Zürich

Sexuelle Übergriffe in der Kirche: «Wir können nicht auf die Abschaffung des Zölibats warten»

Präventionsfachfrau Karin Iten und Priester Stefan Loppacher gehören zu den ersten Präventionsbeauftragten gegen sexuelle Übergriffe in der katholischen Kirche.

Präventionsfachfrau Karin Iten und Priester Stefan Loppacher gehören zu den ersten Präventionsbeauftragten gegen sexuelle Übergriffe in der katholischen Kirche.

Im Bistum Chur, zu dem auch Zürich gehört, kümmern sich neu zwei Fachleute um Prävention sexueller Ausbeutung. Karin Iten und Stefan Loppacher kämpfen gegen die Tabuisierung von Sexualität und für einen Kulturwandel.

Herr Loppacher, Sie arbeiten seit Oktober als Präventionsbeauftragter, Frau Iten, Sie starten im August. Wie steht es mit der sexuellen Ausbeutung im Bistum Chur?

Stefan Loppacher: Wir müssen leider auch in unserem Bistum davon ausgehen, dass sehr viele Fälle noch nicht aufgedeckt sind. In den letzten zehn Jahren haben sich rund 600 Betroffene von Übergriffen bei den Schweizer Bistümern gemeldet. Jedoch sind Zahlen relativ. In der Realität könnten es 10-, 20- oder 50-mal mehr Fälle sein. Die meiste Aussagekraft haben Berichte der Betroffenen. Was sie erlebt haben, in welchem System der Übergriff stattgefunden hat. Jede Zahl ist ein unglaubliches Schicksal.

Karin Iten: Wir wissen nur Fragmentiertes, da die Geschichte nicht systematisch aufgearbeitet ist. Eine Aufarbeitung kann zeigen, wo Lücken sind, von denen Täter und Täterinnen profitieren. Es wäre aber ein Fehler, dann damit abzuschliessen. Die Prävention muss im Hier und Jetzt ansetzen. Es ist wichtig für die Kirche, aus dem reaktiven Modus herauszukommen und die Baustellen in einer ehrlichen Risikoanalyse zu benennen.

Welches sind die Baustellen?

Loppacher: Eine ist, dass es bis heute keine einheitlichen, transparenten Kriterien gibt, nach denen man Führungspersonen oder Seelsorger auswählt. Welche menschlichen und psychologischen Fähigkeiten muss jemand haben, dass wir ihn mit Menschen arbeiten lassen?

Was muss sich ändern bei der Anstellung?

Loppacher: Langsam etabliert sich, dass für kirchliche Angestellte Privat- und Sonderprivatauszug aus dem Strafregister angefordert werden. Zürich hat das als erster Bistumskanton seit dem 1. Januar gesetzlich verankert.

Iten: Es geht auch darum, systematisch Referenzen einzuholen, einen Background-Check. Man muss sorgfältig sein und Nein sagen, wenn jemand dem Qualitätsanspruch nicht genügt. Während der Anstellung muss man es auch wagen, jemanden zu entlassen. Nicht bei Straftaten – diese bedingen eine Anzeige –, sondern bei wiederholtem inadequaten Verhalten. Bei Priestern ist es wegen des Nachwuchsmangels schwierig, jemanden als ungeeignet zu bezeichnen. Aber der Schutz von Abhängigen oder Minderjährigen hat Priorität.

Wo gibt es noch weitere Risiken?

Loppacher: Wegen der althergebrachten Strukturen tun wir uns als Kirche schwer damit, uns auf Organisationsentwicklung einzulassen. Aber man muss erkennen, wo Felder sind, die übergriffiges Verhalten begünstigt und Aufklärung verhindert haben. Es liegt viel Macht in der Hand von Einzelpersonen. Controlling findet kaum statt. Es gibt keine klaren Abläufe, wie bei Fehlverhalten gegenüber Mitarbeitenden oder Gläubigen vorzugehen ist.

Iten: Prävention bedingt eine lernende Organisation. Die Bereitschaft muss da sein, anzuerkennen, dass die Kirche die Moral nicht für sich gepachtet hat. Sie ist keinesfalls besser als der Rest der Welt. Dies gilt von der Basis bis zur Führungsebene. Für die Führungskultur heisst das Machtreflexion, Kritisierbarkeit, Transparenz und Partizipation.

Ist diese Bereitschaft da?

Iten: An der Basis ist viel Interesse da. Nicht nur wegen des Drucks aus der Öffentlichkeit, auch aus Besorgnis um die Opfer und wegen der Berufsethik und -ehre. Es gibt viel Motivation und wenig Widerstand.

Je weiter man die Hierarchie hochgeht, desto grösser wird der Widerstand?

Iten: Das kann man nicht verallgemeinern. Prävention ist in erster Linie eine Leitungsaufgabe. Mancherorts treffen wir auf ein Führungsvakuum, während weiter oben einseitige Führungskompetenzen vorhanden sind. Die Verantwortlichen sind primär theologisch geschult, aber das reicht nicht. Es geht um Managementaufgaben. Diese lassen sich nicht delegieren, auch nicht an Präventionsbeauftragte.

Loppacher: Für mich bedeutet Prävention, die Kultur einer Einrichtung zu verändern. Das ist ein langer Prozess. Wir arbeiten noch daran, dass der Wert der Prävention erkannt wird und Fachleute ernst genommen werden. Das ist nirgends einfach, wenn man weiss, dass man riesige Fehler gemacht hat. Als Führungsperson muss man geradestehen für Dinge, die früher stattfanden. Das hat etwas Lähmendes. Wir erleben wenig offene Ablehnung, eher Lähmungserscheinungen und Ängste.

