Der Lärm von der Baustelle ist ohrenbetäubend. Es wird gehämmert, geklopft, geschliffen und gerufen – und über allem dröhnt das durchdringende Klopfen eines Presslufthammers. Man versteht sein eigenes Wort nicht.

Wer sich verständigen will, muss wohl oder übel schreien. Eine junge Pflegerin, die aus dem Dietiker Alters- und Gesundheitszentrum Ruggacker auf die Terrasse tritt, hält sich mit beiden Händen die Ohren zu. «An einem Tag wie diesem ist es gar nicht so schlecht, dass einige der Bewohnerinnen und Bewohner nicht mehr so gut hören», sagt Caroline Tall, stellvertretende Pflegeleiterin des Altersheims. «Sonst wäre der Lärm noch viel schlimmer für sie.»

Ausgerechnet an diesem besonders lauten Nachmittag sollen die Bewohnerinnen und Bewohner direkt neben der Baustelle eine Wand bemalen – gemeinsam mit einer 6. Klasse aus dem Schulhaus Wolfsmatt. «Wir haben im Team diskutiert, wie man die unansehnliche Bretterwand, die uns von der Baustelle trennt, etwas verschönern könnte», erzählt Caroline Tall.

Dabei sei man auf die Idee gekommen, daraus ein kleines Projekt zu machen, bei dem sich Jung und Alt trifft – und gleichzeitig die Wand verschönert wird. Das lohnt sich auf jeden Fall: Denn noch mindestens bis im Spätsommer 2012 müssen die Mitarbeitenden und Bewohner des Ruggackers neben der Baustelle ausharren. So lange dauert die Renovation des Ruggacker 1 noch. Während dieser Zeit wohnen die alten Menschen im bereits fertiggestellten Neubau.

Zusammenarbeit der Generationen

Gegen den Lärm der Baustelle kann man offensichtlich nicht viel tun – obwohl die Bauarbeiter auf Bitte eines Pflegers den Lärm tatsächlich eine Weile lang minimieren. Doch dass man wenigstens optisch die hässliche Bauabschrankung sozusagen in einen strahlend schönen Schwan verwandeln kann, das beweist die Arbeit der Kinder und Bewohner des Altersheims an diesem Nachmittag eindrücklich. Innerhalb von kurzer Zeit spriessen farbige Blumen auf der Wand, flattern Schmetterlinge durch wolkig blauen Himmel und wächst froschgrünes Gras in alle Richtungen.

Eindrücklich ist aber vor allem auch die Zusammenarbeit der beiden Generationen. Obwohl sie sich einander anfangs nur zögerlich nähern, tauen sie bald auf und werden, wenn auch nur ein Nachmittag lang, zu einer eingeschworenen Arbeitsgemeinschaft.

Immer wieder sind rührende Szenen zu beobachten. Eine alte Dame im Rollstuhl hat Gefallen an dem breiten Pinsel mit grüner Farbe gefunden und malt hingebungsvoll, mit leicht geöffnetem Mund und konzentriertem Ausdruck, eine grosse grüne Wiesenfläche. Daneben pinselt eine andere Bewohnerin, mit einem Arm auf einen Stock gestützt, eine rot-orange Blume auf die Wand. Der 12-jährige Gabriele nickt anerkennend: «Das haben Sie aber schön gemacht», sagt er und fügt selbstkritisch an: «Sie können das ja besser als ich.» Eigentlich male er nicht besonders gern, sagt Gabriele. Doch dieses Projekt finde er «total lustig». Sein 13-jähriger Kollege Armend stimmt ihm zu: «Es macht richtig Spass. Und die alten Leute machen das erstaunlich gut.»

Einstimmig fürs Projekt

Das Engagement ihrer Schülerinnen und Schüler freut auch die Lehrerin Franziska Weiss. Als sie der Klasse die Teilnahme an diesem Projekt vorgeschlagen habe, habe sie eine Bedingung gestellt, erzählt sie: «Entweder seid ihr richtig dabei, oder wir lassen es.» Bei der darauffolgenden Abstimmung hätten sich die Schülerinnen und Schüler dann einstimmig dafür ausgesprochen. Über den Verlauf des Nachmittags sei sie jedoch selber überrascht, gibt die Primarlehrerin zu: «Ich hatte gehofft, dass die Schüler mit den alten Menschen Kontakt aufnehmen. Ich habe aber nicht damit gerechnet, dass es so gut funktioniert.»

Auch Caroline Tall strahlt. «Hier entstehen wertvolle Begegnungen, die auch helfen, Hemmschwellen herunterzusetzen.» Ausserdem sei die kreativeArbeit sehr anregend für die Bewohnerinnen und Bewohner des Alterszentrums. «Es regt die Sinne und sicher auch ihre Erinnerungen an.»