Aus der vierfachen Mutter und Hausfrau Cornelia Spitznagel wird eine Unternehmerin. Denn heute Samstag lädt sie um neun Uhr erstmals Kunden in ihr im Vintage-Stil eingerichtetes Bistro «Mis Kaffi» in Dietikon zur Eröffnung ein. Für die 34-Jährige ist damit ein Traum wahr geworden. «Seit zehn oder fünfzehn Jahren dachte ich immer wieder an diese Idee, ein Café zu eröffnen», sagt die Dietikerin. Spitznagel ist das Gastgewerbe nichts Fremdes, sammelte sie doch Erfahrung im Service und in Pfarrer Siebers Cafeteria «Sunnestube» in Zürich. Diese Zeit prägte die Dietikerin, die in einer Familie mit leiblichen und Stiefgeschwister aufwuchs. «Ich sehe es als meine Aufgabe, anderen zu helfen», sagt sie. Im Hilfswerk habe sie gelernt, Menschen zuzuhören und zu unterstützen. Ihre soziale Ader sei gestärkt worden, ihre Berufung habe sie entdeckt.

Normal mit etwas mehr

Doch in Dietikon will Spitznagel weder der nächste Pfarrer Sieber werden, noch ausschliesslich Obdachlosen oder Drogenabhängigen helfen. Ihr Café sei für alle da. Für jedermann und jedefrau, reich oder arm, Schweizer oder Ausländer. «Es ist eigentlich ein ganz normales Café», sagt Spitznagel. «Aber wenn man will, kann man etwas mehr haben.» Damit meint sie nicht etwa Seelsorge, sondern ein ungezwungenes Gespräch, oder – wenn man es sich nicht leisten kann – ein gratis Getränk, das von anderen Gästen gespendet werden kann.

Spitznagel will alltäglichen Herausforderungen wie der Kindererziehung und der Arbeitsmarktintegration auf den Grund gehen. In ihrem Café bietet sie nicht nur Espressi, Tee und Dekorationsartikel zu erschwinglichen Preisen, sondern auch eine Kinder-Ecke an. «Hier sollen Mamis und Kinder verwöhnt werden», sagt sie. «Viele Mütter erzählen, dass sie sich oft nicht willkommen fühlen, wenn sie mit den Kindern ein Café besuchen.» Die Lokale hätten zu enge Türen für Kinderwagen und keinen Platz für die Kleinen. Das will Spitznagel nun ändern.
Die Arbeit der Dietikerin scheint selbstlos zu sein. Denn sämtliche Gewinne aus dem Café und aus dem Geschenkladen, den sie im gleichen Lokal betreibt, werden in soziale Projekte investiert. Dafür hat Spitznagel eigens den Verein «Solidarity» gegründet. Sie selber verdient damit keinen Franken, ihre Tätigkeit übt sie ehrenamtlich aus. «Wenn Leute Freude am Café haben, ist das mein Lohn. Mein Mann unterstützt unsere Familie, was für mich ein Privileg ist», sagt Spitznagel. «Natürlich muss man Geld verdienen, das ist richtig so. Aber ich denke nicht, dass man mit finanziellem Reichtum glücklicher wird», fasst sie zusammen.

Spitznagel praktiziert die Nächstenliebe, die in der freien Kirche predigt wird. «Wir müssen Zeit für einander haben», sagt die Christin. Würde sie auch etwa ein homosexuelles Paar in ihrem Café willkommen heissen, oder kollidiert das mit ihrem Glauben? «Wir sind kein christliches Kaffeehaus. Hier sind alle willkommen», kontert sie ohne zu zögern. Sie zeigt sich offen gegenüber Personen anderen Glaubens und Kulturen. «Ein syrisches Paar wohnte ein Jahr lang bei uns zu Hause. Wir helfen gerne.»

Wenn bei Spitznagel das Wort Integration fällt, weiss sie, wovon sie redet. Ihr erstes Ziel ist es - falls das Café-Angebot auf Interesse stösst - einen solidarischen Mittagstisch zu gründen und jemanden integrativ anzustellen. «Bin ich soweit, dann werde ich die Behörden kontaktieren», sagt sie. Eine Zusammenarbeit schliesst sie nicht aus. «Aber ich will zuerst das Café betreiben.» Das sei für sie mehr als eine Arbeit, sondern eine Leidenschaft.

Einige Herausforderungen

Auch mit Herzblut ist die Planung und die Eröffnung eines Kaffeehauses eine schwierige Aufgabe. Spitznagel musste Konzepte erarbeiten, eine Bewilligung sowie ein Baugesuch einreichen. Sie wartete zwei Monate, bis letzteres angenommen wurde. «Das frustrierte mich schon, weil ich ungeduldig bin und viele Ideen gleichzeitig umsetzen möchte», sagt die Unternehmerin.

Mit der Hilfe von Kollegen sowie von einem älteren Herrn, der seit einiger Zeit arbeitslos ist, und nun die Möbel restaurierte, richtete sie das Lokal für die Eröffnung ein. «Ich bin dankbar für deren Hilfe», sagt Spitznagel. «Das Leben ist ein Geben und Nehmen, nicht wahr?»