Frau Sidler, Sie verdienen Ihr Geld in der Kirche. Würde das dem Papst gefallen?

Rita Sidler: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Aber ich leiste einen Dienst für die Mitmenschen und für Gott. Ich schäme mich sicher nicht, dafür einen Lohn zu beziehen. Schliesslich liefere ich auch Qualität.

Genügt Ihnen die Qualität der Orgelspieler nicht?

Die Dienstleistungen von «Churchmusic» sollen in erster Linie ergänzend sein, sie werden die Orgel nicht aus der Kirche verdrängen. Auch eine Zusammenarbeit ist möglich. So habe ich auch schon den passenden Gesang zur Orgel organisiert. Es ist aber schon so, dass manche Paare bei ihrer Hochzeit explizit keine Orgel wollen.

Wohin geht denn der Trend?

Gitarre und Gesang sind sehr angesagt. Die Leute wollen in erster Linie nicht einfach Musik eines gewissen Stils, sondern explizit dieses oder jenes Lied. Ein Paar wünschte sich zum Einzug bei der Hochzeitszeremonie «You Are So Beautiful» von Joe Cocker. In unserer Kartei fanden wir den passenden Solisten, der den Song zusammen mit einem Chor umsetzte. Andere wünschen sich zum Einzug in die Kirche auch einen von der Orgel gespielten traditionellen Hochzeitsmarsch von Mendelssohn oder Wagner und während der Zeremonie darf es dann etwas moderner sein.

Der Gottesdienst als modernes Wunschkonzert: Darf man das?

Die Kirche ist nicht nur ein Ort der Klassik. In ihr sollen Emotionen frei werden. Auch seltene Kirchgänger sollen einen schönen Gottesdienst erleben. Und die Musik trägt viel zur Feierlichkeit eines Moments bei. Eine Hochzeit darf nicht bieder und zäh sein. Und wenn es die Hinterbliebenen so wünschen, soll auch die Abdankungsfeier fröhlich sein.

Also wollen Sie den Trend hin zu mehr Individualismus befriedigen?

Dass meine Geschäftsidee funktioniert, hat sicher auch mit diesem Trend zu tun. Das ganze Drumherum um eine Hochzeitszeremonie ist heute schon sehr persönlich: Wedding-Planner organisieren alles bis ins kleinste Detail. Auch während der kirchlichen Feier soll Persönlichkeit ihren Platz haben. Das kann ich auch aus gläubiger Sicht so unterschreiben. Damit erhält die Zeremonie wieder einen höheren Stellenwert. Sie soll nicht nur wegen des Brautkleids schön sein.

Wenn die Hochzeitsmesse perfekt geplant und persönlich wird, müsste man dann nicht auch konsequenterweise auch die normalen Gottesdienste spezieller gestalten?

Es ist auch mein Ziel, dass die Kirche selber Dienstleistungen wie unsere in Anspruch nimmt und so den Gottesdienst vermehrt gestaltet. Der Pfarrer soll nicht Alleinunterhalter sein. Moderne Gottesdienste wie jene in Geroldswil setzen die Forderung nach mehr Gestaltung bereits um. Theaterstücke oder Filmausschnitte sind dort ein fester Bestandteil des Gottesdienstes.

Die göttliche Botschaft tritt also zusehends in den Hintergrund.

Nein, die Botschaft wird von einer vermehrten Gestaltung sogar unterstützt. Aus meiner Sicht darf die Kirche nichts Trauriges oder Ausgelöschtes sein. Wer Freude hat und Lebensfreude zeigt, ehrt Gott, und nicht der, der still sitzt. Aber das ist meine persönliche Meinung. Ich verstehe alle, die das anders sehen. Und sei das nur schon deswegen, weil sie die Lautstärke der Musik stört.

Die Freikirchen sind Vorreiter in einer modernen Gestaltung der Gottesdienste. Bieten Sie Ihre Dienstleistungen auch Mitgliedern von diversen Freikirchen an?

Selbstverständlich. Zu den Freikirchen habe ich allerdings noch wenige Kontakte, die haben uns auch viel voraus, vor allem wenn es in den Pop-Bereich geht. Ich würde meine Dienste gerne auch in diesem Bereich vermehrt anbieten.

Grenzen kennen Sie also keine?

In der Kirche bestimmt der Pfarrer die Grenzen. Und Songs mit antichristlichem Inhalt sind auch für mich ein absolutes Tabu.

