Es ist kurz vor Weihnachten. Die Birmensdorferin Hélène Vuille steht im Migros Wiedikon, um ein Brot zu kaufen. Dabei sieht sie, wie die Verkäuferinnen, beaufsichtigt vom Filialleiter, kiloweise Tagesfrischprodukte in eine Mülltonne entsorgen. «Haben sie kein schlechtes Gewissen?», fragt Vuille schockiert. Nach einer eineinhalbstündigen Diskussion - der Laden ist schon längst geschlossen - bietet Vuille dem Filialleiter an, diese Produkte künftig abzuholen. Sie will sie anschliessend an Menschen verteilen, die sich keine solchen Esswaren leisten können. Der Filialleiter willigt per Handschlag ein. Diese Szene ereignete sich 1998.

Ein neues Kapitel beginnt

Damit begann ein neues Kapitel in Hélène Vuilles Leben. Seither fährt sie, die mit ihrem Mann im Sternenquartier lebt, mindestens zweimal pro Woche zur Migros Wiedikon um Esswaren abzuholen, und bringt sie einem Obdachlosen-Heim im Zürcher Kreis 4. Die Bewohner des Hospizes sind ihr ans Herz gewachsen. Sie ist zu einer Vertrauensperson der Obdachlosen geworden, die ihr teilweise auch ihre Schicksale schildern.

Nun schrieb Vuille ein Buch mit dem Titel «Im Himmel gestrandet». Darin porträtiert sie Bewohner des Hospizes und obdachlose Menschen, die ihr auf der Strasse begegnet sind. Darunter ist auch der gelernte Siebdrucker «Luki» (die realen Namen werden im Buch nicht genannt), der in Chur aufgewachsen ist und dort in Kontakt mit Drogen kam. In der Rekrutenschule als Sanitäter spritzte er erstmals Heroin. Er flog raus und konsumierte fortan täglich. Er lebte in Zürich, bettelte gegen den Hunger und schlief meist auf der Chinawiese oder beim Bahnhof Stadelhofen mit lediglich einer Hundedecke gegen die Kälte. Schliesslich wurde er seine Heroin- nicht aber seine Alkoholsucht los. Heute wohnt er im Hospiz und träumt davon, wieder selbstständig zu sein.

Die Autorin beschreibt in ihrem Buch die Lebensgeschichte der Obdachlosen meist nur bis zum Punkt, an dem sie aus der funktionierenden Gesellschaft ausscheren. Sie dokumentiert, aber sie wertet nicht.

«In welche Lebensumstände man hineingeboren wird, kann man nicht beeinflussen», sagt Vuille, «sehr wohl aber, was man daraus macht.» Sie habe während der unzähligen Gespräche mit den Obdachlosen deren Leben vor dem Ausstieg aus der Gesellschaft mit jenem als Bewohner des Hospizes verglichen. «Dabei stellte ich fest, dass ihr zweites Leben oft wichtiger war als das erste.»

Im Buch erscheint etwa «Leo», der schizophrene Hospiz-Bewohner, der in seinem Zimmer einen Zoo aus Tierfiguren aufgebaut hat und behauptet, Zoodirektor zu sein. «Wenn ‹Leo› in der Gruppe ausholt und etwas über seinen Zoo erzählt, unterbricht ihn niemand. Alle respektieren ihn und hören ihm zu», sagt Vuille.

Ausserhalb des Heims schlagen den Bewohnern oft nur der Spott und die Abneigung der übrigen Gesellschaft entgegen. «Obdachlos zu werden heisst auch, sein soziales Netzwerk zu verlieren. Man ist völlig alleine. Deshalb wollte ich ihnen eine Stimme geben», erklärt Vuille. Für sie ist ihr soziales Engagement eine Selbstverständlichkeit: «Wenn man es selbst so gut hat wie ich, dann kann man doch auch etwas zurückgeben.»

Im Kampf gegen die Bürokratie

In den letzten 14 Jahren kämpfte die 59-Jährige einen erbitterten Kampf für die Obdachlosen: Kurz, nachdem sie das erste Mal Lebensmittel ins Hospiz gebracht hatte, wollte Vuille ihr Projekt auf weitere Migros-Filialen und andere Obdachlosen-Heime ausdehnen. Bei der Migros stiess sie aber auf taube Ohren: Fehlende Logistik, Produktehaftung, Kosten und der Zeitaufwand wurden als Gegenargumente angeführt. Für Vuille begann ein langwieriger bürokratischer Hürdenlauf, der sie bis in die höchste Etage des Grossverteilers führte.

Nach drei Jahren und einer Korrespondenz, die einen Bundesordner füllt, erlaubte die Migros Geschäftsleitung ihr schliesslich, in fünf weiteren Filialen Esswaren abzuholen. Seither nutzen in Zürich insgesamt acht Hospize diese Möglichkeit, um ihre Bewohner zu verpflegen.

Für Vuille ist es damit aber noch nicht getan: Sie will erreichen, dass gesetzlich verankert wird, dass Grossverteiler ihre Tagesfrischprodukte nicht mehr entsorgen, sondern an lizenzierte karitative Organisationen abgeben müssen. Bereits im Jahr 2008 richtete Vuille sich mit Briefen an verschiedene Kantons-. National- und Ständeräte und bat sie, ihr Anliegen zu diskutieren. Sie warte bis heute auf eine Antwort, sagt sie.

Morgen Freitag, am Samstag und am Sonntag wird Hélène Vuille in der Manor-Filiale im Letzipark den ganzen Tag über Bücher signieren. 20 Prozent des eingenommenen Erlöses gehen an die im Buch porträtierten Menschen.