Sonntagsgespräch
Shoppi-Leiter Patrick Stäuble: «Es herrscht ein Verdrängungsmarkt»

Die Stärkeren werden die Schwächeren verdrängen: So beschreibt Shoppi-Tivoli-Leiter Patrick Stäuble die Gangart im Detailhandel. Mit Blick auf die Konkurrenz setzt er auf internationale Brands und kleine, regionale Geschäfte, die das Angebot im Einkaufszentrum attraktiver machen.

Alex Rudolf
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Shoppi-Tivoli-Leiter Patrick Stäuble simuliert im Einkaufszentrum eine Innenstadt. Mathias Marx

Shoppi-Tivoli-Leiter Patrick Stäuble simuliert im Einkaufszentrum eine Innenstadt. Mathias Marx

Herr Stäuble, wie shoppt man heute?

Patrick Stäuble: Es reicht nicht mehr, das Einkaufsbedürfnis des Kunden abzudecken. Der Kunde möchte auch Begegnungen haben und etwas erleben. Die Qualität des Aufenthalts am Einkaufsort muss hoch sein.

Widerspricht dies nicht dem Trend hin zum Online-Shopping? Dort bleiben die Konsumenten ganz zu Hause.

Auch der Onlinehandel kennt Grenzen. Wer alleine zu Hause im Internet eine Kamera aussucht, findet, was er sucht. Wenn man aber persönliche Beratung in Anspruch nehmen möchte, oder im Café andere Menschen treffen will, dann muss man aus den eigenen vier Wänden raus. Wegen des Onlinehandels werden die Läden sicherlich nicht aussterben.

Mister Shoppi

Der 44-jährige Patrick Stäuble wohnt mit seiner Frau und seinen zwei 7- und 9-jährigen Kindern in Stein-Säckingen. Nach einer Verkaufslehre bei Coop arbeitete er sich dort zum Geschäftsführer und dann zum Verkaufsleiter hoch. Danach war er verantwortlich für Limimart Schweiz und arbeitete später als Business Unit Leiter der Kiosk AG bei Valora Schweiz. Vor zwei Jahren wechselte er zum Shoppi Tivoli. (aru)

Allerdings sind wieder Umbauarbeiten im Shoppi Tivoli im Gange. Die letzte grosse Erneuerungsetappe war erst im Jahr 2010. Warum ist dies schon wieder nötig?

Es ist ein weiterer Schritt im Prozess des Zusammenwachsens des Shoppi und des Tivoli. Wenn man sich vorstellt, dass die beiden noch vor zwölf Jahren zwei separate Häuser waren, dann ist der Zusammenschluss schnell verlaufen. Man stellte sich die Frage, welche Erweiterungen des Angebots Sinn machen. Der Standort Spreitenbach soll schliesslich eine grosse Vielfalt bieten. Weil das Shoppi Tivoli vor dem Umbau, wie andere Shoppingcenter aus den 1970er-Jahren, nicht mehr dem Standard entsprach, musste und muss man investieren.

Welches sind die augenscheinlichsten Neuerungen, die in den letzten Monaten vollzogen wurden?

Die auffälligste Neuerung ist sicher der Einbau der zwei Rollbänder als Ersatz für Treppen und kleine Lifte. Mit den Massnahmen, die noch bis Mitte nächsten Jahres umgesetzt werden, soll den heutigen Sicherheitsbestimmungen entsprochen, die Rollstuhlzugänglichkeit verbessert und die Aufenthaltsqualität gesteigert werden.

In Schlieren und Dietikon wurden und werden zahlreiche Bauprojekte mit Erdgeschossnutzung realisiert. Sind die Geschäfte, die dort einziehen, eine Konkurrenz für das Shoppi Tivoli?

Klar sind diese Geschäfte Mitbewerber. Speziell im Sommer kann ein Einkaufszentrum nur schwer mit einer Innenstadt mithalten. In der Schweiz ist es auf das gesamte Jahr hin gesehen aber mehrheitlich kühl oder regnerisch. Wir profitieren davon, dass die Leute in dieser Zeit ihre Einkäufe unter einem Dach machen wollen. Und wir versuchen, mit viel Tageslicht unseren Flanierraum attraktiver zu machen.

Sie simulieren im Shoppi Tivoli also eine Innenstadt.

Das könnte man so sagen.

Haben Sie einen Ratschlag an die Stadtplaner, die es bei manchen Neubauprojekten nicht schaffen, die Erdgeschosse zu beleben?

Für die Innenstadt gilt dasselbe wie für ein Shoppingcenter. Der Mietermix ist zentral. Jede einzelne Marke nimmt bei uns ihre Rolle ein. Internationale Brands sollen einen gewissen Glamour-Effekt haben und Kunden anziehen. Aber auch die Rolle des Nahversorgers, der die täglichen Bedürfnisse abdeckt, ist wichtig. Natürlich braucht es auch Cafés, die zum Verweilen einladen, und Dienstleister. Also eine Schneiderei, wo ich Hosen abändern lassen kann oder ein Postbüro.

