Zwei junge Männer rennen vergnügt die Treppe zur stählernen Rutsche hoch. Sie sind tropfnass und ihre Lippen schon etwas blau gefärbt. Unter Gekicher und Gejohle schlittern sie die 40 Meter lange Anlage hinunter. Gemeinsam mit ihrer Klasse verbringen sie den Montagnachmittag in der Badi Weihermatt in Urdorf. Die Berufsschülerinnen und Berufsschüler gehören zu den wenigen Badegästen an diesem Tag. Es ist warm, doch die Sonne versteckt sich hinter den dunklen Gewitterwolken.

«Es ist ein angenehmer Kontrast zu den zwei vorhergehenden Wochen. Am 30. Juni hatten wir sicher über 4000 Eintritte. So viele Leute waren seit Jahren nicht mehr hier», sagt Shaban Hashani. Der Betriebsleiter der Sportanlagen Weihermatt sitzt in einem Aufsichtsturm oberhalb der Wasserrutschbahn und blickt auf das 20 000 Quadratmeter grosse Freibad. «Von hier oben habe ich die beste Übersicht und die Badegäste sehen mich. Das ist wichtig», sagt der 35-Jährige.

Gäste baden im Quellwasser

Die Gäste im Schwimmer- und im Nichtschwimmerbecken kann der Betriebsleiter an zwei Händen abzählen. Und trotzdem: «Sobald ein Gast im Wasser ist, müssen wir achtsam sein.» Hashani übernimmt an diesem Tag die Aufsicht als Badmeister. Seit 2011 arbeitet er in der Badi, zuerst als Saisonangestellter, dann als Badmeister und stellvertretender Betriebsleiter. Vor gut einem Jahr hat er die Nachfolge von Hans Käser angetreten, der in Pension ging. Seitdem leitet Hashani die Sportanlagen Weihermatt, im Sommer die Badi, im Winter die Kunsteisbahn.

Auch wenn das Freibad an diesem Tag nicht gut besucht ist, hat Hashani allerhand zu tun. Er steht unterdessen im Technikraum hinter dem Planschbecken und begutachtet die Anzeigen auf den Gerätschaften an der Wand, die mit Wasser gespeist werden. «Wir kontrollieren jede halbe Stunde den Chlorgehalt und den PH-Wert in den Becken. Sind die Chlor-Werte zu hoch, füllen wir Frischwasser nach», sagt Hashani und zeigt auf ein graues Rohr auf der anderen Seite des Raums. Es ist mit «Quellwasser» angeschrieben. «90 Prozent des Wassers in den Becken besteht aus Quellwasser, deshalb haben wir so eine super Wasserqualität», sagt Hashani stolz. Wichtig ist ihm auch die Nachhaltigkeit. «Wir haben ein Abfalltrennsystem mit verschiedenfarbigen Kübeln für PET, Aluminium und normalen Abfall. Künftig wollen wir auch noch Kompostierbares trennen.» Wert legt Hashani überdies auf eine gepflegte Grünfläche. «Der dichte Rasen ist unsere Visitenkarte.» An ruhigen Tagen wie diesen können sich der Betriebsleiter und sein Team der Gartenarbeit widmen.

Zwei Mitarbeiter mit Beeinträchtigung

Hashani ist für 15 Mitarbeiter zuständig. Dazu gehören auch zwei Männer mit Beeinträchtigung. Die Badi hat sie von der Urdorfer Stiftung Solvita übernommen. Einer der beiden Angestellten ist Festim Kala. Er sitzt auf einem kleinen blauen Traktor. Der Anhänger ist mit Ästen und Laub gefüllt. Kala hat die Hagenbuchenhecken geschnitten. «Es gefällt mir hier in der Badi. Wir sind ein gutes Team und die Arbeit macht mir Freude», sagt Kala und lächelt. Am liebsten bereite er die Grillstelle für die Mittagszeit vor. Dazu lege er Holz bereit und feuere an. «Die Grillstelle ist bei unseren Gästen sehr beliebt», sagt Hashani. Es sei schön und gleichzeitig herausfordernd, zwei Menschen mit Beeinträchtigung im Team zu haben. «Nichtsdestotrotz ist es eine Bereicherung und einer der Gründe, dass meine Arbeit so abwechslungsreich ist», sagt Hashani. Das schätze er.

«Ich habe so viele verschiedene Aufgaben, sei es Administratives, Personalführung, Badetechnik oder Gartenpflege.» Zudem passiere trotz des vorgegebenen Tagesablaufs immer wieder Unerwartetes. «Jeder Tag in der Badi ist einzigartig.» Seinen Berufsalltag deshalb mit dem des Rettungsschwimmers Mitch Buchanan aus der 1990er-Jahre-Serie Baywatch zu vergleichen, wäre übertrieben, meint Hashani. «Ich musste glücklicherweise noch nie jemanden reanimieren.» Doch dass Gäste bewusstlos werden oder sich verletzen, das sei keine Seltenheit. «Vergangenen Sonntag brach ein Badegast im Restaurant wegen der Hitze zusammen, und letzte Woche mussten wir die Ambulanz rufen, weil sich ein Badegast bei einem Sprung ins Wasser stark verletzte», erzählt Hashani. Auf solche Momente seien sein Team und er gut vorbereitet. «Wir trainieren jedes Jahr im März und September mit dem Samariterverein Urdorf lebensrettende Massnahmen.»