Und wie sieht es aus mit Feiern ausserhalb der Kirche? Schliesslich lässt der Name Ihrer Firma, «Churchmusic», einen engen Fokus vermuten.

Auch Zeremonien auf dem Standesamt oder in der Natur sind durchaus möglich. Zum Beispiel wenn jemand die Asche eines Verstorbenen auf dem See verstreuen will.

Trauerfeiern machen etwa einen Zehntel Ihrer Aufträge aus. Was wünschen sich diese Kunden?

Den Hinterbliebenen fehlt oft die Zeit und die Kraft, sich länger mit der Musik für die Trauerfeier auseinanderzusetzen. Die Leute wünschen sich vor allem Instrumentalmusik. Bei Beerdigungen sind das zum Beispiel die Trompete oder das Cello. Und die Musiker wissen schon, was ans Herz geht. So können wir den Kunden Vorschläge machen und Hörbeispiele zeigen.

Reicht es nicht, an der Beerdigung ein Lied abzuspielen, das für den Verstorbenen bedeutend war?

Das ist abhängig vom Auftrag. Einmal wünschten sich die Hinterbliebenen «Das alte Haus von Rocky Docky», weil der Verstorbene dieses Stück so gern hatte. Die Gemeinschaft war total happy, nachdem ein Duo das Stück mit Gitarre und Gesang vorgetragen hat. Das berührte mich.

Es wäre doch wesentlich günstiger, eine CD abzuspielen. Da hat man mit Garantie die richtigen Töne.

Gefühlsmässig finde ich das ein No-go. Es ist doch wichtig, der Musik ein Gesicht zu geben.

Geht es denn nicht an die Substanz, die Musik für schwere Anlässe wie Beerdigungen zu organisieren?

Ich brauche Kraft, um Abstand nehmen zu können. Das ist wie in anderen Jobs auch, in denen man Menschen betreut. Ich habe schon eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Menschen.

Und das macht Freude?

Es ist etwas sehr Dankbares, wenn ich Musik bringen kann, die der Verstorbene sehr gern hatte oder wenn ich unkonventionelle Wünsche erfüllen kann.

Apropos Wünsche: Die Nachfrage für Ihre Dienstleistung ist gross. Haben Sie eine Marktlücke gefunden?

Ja, ich erhalte viel positives Echo. Ich merke, dass ein Bedürfnis vorhanden ist. Die passende Musik für die Kirche ist ein Nischenbereich im grossen Markt der Musikvermittlung.

Sie könnten mehr Geld machen, wenn Sie Ihre Dienstleistung auch für nicht zeremonielle Anlässe anbieten würden.

Künstlervermittlungen gibt es unzählige. Wir konzentrieren uns jedoch auf Musik für Zeremonien, was selbstverständlich auch für weitere Anlässe angeboten wird. So konnten wir auch schon bei Firmenfeiern sowie für Gartenfeste die passende Musik vermitteln. Über «Churchmusic» lässt sich auch ein 30-köpfiger Chor buchen.

Sie arbeiten schon über ein Jahrzehnt bei der reformierten Landeskirche und sind dort für die Musik verantwortlich. Die Kontakte aus dieser Arbeit sind Ihrem Geschäft sicher zuträglich.

Das ist so. Ich schreibe aber auch kontinuierlich Pfarrschaften, Zivilstandsämter und Bestattungsinstitutionen an, damit sie meine Dienstleistung allenfalls in Beratungen erwähnen können.

Wie sind Sie überhaupt auf Ihre Geschäftsidee gekommen?

Im Freundes- und Familienkreis habe ich in der Vergangenheit schon viele Hochzeiten und leider auch Abdankungen begleitet. Zum Teil selber, zum Teil habe ich Musiker vermittelt.

Und irgendwann wollten Sie das nicht mehr gratis machen.

Klar. Vor allem wollte ich diese Geschäftsidee auch viel mehr forcieren. Im Frühling gehen wir mit «Churchmusic» zum ersten Mal an die Hochzeitsmessen in Zürich und Lenzburg. So etwas könnte ich nicht machen, wenn es weiterhin nur eine Idee oder ein Hobby wäre.

Eine letzte Frage: Wie gläubig sind Sie selber?

Ich bete, bevor ich ins Bett gehe und wenn ich aufstehe. Meinen Glauben lebe ich im Alltag und selbstverständlich auch im Gottesdienst, wo die Musik für mich zwar einen grossen Stellenwert hat, mich aber auch nicht jedes Mal gleich berührt. Denn Musik ist und bleibt Geschmackssache.