Warum setzen dies die Gebietsentwickler denn nicht um?

Weil meist verschiedene Grundbesitzer verschiedene Vorstellungen der künftigen Nutzung haben. Das ist der grosse Vorteil des Shoppi Tivoli. Wir haben zehn Eigentümer und einen Verwaltungsrat, die alle am selben Strick ziehen.

Spüren Sie den Trend zu einer Feingliedrigkeit beim Einkaufen, also das Bedürfnis nach Quartierläden?

Diese Tendenz sehen wir auch. Daher wollen auch wir kleineren Geschäften die Möglichkeit geben, ein Ladenlokal zu mieten. Beispielsweise wird bald «Ballon Müller» sein erstes Geschäft im Shoppi Tivoli eröffnen. Dabei handelt es sich nicht um einen internationalen Brand, sondern um einen kleinen, regionalen Laden.

Im Raum Zürich gibt es viel Konkurrenz für Sie. Wie grenzt sich das Shoppi Tivoli gegenüber dem Glattzentrum ab, dem umsatzstärksten Einkaufszentrum der Schweiz?

Das Gebiet zwischen Zürich und Basel ist unser Einzugsgebiet. Die Bevölkerung dieser Region wächst kontinuierlich – nicht zuletzt wegen der regen Bautätigkeit. Gegenüber dem Glattzentrum, dessen Läden sich in einem höheren Preissegment positionieren, sprechen wir die Konsumenten an, die das mittlere Preissegment suchen. Wir haben auch günstigere Anbieter wie Aldi. Ausserdem verfügen wir über 40 000 Quadratmeter mehr Fläche als das Glattzentrum. Das macht uns flexibler.

Wie viele Einkaufszentren verträgt die Agglomeration Zürich?

Nicht mehr viele. In dieser Region herrscht ein Verdrängungsmarkt, in dem der Stärkere den Schwächeren vertreibt. Das ist aber die Natur des Detailhandels. Der Konsument profitiert davon.

Ein Projekt in der Grösse des Shoppi Tivoli oder des Glattzentrums ist derzeit nicht angekündigt.

Das wird es künftig auch nicht mehr geben.

Weil es nicht mehr den Zeitgeist widerspiegelt?

Nein. Weil die Bauvorschriften verschärft wurden.

Blüht Ihnen keine Konkurrenz von kleineren Einkaufszentren?

Das glaube ich nicht. Bei den kleineren Einkaufszentren, in denen es einen Grossverteiler und vier bis fünf weitere Anbieter gibt, wird es in nächster Zeit vermutlich Umnutzungen geben.

Wie meinen Sie das?

Diese Zentren wären wieder profitabler, wenn andere Nutzungen realisiert würden. Ich habe kürzlich ein ehemals mittelgrosses Einkaufszentrum in der Ostschweiz besucht, wo heute in den oberen Geschossen ein Fitnesscenter und eine Arztpraxis beheimatet sind. Nur im Erdgeschoss hat es noch einen Coop.

An welche kleineren Einkaufszentren in der Region denken Sie konkret?

Der Tägipark in Wettingen oder das Löwenzentrum in Dietikon, die früher gross waren, es heute aber nicht mehr sind.

Gleich neben dem Shoppi Tivoli ist das Bauprojekt «Tivoli Garden» ausgesteckt. Die Migros will dort einen Baumarkt und 400 Wohnungen realisieren. Das Shoppi Tivoli würde davon profitieren.

Vor allem von den Wohnungen. Da Wohnen und Einkaufen dann besser zu vereinbaren sind. Der Baumarkt wäre natürlich eine gute Ergänzung zu unserem Angebot, denn wir haben hier keinen.

Verstehen Sie die Beschwerde des VCS gegen den «Tivoli Garden», der eine Umweltverträglichkeitsprüfung verlangt?

Das ist Sache der Migros, dazu äussere ich mich nicht. Dass aber günstiger Wohnraum erstellt werden soll, halte ich für klug. In ein paar Jahren, wenn die Limmattalbahn hier fährt, wird das Gebiet auch durch den öffentlichen Verkehr gut erschlossen sein.

Wie schätzen Sie die Chancen für eine Realisierung ein?

Sehr gut. Die Bahn wird kommen und sie muss auch kommen. Der öffentliche Verkehr muss in dieser Region gefördert werden, damit das Wachstum abgefangen werden kann.

Das Argument der Gegner der Limmattalbahn ist, dass sie den Autoverkehr behindert. Die grosse Mehrheit Ihrer Kunden ist jedoch mit dem Auto unterwegs. Haben Sie in der Limmattalbahn-Frage nicht einen Interessenskonflikt?

Ich glaube nicht, dass wir in unserem Parkhaus ein Auto weniger haben, wenn die Limmattalbahn fährt. Der Konsument, der von weit her kommt, wird weiterhin mit dem Auto anreisen. Dies werden auch Kunden, die schwere Dinge transportieren müssen, tun. Die Limmattalbahn wird, meiner Ansicht nach, am meisten von den Jungen und den Älteren genutzt werden.

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