Nachwuchsprobleme
Sie kämpfen ums Überleben: Wenn Samariter selber Hilfe brauchen

Das Limmattal verliert einen Samariterverein um den anderen. Dem Mitgliederschwund zum Opfer fielen jüngst die Vereine in Weiningen und Engstringen. Nun zählt der Bezirk Dietikon nur noch deren zwei. Diese scheinen aber wohlauf zu sein.

Sibylle Egloff
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ich für andere einzusetzen, ist im Limmattal nicht mehr Mode. In den letzten acht Jahren lösten sich vier Samaritervereine auf.

ich für andere einzusetzen, ist im Limmattal nicht mehr Mode. In den letzten acht Jahren lösten sich vier Samaritervereine auf.

Keystone

Sie haben anderen geholfen, doch sich selbst konnten sie nicht retten. Die Samaritervereine Weiningen und Engstringen haben sich auf Ende 2018 aufgelöst. «Kurz vor dem 100-jährigen Jubiläum sieht sich der Samariterverein zu diesem bedauerlichen Schritt gezwungen», steht in einer Mitteilung des Samaritervereins Weiningen. Als Grund werden Nachwuchsprobleme angegeben.

Die intensiven Bemühungen, neue Mitglieder zu finden, etwa durch Aufrufe in den Medien und die Verteilung von Flyern im Dorf, seien nicht vom erwünschten Erfolg gekrönt gewesen, heisst es. Mit dem geringen Mitgliederbestand hätte die immer grösser werdende Anzahl von Sanitätsdiensten für Sportanlässe und andere Veranstaltungen nicht mehr seriös abgedeckt werden können.

Ähnlich erging es dem Samariterverein Engstringen. Nachwuchsprobleme machten auch ihm zu schaffen, worauf an einer ausserordentlichen Mitgliederversammlung im April 2018 beschlossen wurde, die Vereinsarbeit einzustellen. Das vom Verein geführte Krankenmobilien-Magazin wurde ebenso liquidiert. Die Enttäuschung über das erzwungene Ende scheint noch immer tief zu sitzen, denn keine der beiden ehemaligen Präsidentinnen ist bereit, darüber zu sprechen.

Erfolglose Nachwuchssuche

Das gleiche Schicksal ereilte bereits andere Samaritervereine im Limmattal. Erst 2016 gab der Samariterverein Oetwil-Geroldswil nach 96 Jahren bekannt, dass es mangels Neumitgliedern nicht mehr weitergeht.

2011 traf der Samariterverein Dietikon nach 115-jährigem Bestehen den Entschluss, sich aufzulösen. Auch hier blieb die Nachwuchssuche erfolglos. Noch länger sind die Auflösungen der Samaritervereine Schlieren und Uitikon her. Mit dem Ende in Weiningen und Engstringen sinkt die Zahl der Samaritervereine im Limmattal auf zwei. Nur noch in Birmensdorf und in Urdorf existieren sie.

Die Kollegen bedauern den Rückgang. «Es ist sehr schade, dass es so weit kommen musste», sagt Lilian Schlund, Präsidentin des Samaritervereins Birmensdorf. Das habe auch Auswirkungen auf ihren Verein. «Nun müssen wir noch mehr Einsätze alleine abdecken. Es war zum Beispiel üblich, dass wir und die Engstringer uns den Sanitätsdienst für das Hallenfussballturnier in Schlieren aufgeteilt haben.»

Angst, dass auch ihrem Verein so ein Ende droht, hat Schlund nicht. «Im Gegensatz zu anderen Vereinen können wir uns nicht über Nachwuchsprobleme beklagen. Jedes Jahr kommen ein bis zwei neue Mitglieder hinzu.» Derzeit zählt man in Birmensdorf 25 aktive Mitglieder, die regelmässig an den Monatsübungen teilnehmen. Sie kommen aus dem Dorf und den umliegenden Gemeinden Aesch, Uitikon und Affoltern am Albis. Zu verdanken hat der Verein viele neue Mitglieder dem Kurs «Notfälle bei Kleinkindern».

«Der Kurs, den wir geben, ist für junge Eltern. Nachdem sie den Kurs beendet haben, sind viele Frauen bei uns im Verein eingestiegen», sagt Schlund, die seit 17 Jahren den Verein präsidiert und seit knapp 30 Jahren als Samariterin tätig ist. Nichtsdestotrotz falle es dem Verein oft schwer, die nötigen Sanitätsdienste abzudecken, da die jungen Mütter bekanntlich Kinder zu Hause hätten oder arbeiten würden.

Eine weitere Schwierigkeit: die Leitung beliebter Nothelferkurse und individueller Schulungen. «Mit diesem Pensum ist es für Samariter fast nicht möglich, daneben noch 100 Prozent angestellt zu sein.» Es sei daher ein Glück, dass sie selbst pensioniert sei und eine andere Kursleiterin 60 Prozent arbeite.

Eishockeymatch und Flohmarkt

Urdorf hat genügend Kursleiter, um die Nachfrage abzudecken. Mit 54 aktiven Mitgliedern ist er der grösste Samariterverein im Limmattal. Der Vorstand könnte aber noch Verstärkung brauchen. «Es fehlen zwei Mitglieder im Vorstand. Schlimmer wäre es aber, wenn wir keine Kursleiter hätten, dann könnten die Monatsübungen und die Kurse nicht durchgeführt werden», sagt Präsidentin Berti Weber.

Der Verein unterstützt mit einer Einsatzgruppe auch die Feuerwehr Urdorf. «Blutspendeaktionen machen wir nicht, da das Spital Limmattal in unmittelbarer Nähe ist.» Beim Eisfeld in der Weihermatt sind die Urdorfer Samariter oft anzutreffen.

«Bei jedem 1. Mannschaft-Eishockeymatch, an verschiedenen Turnieren und an jeder Eisdisco sind zwei unserer Leute präsent», sagt Weber. Zudem veranstaltet der Verein einen Flohmarkt an der Chilbi. «Wir erhalten gebrauchte Artikel wie etwa Geschirr oder Spielzeug aus der Bevölkerung. Mit dem Verkauf dieser Sachen können wir unsere Vereinskasse etwas aufbessern.»

Eine weitere Einnahmequelle für die Samariter in Urdorf sind Kurse und Schulungen. Immer mehr Firmen verfügten über Defibrillatoren, der Umgang damit müsse aber eingeübt werden. Doch Nothelferkurse sind seltener ausgebucht. «Die Konkurrenz ist gross. Die Teilnehmer sind massiv zurückgegangen. Viele Personen absolvieren den Nothelferkurs leider beim Fahrlehrer», sagt Weber. So sicher wie in Birmensdorf fühlt sich die Präsidentin deshalb nicht.

«Uns geht es jetzt zwar gut, aber in ein paar Jahren kann das schon anders sein.» Weber ist seit 35 Jahren Kursleiterin und seit 12 Jahren amtet sie als Präsidentin. In dieser Zeit habe sich viel verändert. «Man will sich nicht mehr so verpflichten wie früher. Frauen sind heutzutage berufstätig. Zudem gibt es im Vergleich zu früher ein viel grösseres Ärzteangebot und gut ausgebildete Rettungssanitäter, die schnell vor Ort sind, wenn etwas passiert.»

Nichtsdestotrotz liegt Weber am Herzen, dass der Verein möglichst viele Personen ausbilden kann. «Es wichtig, dass man weiss, was bei einem Notfall zu tun ist.»