Gut gezeigt haben das kürzlich der Rücktritt des reformierten Ratspräsidenten Gottfried Locher und der Skandal in Freiburg, wo Fälle von sexuellem Missbrauch und Nacktbilder im Internet den Bischof in die Bredouille brachten.

Loppacher: Ich kenne die Situationen nur aus den Medien und kann sie nicht adäquat beurteilen. Aber sie zeigen, dass es schnell zu einer Überforderung kommt, wenn man in der Krise professionell interagieren soll.

Iten: Es geht wie so oft um Macht. Was heisst verantwortlich handeln in einer Machtposition? Rund um die Reflexion von Macht gibt es Baustellen in allen Kirchen, wo lange die Berufung durch Gott massgebend war, nicht die Qualitätssicherung. In vielen Kirchen vermischt sich Privates und Berufliches diffus. Das macht die Systeme besonders verletzlich.

Loppacher: Die Ursünde aus Sicht der Prävention ist, anzunehmen, bei uns passiert so etwas nicht. Damit verbaut man sich alles, weil man nicht mehr genau hinschaut. Machtmissbrauch wird gefördert durch diese Doppelmoral. Nach aussen muss man gut dastehen. Das führt zur Verdrängung. Das ist ein Einfallstor für Risiken. Wir haben das als katholische Kirche durchgezogen. Bis in die 2000er-Jahre sagte man, sexuelle Ausbeutung sei nur ein Problem der verdorbenen Amerikaner. Dann wurden auch in Europa immer mehr Fälle bekannt – zuerst aber nur in Irland. 2010 kamen die ersten Fälle in Deutschland, einen Monat später war es Thema in der Schweiz. Und jetzt sagt die orthodoxe Kirche, dies sei nur ein Problem des Westens.

Problematisch ist das kirchliche Verständnis von Sexualität, etwa das Zölibat.

Loppacher: Wo Sexualität ein Tabuthema ist, wie in Teilen der Kirche, gibt es Probleme. Über längere Zeit keinen Sex zu haben, macht niemanden einfach zum Straftäter. Das Problem ist, wenn dies unfreiwillig geschieht und Sexualität permanent ignoriert und unterdrückt wird. Dann wird der Umgang mit Sexualität in der katholischen Kirche zum Risikofaktor und begünstigt sexuelle Übergriffe. Doch langsam findet ein Umdenken statt.

Iten: Veränderung kann dort passieren, wo solche Themen besprochen werden können. Wenn man ehrlich dazu steht, dass es schwierig ist, zölibatär zu leben, auf allen Ebenen der Hierarchie. Das Sublimieren der Sexualität überfordert die meisten – so ehrlich muss die Kirche heute sein. Für den Austausch sollte es Gefässe geben, Sexualberatung als Angebot der Kirche. Dann passiert Bewegung von unten. Auf einen Entscheid von oben zur Abschaffung des Zölibats zu warten, blockiert und hinterlässt Ohnmacht.

Gibt es Sexualberatung für Priester?

Loppacher: Dies oder eine Selbsthilfegruppe für Priester kenne ich nicht. Dass es das nicht gibt, zeigt, wie überheblich es ist, zu meinen, man könne Sexualität mit moralischen und kirchenrechtlichen Normen reglementieren. Zu lange haben wir Erkenntnisse aus der Psychologie und der Medizin nicht ernst genommen und einfach gehofft, Gott helfe einem dabei. Das Tabu eines ‹gefallen Priesters› generiert neue Risiken. Man kann sich keine Hilfe holen, weil es die Bedürfnisse nicht geben darf, dabei sind sie zu tiefst menschlich. Da bleibt nur Unterdrückung. Das ist eine Zeitbombe.

Iten: … mit maximaler Fallhöhe. Besser wäre, zuvor über den eigenen Schatten zu springen. Darüber zu sprechen, braucht eine gute Teamkultur, die keine Angst schürt und Mitarbeitende trägt.

Was machen Sie jetzt konkret?

Iten: Im Kanton Zürich führen wir verbindliche Schulungen durch für alle Angestellten der Seelsorge. Die anderen Bistumskantone werden nachziehen, denn unsere Stelle wird auch von ihnen finanziert. Schulungen zu diesem heiklen Thema müssen verbindlich sein, um sie als Permanentleistung zu verankern. Zudem arbeiten wir an einem Verhaltenskodex für Risikosituationen im Alltag.

Loppacher: Ein Teil ist Beratung von Angestellten und Führungspersonen und Öffentlichkeitsarbeit. Vieles ist noch offen, denn wir gehören schweizweit zu den ersten innerkirchlichen Präventionsbeauftragten.

Wenn jetzt im Bistum Chur ein Missbrauchsfall publik würde, wäre das ein Scheitern für Sie?

Loppacher: Sicher nicht. Auch wenn es persönlich belastend wäre, weil für die betroffene Person alle Präventionsmassnahmen zu spät kämen. Aber aus jedem Fall können wir lernen. Griffige Massnahmen können potenzielle Betroffene schützen und weitere Übergriffe verunmöglichen.

Iten: Es ist ein Qualitätszeichen, wenn Fälle auf den Tisch kommen. Die absolut sichere Organisation gibt es nie. Prävention baut Schwellen ein für weitere Taten, muss aber anerkennen: Es kann auch heute passieren.

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