Birmensdorf
Sepp Kamer ist das Ohr und das Auge von Birmensdorf

«Im Dorf kennen mich die meisten Leute mit Vornamen», sagt Sepp Kamer, Angestellter beim Werkhof in Birmensdorf. Das liege daran, dass er fast täglich mit seinem Wagen - seinem «Ferrari», wie er ihn nennt - unterwegs sei.

Florian Niedermann
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Werkarbeiter Sepp Kamer. (fn)

Werkarbeiter Sepp Kamer. (fn)

AZ

«Dabei kommt man mit den Leuten ins Gespräch. Manchmal spreche ich sie an, manchmal kommen sie auf mich zu», erklärt Sepp Kamer.
Er hat schon immer ein sehr gutes Verhältnis zur Bevölkerung gepflegt, sagt der Werkarbeiter. Manchmal würden ihn seine Kollegen, die meist mit dem Auto unterwegs seien, um den persönlichen Kontakt beneiden. «Ist doch klar. Schliesslich habe ich bei meiner Arbeit auch häufig Kontakt zu Frauen», erklärt Kamer.
Weiterleiten oder selbst anpacken
Kamer ist sowohl das offene Ohr als auch das aufmerksame Auge der Gemeinde: Als Werkarbeiter ist es seine Aufgabe, Mängel an der dörflichen Infrastruktur und Verschmutzungen - besonders im Bereich von Kinderspielplätzen und Bushaltestellen - ausfindig zu machen, und wenn möglich gleich zu beheben. Er fungiert aber auch oft als Schnittstelle zwischen Verwaltung und Einwohnern: «Viele wenden sich an mich, wenn sie etwas stört, sie sich aber nicht trauen, selbst auf den Werkhof zuzugehen», erklärt Kamer. Wenn immer möglich packt er selbst an, um solche Probleme aus der Welt zu schaffen. Falls es aber einen Spezialisten braucht, leitet er die Information an die Werkhofleitung weiter.
Für diese Dienste erfahre er seitens der Birmensdorfer viel Dankbarkeit, so Kamer: «Immer wieder bedanken sich Leute auf der Strasse spontan bei mir. Um diese Wertschätzung bin ich sehr froh.» Es sei ihm ein Bedürfnis, anderen Leuten zu helfen, erklärt Kamer: «Meine Erfahrung zeigt, dass man das immer wieder zurück kriegt.»
Ein Essen zum Dank
Hilfsbereitschaft legt Kamer auch bei der Ausübung seines Hobbys an den Tag: Der gelernte Bleigiesser hat sich seit je her mit Computern auseinandergesetzt, wie er selbst sagt. Im Laufe der Zeit habe er sich selbst mithilfe von Fachzeitschriften und viel Praxis zu einem Computerfachmann entwickelt. Programmiert habe er selbst zwar nie, aber mit der Hardware und der Benutzersoftware kenne er sich sehr gut aus, erklärt Kamer.
Seit sich das herumgesprochen hat, kommen regelmässig Bekannte zu ihm, wenn sie ein Problem mit ihrem PC haben oder sich ein neues Gerät anschaffen wollen. «Ich berate sehr gerne, helfe bei Systemabstürzen und habe für einige Bekannte auch schon ganze Rechner zusammengebaut», erklärt Kamer.
Manchmal könne er sich aber ob der vielen Anfragen kaum mehr retten: «Ich muss darauf achten, dass ich nicht bei allem Ja sage. Schliesslich ist das nicht mein Beruf», sagt Kamer. Für seine Dienste hat er denn von seinen «Kunden» auch nie Geld verlangt. Im Normalfall würden die Arbeitsstunden mit einem gemeinsamen Essen vergolten, so Kamer. Könnte er mit seinem Hobby nicht auch seinen Lebensunterhalt bestreiten? «Möglich wäre das vielleicht schon, aber ich wollte nie nur vor dem Computer sitzen. Ich brauche die Abwechslung bei der Arbeit.»
29 Jahre lang beim «Tagi»
Zur Anstellung beim Werkhof in Birmensdorf kam Kamer über Umwege: Nach seiner Lehre in Luzern arbeitete er in der Druckerei des «Blick» in Zürich. Nach zwei Jahren kündigte er, um mit einem Schulfreund per Anhalter einmal um die Welt zu reisen. In einem halben Jahr schafften es die zwei Tramper bis nach Bombay in Indien. Als dann aber sein Vater verstarb, musste Kamer kehrt machen. Zurück in der Schweiz hatte sein vormaliger Arbeitgeber keine Stelle mehr frei, empfahl ihn aber bei der Druckerei des «Tages-Anzeigers». Dort arbeitete er von 1974 bis 2003 als Kopist.
Dann wurde die Druckerei von einem Investor «aufgekauft und in den Sand gesetzt», wie Kamer sagt. Das sei eine traurige Zeit gewesen, an die er sich ungern zurückerinnere. «Für mich, der schon über 50 Jahre alt war, gab es kaum noch Chancen auf eine Arbeitsstelle.»
So blieb Kamer ohne feste Anstellung, bis die Verwaltung seiner Wohngemeinde Birmensdorf auf ihn zu kam. Man riet ihm, sich doch beim Werkhof zu melden. Prompt wurde er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. «Nach 15 Minuten war für mich klar: Hier will ich arbeiten.» Überzeugt habe ihn nicht nur die Vielfältigkeit seiner Aufgaben, sondern auch die Atmosphäre im Team. «Das ist für mich das Wichtigste», sagt Kamer, «ich habe hier nicht nur Mitarbeiter, sondern Freunde gefunden.»