Wissensdurst stillen

Dank seines Jobs könne er zudem seinen Wissensdurst stillen, sagt Hashani. Dieses Jahr hat er sich zum Fachmann Badeanlagen weiterbilden lassen. «Da ich in einer so umfangreichen Anlage arbeite, bin ich gefordert und lerne viel dazu.» In der Vergangenheit sei das nicht immer der Fall gewesen. «Ich war ein Jahr lang als Sicherheitskraft am Flughafen in Kloten tätig. Meinen Horizont konnte ich dabei nicht erweitern.» Zudem habe ihm die frische Luft gefehlt. «Davon habe ich hier ja eine Menge und ins Solarium muss ich auch nicht gehen», sagt Hashani und lacht.

Drei Mädchen schwimmen um die Wette, währenddessen wagt ein Bub einen Salto vom Drei-Meter-Sprungbrett. Das Wasser spritzt bis zum zweiten Aufsichtsturm neben dem Schwimmbecken. Immer wieder begrüssen die Badegäste Hashani und umgekehrt. Dass er arbeitet, während andere ihre Freizeit geniessen, stört ihn nicht. Er sei ein Dienstleister. Wenn einen das nerve, habe man den falschen Beruf gewählt. «Dafür habe ich unter der Woche frei und kann Zeit mit meiner Familie verbringen.» Hashani ist Vater von drei Töchtern und einem Sohn im Alter zwischen zwei und acht Jahren. Mit ihnen und seiner Frau lebt er in Adliswil. «Ich war mit meinen Kindern an freien Tagen auch schon in der Badi in Urdorf. Am liebsten verbringen wir die Zeit dann bei der Grillstelle und im Planschbecken.» Der vierfache Vater absolvierte eine Lehre als Betriebspraktiker im Alpamare. «Ich war dort von Badmeistern umgeben, und so beschloss ich, im letzten Lehrjahr das Badmeister-Brevet 1 zu machen.» Prompt wurde er nach seiner Ausbildung im Alpamare als Badmeister angestellt.

Unterdessen steht Hashani auf der anderen Seite der Anlage vor dem Eingang der Kunsteisbahn. Statt auf eine Eisfläche trifft man auf einen Kunstrasen. «680 Stück Teppich haben wir ausgelegt», sagt Hashani. Die Rasenfläche sei eine weitere Attraktion der Badi. Darauf könnten Gäste Ballsport machen. «Wenn das Wetter gut ist, herrscht hier Hochbetrieb.»
Aufgewachsen ist der 35-Jährige in Horgen am Zürichsee. «Ich bin ein Seebub. Vielleicht arbeite ich auch deswegen gerne am Wasser», sagt Hashani. Im Alter von elf Jahren folgte er seinen Eltern aus dem Kosovo in die Schweiz. Die ersten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er in der Stadt Gjilan. «Aus demselben Ort stammt auch Xherdan Shaqiri», sagt Hashani. Der Start in der Schweiz fiel ihm nicht leicht. «Ich habe mich mit der Sprache schwergetan. Ich bin eher ein Zahlen-Mensch.»

Der Mix der Kulturen brachte ihn weiter

Umso mehr freut sich Hashani, dass er trotz Anfangsschwierigkeiten in der Schweiz Fuss gefasst hat und etwas mehr als zwanzig Jahre später seinen Traumjob ausüben kann. Sein Erfolgsrezept: südländische Gelassenheit und schweizerische Disziplin. «Diese Kombination hat mich im Leben weitergebracht.» Er rege sich über nervige Badegäste nicht auf und auch nicht, wenn er von ihnen angeschnauzt werde. «Das prallt an mir ab. Es bringt nichts, deswegen den ganzen Tag schlechte Laune zu haben.» Das Positive überwiege. Hashani erinnert sich zum Beispiel gerne an ein Dankesschreiben einer Mutter. «Ich habe ihren Sohn betreut, als er sich in der Badi verletzt hat. Obwohl sich die Mutter danach persönlich bei mir bedankt hat, erhielt ich drei Tage darauf einen handgeschriebenen Brief und eine Tafel Schoggi von ihr. Das hat mich gerührt», sagt er und nimmt auf dem Aufsichtsturm neben dem Schwimmerbecken Platz und blickt auf die Badenden. Am Montag kann auch er den Sommer geniessen. Dann fährt Hashani mit seiner Familie in die Ferien. «Ans Meer natürlich, ich brauche Wasser in meiner Nähe.»