Ihr Lieblingsplatz ist der Lehnsessel, wo ihre Füsse in der Luft schweben. Die schwarz gestreifte Katze Shiva will es sich auf ihrem Schoss bequem machen, aber scheut sich schliesslich vor der fremden Gesellschaft. Margrit Hasler, 77, trägt beim Treffen in ihrem Dietiker Wohnzimmer eine legere, pilzförmige Frisur und einen roten Pullover, der ihr Aussehen trotz beeinträchtigtem Gehen verjüngt. Die Oberengstringerin bietet Kaffee an, und warnt: «Ich habe weder Milch noch Rahm.» Und spricht gestikulierend über ihre Laktose-Intoleranz und weitere Allergien. Sie pflegt ihre langjährige Partnerin Erika Egli, seit diese im Jahr 2013 an Alzheimer erkrankte. Beschwerden, Schmerzen und Schicksalsschläge gehören zu Haslers Geschichte, und vielleicht sogar zu ihrem Wesen. Doch ihre andere Facette ist diejenige einer fröhlichen, energievollen Frau, die sich vor Hürden nicht scheut. Nun ist Hasler frisch in einem Haus für betreutes Wohnen in Dietikon eingezogen und kann notfalls Hilfe und diverse Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Ein selbstständiges Wohnen mit einigen Erleichterungen.

Autodidaktin durch und durch

Margrit Hasler kam im Kriegsjahr 1941 in einer Arbeiterfamilie zur Welt. Hans Hasler betrieb eine Bäckerei in Uster, Emilie Hasler war Angestellte. «Mein Vater schenkte mir warme Zuwendung, meine Mutter ermöglichte Flötenstunden», sagt Hasler über die elterliche Beziehung. Die kleine Margrit musste oft für sich selbst schauen. «Velofahren habe ich mir selbst beigebracht», erinnert sie sich. Einige Wunden später radelte Hasler fröhlich hin und her. «Ich habe bemerkt, dass es so im Leben ist: ausprobieren und auf den Boden fallen. Aber wenn man etwas will, kann man es auch erreichen.»

Mit dieser Einstellung bereitete sich Hasler für ihre berufliche Laufbahn vor. Seit sie das Buch «Picollina» in die Hand nahm, wusste sie, dass sie Sozialpädagogin werden wollte. «Die Geschichte über das Tessiner Waisenkind kenne ich noch heute», sagt die 77-Jährige. Zielorientiert besuchte sie nach einer kaufmännischen Lehre die Schule für soziale Arbeit in Zürich. «Im Sozialbereich kämpfte ich, um den Mindestlohn zu erhalten. Jeden Franken musste ich umdrehen», erinnert sie sich. Nach ihrer Ausbildung arbeitete die damals 26-Jährige in der Romandie in einem Heim für Schwachbegabte. In England setzte sie sich für cerebral Gelähmte ein und wohnte mit einer Familie auf einem Bauernhof, «wo sich die Füchse Gute Nacht sagten». Und immer wieder liess sich die sprachgewandte Oberengstringerin in Italien für eine kurze Zeit nieder. «Ich suche noch vergebens nach meinen italienischen Wurzeln. Ich fühle mich dort so wohl, als wäre ich zu Hause», schwärmt sie. Nach verschiedenen Jobs im sozialen Bereich kam die Anstellung beim Jugendsekretariat in Meilen, die Haslers Leben grundlegend prägte – in der seenahen Gemeinde lernte sie Erika Egli kennen.

Ein diskretes Paar

Bis heute sind sich beide eng verbunden. Das zeigt ein Besuch im Zimmer der 81-jährigen Erika Egli. Die zierliche Dame mit den wachen, wasserblauen Augen leidet seit acht Jahren an Demenz. Aber an gewissen Momenten oder Eindrücken hält sie fest. «Margrit war in ihrer Arbeit sehr kompetent», sagt Egli, die ihre Stellvertreterin war. «Und sie ist noch heute hilfsbereit, intelligent und vielseitig interessiert.» Mit der Zeit hat sich eine Freundschaft entwickelt, die zwei Frauen merkten, sie konnten sich aufeinander verlassen. Sie unternahmen Ausflüge in die Berge, schwammen und gestalteten ein Leben zu zweit. «Wir ergänzen uns gut», sagt Egli über die Beziehung zu Hasler. Bald ist es Zeit für den «Apéro», also die Medikation, die ihr Hasler überreicht – normalerweise eine Aufgabe des Pflegepersonals. Hasler hat allerdings Erfahrung mit dem Verabreichen von Eglis Medikamenten sowie mit Demenzerkrankten, sie arbeitete einst in der Geriatrieabteilung eines Spitals. Die Hausärztin liess die Ausnahme gelten. Nun darf sie weiter für ihre Lebenspartnerin sorgen – so oft wie möglich.

Zusammen, aber getrennt

Die Verbundenheit der beiden Frauen ist ein Fels in der Brandung beider Lebensgeschichten. «Es ist für mich ein Privileg, Erika immer noch pflegen zu dürfen», sagt Hasler. Nach Eglis Erkrankung kümmerte sich Hasler zunehmend um sie – aber musste immer noch den Haushalt schmeissen und gelegentlich für das eigene Wohlbefinden sorgen. Nach und nach wurde es ihr zu viel, im September gab sie die gemeinsame Oberengstringer Wohnung auf. «Der Umzug war für mich extrem schwierig», so Hasler. Es war eine Herausforderung: Egli musste nach wie vor betreut werden, Dokumente warteten auf ihre Unterschrift und die leeren Umzugskartons füllten sich nicht von alleine. Hasler musste sich von wertvollen Gegenständen trennen, Möbel verkaufen oder entsorgen. «Das tat weh. Ein guter Schrank wurde einfach auseinandergenommen.» Ihre Bücher und klassischen Platten auszusortieren, fiel Hasler am schwersten. Es seien auch persönliche Geschichten, die verloren gingen. «Ich musste mich daran gewöhnen, loszulassen. Aber jetzt machen wir das Beste draus, gell Shiva?»

Nun wohnen Egli und Hasler wieder im gleichen Gebäude, aber in anderen Abteilungen. Hasler freut sich, Egli so oft wie möglich zu sehen, und trotzdem ihre freie Zeit alleine geniessen zu können. Jetzt will sie eigene Interessen verfolgen, weiterhin Deutschstunden geben, ihr Italienisch möchte sie auch aufpolieren. Sie kann ihre Selbstständigkeit nun zurückgewinnen, in dem sie sich auf die Unterstützung anderer verlässt.