und Gelb habe sich kaum ein Herr rangetraut. Dieses Jahr sei das aber bereits anders gewesen, als sie drei Tage lang in einem Pop-up-Store in Zürich ihre Ware anbot. Es sei ein grosser Auflauf gewesen, besonders Künstler und kreative Menschen hätten sich begeistern lassen für die bunte Mode. Ein grosser Teil der Kleidung für Damen sei bereits ausverkauft, so Schweizer. Besonders gut sei lustigerweise ein Overall – also ein Ganzkörperanzug – weggegangen.

Die Modedesignerin weist auf das bunte Gewand hin, das sie zum Interviewtermin selbst trägt. Davon habe sie aber nur wenige Stücke produzieren lassen. Die Nachfrage sei weitaus grösser gewesen.

Nächstes Jahr will Schweizer im Juni wieder einen Pop-up-Store mit ihren farbigen Einzelstücken schmücken. Es sei immer witzig, die Reaktionen der Kunden zu beobachten, die das Lokal betreten. «Sie sind zuerst total überfordert. «Doch nach einem kurzen Moment der totalen Reizüberflutung überkommt sie fast eine Gier», beschreibt Schweizer. Man wolle unbedingt den allerschönsten Print aussuchen und verliere sich dabei total.

Manchmal hätten Kunden mehrere Stunden im Laden verbracht, bis sie zu einer Entscheidung gekommen sind, so Schweizer. Wer sich vorab bereits einen Überblick verschaffen wolle, könne auch auf ihrer Homepage schon einmal ein paar Modelle einsehen. Das helfe bei der Entscheidungsfindung, sagt die Designerin.

Ruzica Paradzik (36) Geroldswil «Ich finde es toll, dass heute vermehrt faire Mode hergestellt wird. Beim Kleiderkauf ist für mich aber der Preis ausschlaggebender als die Herstellungsbedingungen. Manchmal vergesse ich auch, auf sie zu achten. Dafür kaufe ich oft Secondhand-Kleidung für meine Kinder ein.»
5 Bilder
Peggy Schuhmann (46) Bergdietikon «Ich versuche, mich mit fair produzierter und nachhaltiger Mode einzukleiden. Das Geld spielt dabei keine so grosse Rolle. Ich kaufe dafür weniger Kleider. Schwieriger ist es, verlässliche Hersteller zu finden. Diesen Rucksack der Marke Margelisch fand ich nach langer Recherche im Internet.»
Alena Rossikhina (36) Dietikon «Ich achte sehr auf die Qualität der Kleidung, die ich kaufe. Ich mag Marken wie Marco Polo oder Benetton, die sich für ökologische und nachhaltige Produktion einsetzen. Da ich ein Baby habe, finde ich es wichtig, dass meine Kleider aus natürlichem Material wie Bio-Baumwolle gemacht sind.»
Max Reifler (62) Embrach «Es ist mir sehr wichtig, dass die Kleidung, die ich trage, fair hergestellt wurde. Ich kaufe bewusst ein, das heisst: möglichst Produkte, die mit einem Öko-Label versehen sind. Dafür zahle ich gerne ein paar Franken mehr. Der Herren-Globus erfüllt meine Ansprüche.»
Yvette Tritten (23) Zürich «Als Studentin ist das recht schwierig, da faire Mode generell teuer ist. Ich kaufe Kleider vor allem bei den Grossverteilern ein, allerdings nur dann, wenn ich sie wirklich brauche. Bei Lebensmitteln ist es meiner Meinung nach einfacher, auf faire Produktion zu achten und entsprechend einzukaufen.»

Ruzica Paradzik (36) Geroldswil «Ich finde es toll, dass heute vermehrt faire Mode hergestellt wird. Beim Kleiderkauf ist für mich aber der Preis ausschlaggebender als die Herstellungsbedingungen. Manchmal vergesse ich auch, auf sie zu achten. Dafür kaufe ich oft Secondhand-Kleidung für meine Kinder ein.»

Fabienne Eisenring

Farbe tragen liegt im Trend

Es sei schön, dass die farbigen Prints momentan solch ein «Hype» seien, so Schweizer. Das komme ihr natürlich entgegen. Die Designerin hofft, dass dieser Trend nun noch länger anhält. Vor allem wünscht sie sich aber, dass sich auch längerfristig gesehen etwas am Kaufverhalten der Europäer verändert. Die Nachfrage für fair gehandelte Mode werde tatsächlich immer grösser, sagt sie.

Dass mittlerweile auch die grossen Billig-Modeketten auf den Nachhaltigkeitszug aufgesprungen sind, beobachtet die Designerin aber eher kritisch. «Da ist vieles auch einfach Marketingstrategie», sagt sie. Bei kleineren Labels hingegen könne man sicher gehen, dass genau nachverfolgt werden kann, wer was produziert hat. Die Kunden, die bei ihr einkauften, wüssten genau, wer die Kleidung genäht und gefärbt habe, sagt sie. Zudem gehe 33 Prozent des Gewinns an eine Frauenkooperative in Westafrika.