Schlieren
Seltener Fund hinter dem Spiegel entdeckt

Ein Hausabwart hat Zeitungsausgaben von 1862 gefunden – das Landesmuseum in Zürich zeigt sich daran interessiert.

Nicole Emmenegger
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Limmattaler Zeitung

«Schwyz: In einem Nachtbubenstreit zu Reichenburg wurde Einem der Schädel eingeschlagen.» Diese blutrünstige Schlagzeile stammt nicht aus einem aktuellen Boulevard-Blatt – sondern aus der «Zürcherischen Freitagszeitung» von 1862. Ein Hausabwart hat kürzlich in Schlieren vier Ausgaben aus diesem Jahr entdeckt, wie die Stadt Schlieren in einer Pressemitteilung schreibt.

Kein Wort über Schlieren

Der Abwart hatte den Auftrag, in der städtischen Pflegewohnung Giardino einen alten Spiegel umzuhängen. Der Spiegel war ein Geschenk aus dem Nachlass einer ehemaligen Bewohnerin, die vor einigen Jahren verstorben war. Bei der Umhäng-Aktion kamen auf der Rückseite – zwischen Rahmen und Spiegel – die vier Ausgaben der «Zürcherischen Freitagszeitung» zum Vorschein.

Der Abwart transportierte die brüchigen und vergilbten Papierbogen vorsichtig in die Stadtkanzlei. Dort wurde geprüft, ob die Stadt Schlieren in den Schriften erwähnt wird. «Dies ist leider nicht der Fall», schreibt die Stadt in ihrer Mitteilung. Aufschlussreich sind die Zeitungsexemplare dennoch. Sie spiegeln die Ereignisse, welche die Menschen 1862 bewegten – in einer Zeit, als es im Bündnerland noch Bären und in Frankreich noch Herzöge gab, die sich im Duell erstachen. «Bündten: In der letzten Jagdzeit seien 500 Gemsen und im letzten Jahre 8Bären geschossen worden», heisst es in einer der Ausgaben.

News aus Adelskreisen

Aus Adelskreisen gab es dramatische Neuigkeiten zu vermelden: «Frankreich: Der Herzog von Gramont-Caderousse, der den Herrn Dillon im Duell erstach, ist nach Deutschland geflüchtet (...).» Und: «Rom: In Rom starb 105 Jahre alt die Prinzessin Borromeo.»

Auch der Papst gab Anlass zur Sorge: «Rom: In Folge des Temperaturwechsels herrschen allerlei Krankheiten, wie Blattern, Fieber etc. Selbst der Papst bekam die Ueberröthe wieder. Gebete sind dagegen angeordnet.»

Hohe Wellen schlug zudem schon damals das Wetter: «Frankreich: Der Postdampfer ‹Hamburg› wurde angesichts von Havre im Sturm von dem Dreimaster Juanita aus Bayonne in den Grund gebohrt. Die Bewohner des Leuchthurms von Coutance im Kanal konnten der Stürme wegen nicht mit Speise und Trank versehen werden, und waren nahe daran zu verhungern.» In Amerika tobte 1862 der Sezessionskrieg, in Griechenland wurde König Otto I. durch einen Militärputsch vertrieben. «Weniger als zwei Tage genügte, um den Thron niederzuwerfen, der vor dreissig Jahren so mühsam von den europäischen Mächten aufgebaut worden war», berichtete die «Zürcherische Freitagszeitung».

Während die heutigen Medien in der Regel zurückhaltend über Suizidfälle berichten, schilderte die «Freitagszeitung» einen Freitod äusserst detailliert: «Preussen: Ein aus Liebeskummer lebenssatter Kanonier in Köln füllte seinen Tabacksbeutel mit Pulver, lud damit und mit einer Kugel regelrecht einen Sechspfünder, legte ein Stück brennenden Zunder aufs Zündloch, hielt das Gesicht vor die Mündung des Laufes, und liess sich so erschiessen.»

So spannend die Lektüre der alten Zeitungsexemplare ist – wertvoll sind sie laut der Mitteilung der Stadt Schlieren nicht. Trotzdem habe sich das Landesmuseum dafür interessiert und nehme sie in die Graphische Sammlung auf, schreibt die Stadt. Nachdem die vergilbten Zeitungen lange Zeit hinter einem Spiegel verborgen waren, könnten sie nun für Ausstellungen genutzt werden.

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