Pandemie

Sie fotografiert hinter die Maske: So dokumentiert Zürcher Fotografin Emotionen der Coronakrise in Bilder

Sie fotografiert hinter die die Maske: Die Zürcher Fotografin Fabiana Nunes zeigt in ihrem Fotoprojekt, was die Leute während des Shutdown fühlten.

«Trauer», «Überleben», «Liebe», «Discovid-19»: Das sind Ausdrücke mit denen Zürcherinnen und Zürcher ihre Situation während des Lockdown beschrieben. Die Fotografin und Modedesignerin Fabiana Nunes porträtierte 50 Menschen aus 22 unterschiedlichen Herkunftsländern. «Es war mir wichtig, dass Menschen aus verschiedenen Berufen, Ländern und Alterskategorien ihre Hoffnungen und Sorgen während der Coronazeit ausdrücken können», sagt die Brasilianerin. In ihrer Porträtserie «50 Words – 100 Photos» sind nun Schauspieler, CEOs, Pflegefachleute und Clubbesitzer dargestellt. Ursprünglich habe sie einfach Menschen mit einer Maske porträtieren wollen, doch dann begann sie sich zu fragen, was hinter dieser Maskierung steckt. So bat sie ihre Protagonisten, eine Maske und ein Wort mitzunehmen. Es ging ihr dabei nicht darum, Corona zu beschreiben, sondern dem Gefühl Ausdruck zu geben, das die Leute während der Covid-19-Phase beschäftigte. «Ich sehe mich als Chronistin. Vielleicht wissen in ein paar Jahrzehnten die Leute nicht mehr, was Corona war, so wie wir auch die spanische Grippe vergassen», sagt sie.

Ein Shooting nach dem anderen im Wohnzimmer

Da sie das Shooting mitten in der Zeit des Shutdown begann, waren alle Fotostudios geschlossen. So verwandelte sie kurzerhand ihre Stube in ein Studio. «Ich retuschierte nichts an den Fotos, ausser dass ich diesen weissen Kratzer in der Wand rausnehmen musste», sagt sie und streicht lachend über die grüne Wand in ihrer Wohnung in Wipkingen. Hier fanden in den letzten zwölf Wochen täglich bis zu fünf Shootings statt. Pärchen, Einzelpersonen und Familien kamen gestaffelt in Nunes Wohnung, um für ein Foto mit und eines ohne Maske zu posieren. Zwischen den Shootings desinfizierte Nunes alles und bereitete sich auf das nächste vor.

Aufgrund der Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit konnte sie keine Senioren fotografieren, das wäre ihr zu heikel gewesen. Dafür war der jüngste Teilnehmer nicht einmal ein Jahr alt. «Das Anspruchsvollste war das Casting und die Organisation», sagt Nunes. Das Fotografieren machte ihr Spass und holte sie und die Protagonisten wieder aus dem «Pyjama-Modus» des Homeoffice. Besonders der Moment, in dem die Models die Maske von ihrem Gesicht nahmen, war spannend für Nunes. «Manche lachten dabei, andere tanzten oder weinten», sagt sie.

Jedes Bild zeigt einen Teil einer Geschichte: Eine Mutter wollte nackt mit dem Wort Liebe posieren. «Sie sagte, ohne Liebe hätte sie den Lockdown in der Wohnung allein mit ihrem Mann und dem Kind wohl nicht ausgehalten», so Nunes. Ein Mann in einer Gasmaske hält ein Fragezeichen in seiner Hand. «Er ist Clubbesitzer. Für ihn war die ganze Zeit ein Mysterium.» Eine Frau mit kahlem Kopf hält das Wort Geduld in den Händen. «Sie hatte Brustkrebs und brauchte besonders viel Geduld.» «Ängstlich und fürsorglich», waren die Worte zweier Damen. Vor einigen Jahren heiratete die eine den Ex-Partner der anderen. Nach dem Tod des Mannes beschlossen die beiden Frauen, Frieden zu schliessen und sogar zusammenzuwohnen. So verbrachten sie während der Quarantäne viel Zeit gemeinsam.

Eine Art Luxus: die freie, leere Coronazeit

Das Wort, das Nunes für sich selbst ausgesucht hat, ist «Plenitude». Das portugiesische Wort bedeutet so viel wie Fülle. Für Nunes ist es der Ausdruck, der beschreibt, dass sie trotz der Coronakrise, die viele Künstler in eine zusätzliche Unsicherheit stürzte, voll ausgefüllt und glücklich war. «Ich habe noch nie so viel Zeit für ein eigenes Projekt und meinen Ehemann gehabt wie zu dieser Zeit», sagt sie. Das sei ein wirklicher Luxus gewesen. Um die Fülle komplett zu machen, habe sie während des Shutdown auch mit Yoga und Pilates angefangen.

Für Nunes ist das Projekt aber noch längst nicht zu Ende. Erst muss sie noch alle 100 Fotos fertig bearbeiten und dann möchte sie einen Bildband mit den Geschichten der einzelnen Menschen erstellen. Dieser soll im November dieses Jahres fertig werden. In der Zwischenzeit will Nunes die Fotos so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen. Nebst Instagram wollte sie auch echte öffentliche Plattformen nutzen: Ihr Plan war, die Fotos ans Kornhaus zu projizieren und so die Reflexionen über die vergangene Zeit der Bevölkerung kostenlos vor Augen zu führen. Ob dies tatsächlich funktioniert, ist aufgrund der städtischen Vorschriften noch nicht klar. Weitere Ausstellungen sind in Belo Horizonte, Barcelona und Paris in Planung. In Paris sollen die Bilder in Form von Strassenplakaten an die vergangenen Wochen im Shutdown erinnern.

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