Emotionen 2010
Sicherheitschef der Street Parade umringt von CNN und Al Jazeera

Der Unterengstringer Remo Michel ist Sicherheitschef der Street Parade. Nach der verheerenden Tragödie an der Loveparade in Duisburg waren die Medien 2010 plötzlich interessiert am Sicherheitskonzept der Zürcher Parade.

Bettina Hamilton-Irvine
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Remo Michel hat gut lachen: In Zürich verlief die Parade problemlos.

Remo Michel hat gut lachen: In Zürich verlief die Parade problemlos.

Limmattaler Zeitung

Nach der letzten Street Parade wäre Remo Michel bestens vorbereitet auf ein Leben als Star. Denn obwohl sich der Sicherheits- und Sanitätschef der Parade in Sachen Rummel an einiges gewöhnt ist, stellte der 14.August 2011 alles in den Schatten. Der 42-jährige Unterengstringer sah sich von internationalen Kamerateams begleitet: «Vorne links war CNN, vorne rechts RTL, hinten links Al Jazeera und hinten rechts ORF. Am Abend habe ich die Kameras kaum mehr wahrgenommen.»

Der Grund für das Interesse der Welt an Michels Arbeit als Sicherheitschef: Nur drei Wochen zuvor war die wiederbelebte Loveparade in Duisburg zur Tragödie geworden, bei der in einer Massenpanik 21 Menschen starben und mehr als 500 verletzt wurden. Fortan wollten alle nur eines wissen: Könnte dies in Zürich auch geschehen?

Kein Zweifel am Sicherheitskonzept

Michel, der seit 1995 für die Sicherheit an der Street Parade verantwortlich ist und dabei ein Team von 750 Personen führt, musste diese Frage fortan mehrmals täglich beantworten.

Doch an seinem Sicherheitskonzept zweifelte Michel, der als Hauptaufgabe für die Firma Protectas den Bereich Weiterbildung leitet, nie. Die Tatsache, dass in Zürich einerseits komplett andere Bedingungen als in Duisburg herrschten und die Street Parade andererseits bereits 16 Jahre lang auf derselben Route mit demselben Sicherheitsteam problemlos über die Bühne gegangen war, bestärkten Michel. «Wenn wir nach dem Unglück in Duisburg neue Zweifel an unserer Sicherheit gehabt hätten, wäre die Parade nicht durchgeführt worden.»

Doppelt so viele Journalisten wie normal

Dass die Street Parade tatsächlich ohne Komplikationen ablief, war für Michel keine Überraschung. Angesichts von doppelt so vielen Journalisten wie normal, konnte er sich eine bissige Bemerkung gegenüber dem RTL-Kamerateam nicht verkneifen. «So, nun da wir bewiesen haben, dass wir keine Leute in den Tod schicken, können wir ja alle wieder nach Hause», habe er gesagt. Er gibt zu, dass eine gewisse Verbitterung mitgeschwungen habe: «Wo war all dieses Interesse in den 16 Jahren zuvor, in denen ich liebend gerne einmal jemanden über unser Sicherheitskonzept informiert hätte?» In diesem Sinne sei es ein undankbarer Job: «Sicherheit wird erst zum Thema, wenn etwas schiefläuft.»

Trotzdem sei die Street Parade dieses Jahr derart im Fokus der Öffentlichkeit gestanden, dass der reibungslose Ablauf vielerorts Eindruck hinterlassen habe, erzählt Michel. Behördliche Delegationen aus der ganzen Welt seien dabei gewesen; mit einigen von diesen stehe er nach wie vor im Kontakt. «Die Berliner Clubszene hat uns sogar angefragt, ob wir ihnen helfen würden, eine neue Loveparade zu organisieren.»

Mehr Zeit für seine Frau

Ob dies für ihn infrage kommt, weiss Michel aber noch nicht. Zuerst muss er eine andere Entscheidung treffen: «Wie lange will ich noch Sicherheitschef der Street Parade bleiben?», fragt Michel, der bereits seit 1994 im Verein Street Parade ist und seit 2007 im Vorstand. Mit den Ereignissen dieses Jahres habe dies nichts zu tun: «Ich habe einfach keine Zeit für mich», sagt er.

Denn nebst seinem Vollzeitjob, in dem er soeben befördert wurde, und seiner zeitintensiven Aufgabe für die Street Parade engagiert sich Michel in weiteren Bereichen. «Ich bin nun seit zwei Jahren verheiratet und bekomme meine Frau kaum je zu sehen», sagt er. Dies soll sich im nächsten Jahr ändern.